Künstler wurde in seinen Schilderungen noch übertrumpft von seinem Landsmann Fayod. Künstler sah hinab in eine still fließende Pracht, Fayod schaute in die Tiefe eines Leben gebärenden Chaos. Er sah im Plasma Wirbel und Spiralen, Bänder und Fäden, Schrauben und Kreise, die sich wie Würmer, wie Schlangen durcheinanderwanden, und je tiefer er hinabsah, um so mehr Ringe und Spiralen tauchten aus der Tiefe hervor, und jedes einzelne Band war geflochten aus gesponnenen Fäden, und jeder Faden war wieder gewunden aus einzelnen Schnüren, und im Halbdunkel der Lichtgrenze lösten sich diese Schnüre auf in Punkte, Pünktchen an der Grenze des Unsichtbaren, wie die Sonnenwelten der Milchstraße im grauen Dämmerkreis des weltalldurchdringenden Fernrohrs. Wie die Arabesken an den Wänden der Zauberschlösser aus 1001 Nacht muten diese Bilder aus den Tiefen des Lebens an. Sind sie Wahrheit oder Märchen? Wundergebilde aus dem Formenschatz der Natur oder Ausgeburten romanischer Forscherphantasie? (Abb. 4d, [Tafel II]).

Über all diese Augen- und Hirngespinste hat in den neunziger Jahren die auf eingehende Untersuchungen fußende Waben- oder Schaumtheorie Bütschlis den Sieg davongetragen. Nach Bütschlis Ansicht ist das Plasma ein mikroskopischer Schaum, der sich, wie der Bierschaum aus Luft und Bier, aus zwei verschiedenen Gruppen von Stoffen zusammensetzt: aus den schwerflüssigen Eiweiß-, Stärke- und Fettverbindungen, die die Wände der Schaumkammern bilden (entsprechend dem Bier), und den leichtflüssigen Säure-, Zucker-, Salz- und Seifenlösungen, die diese Schaumkammern ausfüllen (entsprechend der Luft). Bütschli erzeugte mit Olivenöl und Seifenwasser mikroskopisch feine Schäume, die mit dem Plasma vieler Zellen eine solche Ähnlichkeit besitzen, daß man sie nicht voneinander unterscheiden kann ([Abb. 5]).

Das Plasma ein Schaum! Der große, stolze Mensch — ein Schaumgebilde!

Abb. 5. Ölseifenschaum und Plasma (nach Bütschli).

Die Schaumtheorie Bütschlis ist nicht nur theoretisch und durch den Augenschein gut begründet, sondern vermag auch, wie keine andere, die zahlreichen, so wechselnden Erscheinungen im Anblick des Plasmas zu erklären. Entsprechend der Unzahl der chemischen Verbindungen des Plasmas sind die Tröpfchen und Waben mit verschiedenen Stoffen erfüllt, gibt es im Plasma Säure-, Alkohol-, Fett-, Phosphorfett-, Aminosäure-, Eiweiß-, Zucker-, Stärke-, Salz- und Seifentröpfchen und -waben, die durch die wechselnde Zahl und Zusammenstellung die unendliche Artenfülle des Plasmas in den einzelnen Pflanzen und Tieren, Geweben und Organen hervorrufen und das jeweilige Auftreten von feinen oder gröberen Punkten, von Linien, Schollen, Mosaiken, Fäden und die oft entzückend harmonischen Felderungen im Innern des Plasmas bewirken (Abb. 4e, [Tafel II]).

Dieser chemische Reichtum kommt aber erst durch die physikalischen Eigenschaften des Schaums zu lebendiger Entfaltung. Als chemisches Gemenge wäre er ein Hexensabbat von Chemikalien. Durch die physikalische Anordnung zu Schaum wird die Fülle zum planvoll wirkenden Getriebe. Jedes Kügelchen und jede Kammer im Innern des Plasmas bildet eine kleine Werkstatt des Lebens, die, von der Außenwelt abgeschlossen, in sich und für sich lebt und wirkt. Wie Planeten mit ihren Wolken, Meeren und Bewohnern ungestört umeinanderkreisen und alle gemeinsam das bewegte Sonnensystem bilden, so schweben die Fett-, Eiweiß-, Zucker-, Stärke-, Salz- und Seifenkügelchen im Plasma als die Planetenwelt des Lebens ungehindert im Verein. Wo sie sich berühren, schließen sie sich durch ihre Kammerwände streng voneinander ab. Zwischen ihnen fließen die Lösungen der niederen Stoffe, und jede Kammer und jedes Tröpfchen nimmt aus ihnen diejenigen Stoffe in sich auf, die seinem Inhalt chemisch verwandt sind. Die eine Wabenwand ist für Salzlösungen durchlässig und häuft die Salze in sich an. Eine andere läßt Zuckermoleküle ein und setzt aus ihnen Stärke zusammen. Eine dritte baut aus Aminosäuren Eiweiß, eine vierte aus Fettsäuren und Natrium Seife. So führt jedes Kämmerchen im Schaumpalast des Lebens unbekümmert um den Wechsel und Wandel umher ein durch seinen Bau vorgeschriebenes, zwar beschränktes, aber harmonisch abgestimmtes Dasein, jedes ein schaffendes Glied in der lebendigen Kette des Lebens. Nur wer sich so im Rahmen der Wabentheorie das Innenleben des Plasmas in einer einzigen Zelle als das Zusammen- und Nebenspiel von vieltausend chemisch-physikalischen Vorgängen in einem Miniaturwabwerk von vielleicht 20 000 Kügelchen und Kämmerchen zur Vorstellung zu bringen sucht, jede Zelle vor sich sieht als eine chemische Fabrik mit tausend abgeschlossenen geschäftigen Laboratorien, nur der naht sich dem Problem des Lebens mit jenem Bewußtsein seiner Tiefe und Verschränktheit, das diese in des Wortes wahrstem Sinne wundervollste Naturerscheinung von jedem verlangt, der nicht vergeblich an den Pforten seines Geheimnisses klopfen will.

Die äußere Form, in der das Plasma auftritt, ist die Zelle. Die einfachste Zelle der heutigen Lebewelt ist die Amöbe, nichts anderes als ein mikroskopisch kleines Tröpfchen grau gekörnten Plasmas. Sie besitzt noch keine feste Gestalt, sondern wälzt sich unter dauernder Veränderung ihrer Form wie ein hinfließender Teig über den feuchten Grund. Hinwälzende Bewegung, Empfindung, Nahrungsaufnahme, Wachstum und Fortpflanzung durch Teilung ihrer Masse sind die auffallendsten Äußerungen ihres primitiven Lebens (Abb. 6, [Tafel II]).

Als eine Art Amöbe müssen wir uns auch das Urtier der Vorzeit, die Stammform aller späteren Zellen und Geschöpfe, denken. Aus ihr entwickelten sich die höheren Formen durch das Prinzip der Arbeitsteilung. Wälzt sich der Plasmatropfen hin, so bewegen sich die Außenteile der Kugel stärker als die der Mitte, so wie der Umfang eines bewegten Rades sich rascher dreht als seine Achse. Trifft das Urtier ein Reiz der Außenwelt, etwa der Anstoß eines Steines oder die Kälte einer Strömung, so empfinden wieder die Außenteile die Wirkung stärker als die der Mitte. Demgemäß mußten nach dem bekannten Lebensgesetz, daß durch Gebrauch die Organe erstarken, wie die Muskeln des Turners, durch Nichtgebrauch dagegen verkümmern, wie die Zehen des Kulturmenschen, von Urbeginn an sich im Plasma der Zelle Bewegungs- und Empfindungsfähigkeit in den Randteilen stärker entwickeln als in den Innenbezirken. In diese ruhende Mitte dagegen wandern die aufgenommenen Nahrungsstoffe und werden hier durch chemische Säfte verdaut, so daß die Mitte der Zelle zum chemischen Zentrum wird, während die bewegten und empfindenden Außenteile nur wenig zur Entfaltung ihrer Verdauungskräfte gelangen und diese folglich in ihnen allmählich verkümmern. Ebenso sammeln sich alle übrigen der Bewegung hinderlichen Bestandteile aus den Außenbezirken der Zelle in ihrer Mitte an, so vor allem die kostbaren Stoffe der Vererbung, und bilden hier eine Anhäufung, einen Kern.