Der Tod geht überall in den Dienst des Lebens, und seine Macht wird scheinbar gering. Je bewußter und kühner die Lebensschwingungen nun werden, desto gewaltiger wächst aber die Gefahr mit. Unter dem Namen Krankheit, Sünde, Schuld wurde schon vorher von der Gefahr gesprochen. Hier wird sie mit ihrem umfassendsten Namen genannt: Todesfurcht. Es kann geschehen, daß der Tod schon lange wohlgezähmt dem Leben diente, aber bei irgendeiner Gelegenheit, ganz plötzlich wird er in seiner Urgestalt, in seiner Nichtgestalt erkannt. Entsetzen vor dem Tode ist plötzlich da und nichts anderes als Entsetzen. Einzige Ausflucht bleibt: das Leben festzuhalten. Und dieser Wunsch rät öfter und öfter zur Vorsicht und Schonung. Die Lebenskraft wird zurückgehalten, wo der Einsatz zu groß scheint. Man spart sein Leben auf, wird geizig mit seiner Kraft. Bei der nächsten Gelegenheit könnte man diese zurückgehaltene Kraft besser anwenden, glaubt man. Aber in Wahrheit ist alles Furcht vor dem Abnehmen der Kraft, Furcht vor dem Tode. Man möchte gar zu gern das Leben aufspeichern, um recht lange davon zu zehren. Es ist der Besitzgedanke, der da das Leben durchseucht hat und plötzlich alle, aber auch alle Mühe vieler Jahre mit eins zunichte macht. Es ist hier wie stets, die Gefahr kommt von einer anderen Ecke als man vermutet. Der, der sein Selbst lange Zeit gepflegt hat und dem es nun Früchte bringt, dem mancherlei Leistungen immer besser gelingen, glaubt natürlich, die einzige Gefahr läge im Nichtstun, man nennt das Zeitverlieren; er sucht alle Löcher zu verstopfen, durch die seine Lebenskraft noch nutzlos verrinnen könnte. Mit wenig Zeit viel erreichen, das ist sein Wille. Und während er all sein Augenmerk nur immer auf Steigerung des Lebens richtet, unvermutet packts ihn von der anderen Seite. Es ist wie ein Schwindel nach langem Bergsteigen.
Es kann nur zweierlei geschehen. Der starke Mensch verschließt sich vor diesem ersten Gewahrwerden des Abgrundes. Er erkennt den Tod einfach nicht an. So ist es heut gewöhnlich. Angst gilt nicht. Der Mensch soll und soll und soll … Und so beginnt er den völlig hoffnungslosen Kampf mit der eigenen Todesangst. Wo man sie findet, stößt man sie weg, so daß sie in die Träume und unbewachten Augenblicke flüchtet, bis der Mensch an einem grauenvollen Tage schließlich doch übermannt und zerbrochen wird. Der schwache Mensch dagegen gibt gleich beim ersten Mal das Spiel verloren. Der Tod nimmt von ihm langsam Besitz. Die Lebensfreude weicht. Der Mensch fragt sich bei jeder Gelegenheit: wozu? Die falsch verstandene Weisheit des Predigers: »Alles ist eitel« vergiftet die Freude an jedem Tun und jedem Genießen.
Hier gibt es nur eins: Bejahung des Vorhandenen. Die Todesfurcht ist da und nicht wegzuleugnen. Todesfurcht heißt nur: ich liebe des Leben! Warum also Scham vor der Todesfurcht? Unterliege ich diesmal der Furcht, lasse ich mich heute ganz durchdringen von dem Tod, morgen vielleicht schon werde ich wieder jung werden mit einem anderen Tage, und mein Leben ist wieder siegreich. Volle Anerkennung der Schwäche, ein Ersterben in Furcht ist nötig, um die Furcht zu entkräften. Die heroische Weltanschauung will das nicht zugeben, d. h. sie will es nicht so weit kommen lassen. Sie verdrängt die Todesfurcht. So sagt man schon dem kleinen Jungen, der seinen Mund zum Weinen verziehen will: was, du willst ein Junge sein, du wirst dich doch nicht unterkriegen lassen? Jawohl. Er soll sich unterkriegen lassen mit aller Inbrunst des Versinkens in das Unvermeidliche. Viel zu früh geben die allermeisten auf, sich vor dem Tode zu fürchten, weil sie gar nicht wissen, was sie mit ihrem Leben verlieren können, weil sie ihr Leben nicht lieben und es ihnen gleich anfangs leicht und feil ist oder wohl gar unnütz oder mühselig oder belanglos. Wo man nicht liebt, ist es freilich einfach, nicht zu fürchten. Aber wo das Leben in einem Menschen groß und hell und weltenweit geworden ist, da ist so viel zu verlieren, daß manchmal nächtelang rund um ihn nichts ist als Furcht.
Aber nach solcher Überflutung von Angst und Grauen wird eine verborgene Kraft wirksam werden. Es gibt eine Kraft, die plötzlich im Untersinken das Unvermeidliche lieben läßt, sogar wenn das Unvermeidliche das Aufhören des selbsteigenen Lebens wäre. Wer dieses erfahren hat, weiß es. (Und viele haben es in dieser Zeit erfahren.) Wer in einem Augenblick des sehr nahen Todes diese große Umstellung gespürt hat, vermag von da an die Furcht zu entkräften mit der lächelnden Abspannung: ich gebe mich hin, ich lasse mich treiben, selbst und ungezwungen lasse ich mich fallen in den Tod. Diese Kraft kommt ruckweise über den Menschen und löscht alles Vorhergewesene aus. Unvergleichbar ist das mit dem lässigen Aufgeben eines gleichgültigen Dinges. Wo die Umstellung mit dieser lässigen Gebärde geschieht, ist noch Lüge dabei. In Wahrheit ist es wie nach dem Ziehen einer herrlichen Last bis an den obersten Rand, bis sie rund und voll daliegt und im Licht funkelt. Nun aber ist es gut: nun lasse ich meine Hände davon. Das, was meine ganze Kraft, Freude und Leid in sich enthält, das lasse ich nun fahren, wende mich davon ab und bleibe leer und arm und nichts. Gewaltig und schöpferisch ist diese Inbrunst des Lassens, und die Furcht hat nichts mehr wo sie anpacken könnte und wandelt sich in ein leise fragendes Staunen: Was nun? Hier wird bewußt, was Wahrheit ist: der Leben erschließende und Leben beschließende Tod nicht mehr Feind des Lebens, sondern die große schöpferische Pause des Lebens.
Liebe als Macht
Das atmende, das durch Tag und Jahr und Lebensalter hindurch flutende Leben des Selbst, all dieses schwingende Geschehen im Leben des einen Menschen, gerinnt zu Schicksal für den anderen und heißt dann: Liebe. In dem Maße, wie Liebe sich eigenwillig gebärdet, faßt das Wort noch nicht ganz seinen Inhalt. Erst wo sich das ganze Leben unter einen anderen Neigungswinkel beugt, also dem anderen Menschen in seiner Gesamtheit dargebracht wird, ist Liebe im großen Sinn. Solche große Liebe, die das ganze Leben in ein liebendes Leben verwandelt, ist aber nicht in dem Sinne Schicksal, als ob es jedem so ohne weiteres zufallen könnte. Nur wenige vermögen dieses Schicksal zu tragen. Eine doppelte Erfahrung muß im ganzen Ausmaß ihrer Höhe und Tiefe vorausgegangen sein. Die im tiefsten Grunde schmerzliche Erfahrung von dem Alleinsein der Menschen und das beglückende Geheimnis von der trotzdem möglichen Vereinigung gibt die beiden Pole, die erreicht werden müssen, wenn die Liebe wirklich umspannend werden soll. Sonst wird die Liebe eben nicht rund wie die Welt und nicht umfassend wie das Leben, sondern bleibt Stückwerk, Schmuckwerk, kommt leuchtend hier und da zutage und verschwindet dann wieder auf lange Strecken.
Das Kind nimmt aus dem Mutterleib die dunkle Glückserinnerung an den Zustand des völligen Umschlossenseins mit. Da gab es noch nicht Getrenntheit. Es hatte das Blut der Mutter zu eigen. Geburt ist dann der große Schmerz des Getrenntwerdens. Mit diesem Schmerz wird zugleich der Wunsch geboren, den schmerzlosen Zustand wieder zu gewinnen. Sehnsucht nach Besitz und Macht in den verschiedensten Gestaltungen quillt von nun an unaufhörlich aus dieser dunklen Wunschquelle und ist weiter nichts als das zu reißend gewordene allzu ungestüme Verlangen, selbst in den andern einzugehen. Mit Augen und Händen ergreift das Kind darum sogleich Besitz von der Welt und den Menschen. Was ihm nahekommt, gehört ihm. Die Eltern kommen diesem Besitzwunsch des Kindes so lange entgegen, wie er sich in der liebenswürdigen hilflosen Art des kleinen Kindes äußert. Wenn das Kind dann erst laufen kann und seine Wünsche unbequemer werden, beginnt man zu »erziehen«, d. h. abzugewöhnen. Dabei werden aber die Eltern oft kindischer als die Kinder. Ihre eigene dunkle Sehnsucht nach Macht benutzt die Gelegenheit, von dem Kind, das sich ja nicht wehren kann, Besitz zu ergreifen. Aus demselben dunklen Grund stammt ja bei Eltern und Kindern dieser Wunsch. Auch die Mutter hat ja das Kind einmal ungetrennt besessen. Daß es noch ihr eigenes Fleisch und Blut sei, will sie möglichst deutlich immer wieder erfahren. Auch sie willigt in kein Getrenntsein ein. Grauenhaft ist es nun zu sehen, wie die meisten Kinder als das allerdings kostbarste Besitzstück der Familie betrachtet und auch sogar nach außen hin als solches hin- und hergeschoben und gezeigt werden. Die Erwachsenen sind stärker. Sie setzen ihren Willen durch. So wird der junge Wille meist schon ganz früh gebrochen, die Begierde der Kinder wird erdrückt und kommt erst später wieder zutage. Oder das Gegenteil geschieht (wenn auch nicht so häufig): dem Kind wird alles zu willen getan. Und es lernt dann niemals das Getrenntsein, den Abstand von Menschen und Dingen. Es bleibt unerlöst in seiner Besitzbegierde stecken. Beides, das gewaltsame Unterdrücken der kindlichen Besitzbegierde wie das schrankenlose Gewährenlassen dieses Triebes, begründet die spätere Unfähigkeit zu lieben.
Die bestehenden Schulen versagen hier auch fast vollständig. Die meisten Lehrer widmen sich ja aus Erwerbsgründen diesem Beruf. Sie lieben die Kinder gar nicht. Gegen das jugendliche Drängen müssen sie sich wehren, weil es ihre eigene Macht bedroht. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als eine Maske anzunehmen, damit das Schwinden ihrer Macht nicht bemerkt wird. Wo sie spüren, daß ihre Macht im Schwinden ist, müssen sie gleich zum Gegenangriff übergehen, weil sonst alles verloren ist. Ihr Beruf, ihr Amt, ihre Schulklasse wird »ihre Aufgabe«, an der sie arbeiten, das Material, an dem sie ihre Kraft sehen können, der Besitz, über den sie verfügen. Wo sich unter den jungen Menschen anders gerichtete Kräfte regen, da sind sie sofort argwöhnisch, als sei jedes eigenmächtige Wachstum selbstverständlich gegen ihre Autorität gerichtet. Aber Autorität wahren, nichts sich vergeben, immer oben sein, ist ihre einzige Rettung, sonst paßt ihnen ihre Maske nicht mehr und rutscht ihnen vom Gesicht herunter und sie sind hilflos. Und so ist es denn auch, wenn sie einmal ihre Autorität nicht ausüben, also nicht dauernd sich stark genug zeigen, ihren Willen überall durchzudrücken, dann merken die Jungen sofort das Loch, wo sie ausbrechen können, um den Zwang, der immer auf ihnen lastet, fortzuschieben. Sie gehen dann sofort zum Angriff über, um ihrerseits nun Zwang auf den Lehrer auszuüben. In kurzer Zeit lernen sie die schwachen Stellen unfehlbar sicher benutzen. Und so bilden sich in den Schulen immer wieder die zwei Hauptarten des Lehrers, der Tyrann und der Popanz.