Geist:In Lebensfluten, in Tatensturm,
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewig Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Forscher:Der du die weite Welt umschweifst,
Geschäft’ger Geist, wie nah’ fühl’ ich mich dir!
Geist:Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir! (Verschwindet.)

Nicht mit rauher Barbarenhand dürfen wir einbrechen in die heilige Maschinerie des Lebens. In achtungsvoller Ferne müssen wir vor dem Plasma stehen bleiben und es wie eine Feinmechanik betrachten, die man unter einer Glasglocke laufen sieht.

Dem unbewaffneten Auge bietet das Plasma keine Besonderheiten. Es gibt kein zweites Ding auf Erden, das mit solchem Recht auf Stolz so bescheiden auftritt wie das Plasma. Eine gelblichgraue, zuweilen feinkörnige Schleimmasse ohne bestimmten Charakter der Form und Farbe — mehr sieht das grobe Menschenauge nicht vom edelsten Gefüge der Welt. Durch seinen überwiegenden Gehalt an schwerflüssigen Eiweißstoffen, Fetten, Zucker- und Stärkelösungen ist das Plasma halbflüssig, festflüssig; es ist weder fest noch flüssig, es ist beides. Es ist gerade so fest, daß es seine jeweilige Form behalten, und ebenso flüssig, daß es sie jeweils verändern kann. Es ist „plastisch”; und dieser Eigenschaft, alle Formen anzunehmen, zu bewahren oder zu verändern, verdankt es seinen Namen Plasma, Bildungsstoff, oder Protoplasma, Urbildungsstoff.


Untersuchen wir in der Hoffnung, näheres über seinen Bau zu erfahren, Plasma unter dem Mikroskop, so wird unsere Enttäuschung in keiner Weise gemindert. Auch hier sehen wir selbst bei tausendfacher Vergrößerung kaum mehr als eine trübe, bald mit Körnchen, bald mit Fäserchen oder Bläschen durchsetzte Gallerte. Unendlich viel ist über den feineren Bau des Plasmas geforscht worden. Generationen von Gelehrten haben, bewaffnet mit allen Mitteln der modernen Optik und Beleuchtungstechnik, in Rieseninstituten ihr Leben über Mikroskopen feinster Konstruktion zugebracht, haben wahre Leuchtturmscheine in die Tiefe dieses grauen Meeres gerichtet und sich die Augen trüb gesehen, haben es, als dies nichts fruchtete, mit den feinsten Farben der Welt nach allen Methoden gefärbt, mit den schärfsten Messern bis zu Scheiben von 1100 Millimeter Feinheit geschnitten, es mit allen Säuren, Laugen und Lösungen zersetzt, im Ultramikroskop bei 5000facher Vergrößerung beobachtet, mit den besten photographischen Apparaten photographiert und die Photographien vergrößert, mit Stereoskopen betrachtet und kinematographisch verfolgt — und haben sein Geheimnis nicht an den Tag gezogen.

„Geheimnisvoll am lichten Tag
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Blick nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.”

Niemand weiß Genaues über den Bau des Plasmas. Da aber jeder sich von ihm ein Bild zu machen sucht und dieses je nach seiner Augenschärfe, seinen zufälligen Erfahrungen, seiner Phantasie und seinen allgemeinen wissenschaftlichen Anschauungen verschieden ausfällt, so vertritt fast jeder Forscher eine eigene Plasmatheorie.

Nach der ältesten Ansicht, die in den 80er Jahren von Altmann vorgetragen wurde, soll das Plasma aus einer schleimigen Grundsubstanz bestehen, in der als die eigentlich lebenden Teile winzige Körnchen eingebettet liegen, die wie Bakterien in ihrer nährenden Grundmasse leben und sich vermehren (Körner- oder Granulatheorie) (Abb. 4a, [Tafel II]).

Fast zur selben Zeit trat der bahnbrechende Plasmaforscher Flemming mit der Fadentheorie auf den Plan, in der er an Stelle der Körnchen Fäden als die eigentlichen Grundteile des Plasmas annahm (Abb. 4b, [Tafel II]).

An die Fadentheorie knüpfte der berühmte Forscher Pflüger an, der sich das Plasma als ein Gewebe von kettenartig aneinandergereihten Molekülen vorstellte, zwischen denen Flüssigkeiten kreisen. Ähnlich dachte es sich der Botaniker Naegeli als ein Mosaik von kristallartig angeordneten Molekülgruppen. Der französische Forscher Künstler wollte sogar bei stärkster Vergrößerung diese Ketten und Mosaiken gesehen haben und beschrieb das Plasma als ein Wundergewebe der herrlichsten Ornamente, als einen Teppich des Lebens, dessen lebendige Bilder bald aus der Tiefe steigen, bald in die Tiefe versinken, ineinanderfließen und sich verstricken, wieder entwirken und so wie die Farbenbuntheit eines Kaleidoskops an dem gebannten Auge des Bewunderers vorüberziehen (Abb. 4c, [Tafel II]).