Doch auch der wirklich liebende Erzieher kann hier versagen. All seine bildnerischen Fähigkeiten helfen ihm hier nichts. Leicht und unmerklich verfällt er dem Besitzgedanken, wenn er vergißt, daß er lebendige unter seiner Hand wachsende Menschen vor sich hat. Mit der Gewalt seiner Liebe kann er über die Kinder kommen, sie zur Unterwürfigkeit verführen und so zum Tyrannen wider Willen werden. Oder er kann in seiner hingebenden Liebe gar zu hinfällig werden und so dann wieder ungewollt ihre tyrannischen Instinkte erwecken.


Ehrfurcht als Liebeshemmung

Schon jetzt ist es klar geworden: Liebe ist mit dem Machtgedanken schicksalhaft verleitet. Die Erziehung zur Liebe wird sich also mit dem Machtgedanken auseinanderzusetzen haben. Die Haltung des Führenden wird daher grundsätzlich anders sein als zuvor. Bisher handelte es sich um die Entfaltung des einzelnen Menschen. Der Führer stand sorgend, hütend, wartend daneben. Der Mensch wächst aber nicht ungestört und unbekümmert wie eine Pflanze, um eigne Blüte und Frucht hervorzubringen. Sondern er hängt entscheidend von den anderen Menschen ab, gibt und empfängt von der Gemeinschaft der Menschen. Von dem rhythmischen Wechsel dieses zwischen-menschlichen Gebens und Nehmens ist von nun an die Rede. Hierbei handelt es sich um etwas, das nicht so wie bisher »von selbst« geschieht. Dem einzelnen Menschen, wenn er so wächst wie er wächst, wird es nicht einfallen, sich um den andern zu kümmern. Vielmehr wird ihn, wie geschildert wurde, der dunkle Trieb zur Machtentfaltung, zur Besitzergreifung des anderen zwingen, zumal wenn der andere mit ihm dasselbe versucht. Hier muß der Führende auf irgendeine Weise seinen Anvertrauten jene beiden Erfahrungen vermitteln, welche die Liebe bedingen: ein jeder ist in sich selbst allein und hat kein Recht an den anderen: aber trotzdem ist es möglich, zueinanderzukommen durch freiwillige Hingabe. Wie geht dieses vor sich?

Aus der Tiefe des Selbst steigen hemmende Kräfte, die jene elementaren Machttriebe dem anderen Menschen gegenüber zu dämmen vermögen. Und nun schwillt diese selbst-hemmende Kraft an, fließt über, gibt sich hin, löst sich auf in den andern. Dieses Wissen von der liebewirkenden Kraft der Hemmung gilt es zu wecken. Jedes Wissen hängt ursächlich mit dem Wissen vom Tode zusammen. Nichtswissenwollen stammt aus Todesfurcht. Und so ist in allen Menschen ein leises Sträuben auch gegen dieses Wissen von dem Segen der Hemmungen. Nur das stärkste Mittel kann hier helfen: Zwang! Zwang in einem besonderen Sinne! Der Führende muß sich selbst mit seiner ganzen Persönlichkeit seinen Anvertrauten gegenüber stellen, sich ihnen in den Weg stellen, sich unumgänglich machen. In keinem Fall darf er diesen Gegensatz zwischen ihnen verwischen lassen. Er selbst stellt eben mit seiner ganzen Persönlichkeit für seinen Anvertrauten den anderen Menschen dar. Und diesen anderen Menschen (sich selbst) muß er gegen ihn wahren und wenn es notwendig ist, verteidigen. Er muß den jungen Menschen spüren lassen, daß er kein »Recht« an ihm hat, daß Liebe nicht Besitzergreifung ist. So leicht ist es ja möglich, daß seine Vertrauten sich gewöhnen, ihn in Anspruch zu nehmen, so wie man tagtäglich seinen Stiefel oder andere Gegenstände benützt; hält sich doch der Führende zu jedem Spiel, zu jeder gemeinsamen Arbeit bereit, Offenheit und Hingebung an das gemeinsame Leben ist seine Lust und sein Gestaltungstrieb vollauf damit beschäftigt. Aber es gibt Zeiten, wo die Offenheit dem Anderen gegenüber Lüge wird. Es gibt Stunden, wo sein eigenes Leben und Arbeiten ihm befiehlt, sich zu verschließen und ganz mit sich allein zu bleiben. Hier darf er sich nicht aus sich herauszerren lassen durch die gewohnheitsmäßig an ihn gestellte Forderung der Anderen. Er muß die Kraft haben, nein zu sagen, nicht notwendig mit Worten, sondern mit der ablehnenden Regung seines ganzen Willens. Läßt er sich an solchem Tage doch verleiten, den Forderungen der Anderen nachzugeben, so tritt das Schlimmste, die Lüge zwischen ihn und seine Vertrauten. Solche Herablassung, lustlose Hingabe, Verstellung in irgendeinem Sinne wird durch die überquellende Lebenslust der Kinder zunächst vielleicht überdeckt werden und ist darum so besonders schadenvoll. Geschieht diese täuschende Herablassung, diese Hingabe aus Pflicht öfter, so »merken« dann die Zarten doch sehr bald etwas, und damit ist das Vertrauen an seinem Grunde erschüttert. Hier also gilt es, die Kraft zum Nein, zur Ablehnung, zur Selbstbewahrung aufzubringen und dem Anderen deutlich zu machen: Heut ist ein Tag der Ferne zwischen mir und dir. Heut ist alles verschlossen in mir, und wenn ich auch neben dir stehe, bin ich dir doch fremd. Diese Erfahrung wird dem jungen Menschen nun gewaltsam den Abgrund aufreißen, der sein Selbst von allen Menschen trennt. Der Kampf gegen den Besitzgedanken ist hiermit bewußt eröffnet. Wenn in früher Jugend schon ein gewichtiger Mensch dem Jüngeren bedeutet: hier ist deine Grenze, du hast kein Recht, in das verschlossene Gebiet des Anderen einzudringen, so entsteht zunächst Ehrfurcht vor diesem Anderen, Ehrfurcht vor dem Älteren, Ehrfurcht vor der Ferne des anderen Menschen wird auch im Kreise der gleichaltrigen Genossen dem Miteinanderleben die notwendige Spannung geben. Auch der Führende seinerseits wird durch die Ehrfurcht vor der geschlossenen Art seiner Anvertrauten ihnen in ihrer Einsamkeit nicht zu nahe treten und so Machtwunsch und Besitzwillen in sich überwinden.

Ehrfurcht hemmt jedes vorzeitige Wollen, Ehrfurcht läßt innehalten, Ehrfurcht hüllt sich schützend um alle noch nicht zur Reife gelangten Liebesformen. Aber Ehrfurcht ist nicht nur eine Durchgangsform, sondern unter Umständen auch etwas Endgültiges. Es ist durchaus möglich, daß es im Verhältnis zwischen Menschen überhaupt nicht, oder von einem bestimmten Zeitpunkt an endgültig nicht mehr zur Entfaltung der Liebe kommt. Dann bleibt es aber doch möglich, daß dieses Entferntsein kein gleichgültiger, sondern ein liebesgerichteter Zustand ist. Dieser Zustand des liebenden Entferntseins wird heute selten zugelassen und fast überall in die Scheinformen von Leidenschaft und Inbrunst hinauf- und hinabgezerrt. Der höfliche Verkehrston oberer Gesellschaftsschichten, ebenso die höfliche Umgangsart der Menschen in südlichen und orientalischen Ländern, schließlich die Geselligkeitsformen der Menschen vor 1840 etwa drückt ungefähr nach außen hin aus, was hier gemeint ist: Wohlwollendes Entferntsein, Einandergeneigtsein, ehrfurchtsvolle Achtung des Unbekannten.

In den nördlichen Ländern und den unteren Gesellschaftsschichten, wozu auch die meisten bürgerlichen Kreise gehören, und in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist diese Achtung voreinander allmählich geschwunden, sicherlich aus der dumpfen Sehnsucht nach bewegteren Formen unmittelbarer Liebe. In den sogenannten gebildeten Schichten erstarrte ja die Liebe. Andeutende Beispiele genügen: die gute bürgerliche Ehe führt zwar bestenfalls zu einem gemeinsamen Leben in Achtung voreinander, aber sie endigt auch darin. Der gut erzogene Sohn verharrt in der Ehrfurcht vor dem Vater, die Schüler in Ehrfurcht vor den Lehrern, der Beamte in Ehrfurcht vor dem Vorgesetzten. In allen diesen Fällen handelt es sich um die besten Fälle. Und gerade gegen diese Mustergültigkeit, die ein durchaus auskömmliches Leben miteinander sichert, erhebt sich der Sturm der Masse, welche in sich spürt: der Damm muß zerbrochen werden. Es gilt einzig und allein zueinanderzukommen. Und nun prallen die Menschen in ihrem Liebeswillen ungehemmt und zügellos aufeinander. Sie zerquälen und zerreißen sich mit ihrem Liebeswillen, oder was seltener und gar nicht schlechter ist: mit ihrem Haß. Freundschaften, Ehen, Kreise und Bünde entstehen aus diesem reißenden Willen nach Vereinigung um jeden Preis. All diese neuen Gemeinschaftsformen sind dazu verurteilt, sofort wieder zu zerbrechen, oder doch in sich unmöglich zu werden, weil eben das Medium, die Ehrfurcht voreinander nicht da ist.

So ist es das Erziehungsamt der lebendigen Einzelnen, die Ehrfurcht zu wahren und trotzdem zueinander durchzustoßen. Diese wenigen Lebendigen spüren den gleichen Drang in sich wie die große Masse: die erstarrte Liebesordnung im Verhältnis der Menschen zueinander zu zerbrechen. Aber sie wissen, daß dieser Durchbruch zueinander nur stark sein kann, wenn die Liebe Zeit hatte zu wachsen und also sich zu ihrer ganzen Größe aufzustauen.


Leidenschaft und Inbrunst