Zur Zeit der Reife wird die Klangwelt genau so wie die Raumwelt in dem werdenden Menschen verdunkelt. Ein inneres Verstummen tritt ein, der Stimmwechsel. Die schöpferische Bedeutung dieser Pause für die Entwicklung der Stimme ist ja allgemein bekannt. Kinder, die zu dieser Zeit gezwungen werden, zu singen oder sich gegen den aufreizenden Zustand ihrer Umgebung mit viel Geschrei und lauten Worten wehren müssen, schädigen ihre Stimme auf eine nie wieder gutzumachende Weise. Hier kommt alles darauf an, die Stimme des Vertrauten zu beruhigen, ihre aufgeregte Schrillheit zu dämpfen, daß kein Schaden geschieht. Selbst schweigend muß der Führer die Stimmen der Nacht hören können und die jauchzende Stimme des Morgens, Sturm und Gewitter und Meeresbrausen, das Beben der Blätter, das Ächzen der Stämme, das prickelnde Geräusch des Sumpfes. Und auf alle diese Laute der Natur muß er seine Schutzbefohlenen horchen lehren, bis sie vor der Gewalt dieser Laute verstummen.
Und schließlich wird es dann an der Zeit sein, mit dem Anvertrauten gemeinsam zum erstenmal ein großes Musikwerk zu hören. Da wird die Gewalt des großen Klanggebäudes in ihn hineinstürzen und von innen her alles Eigenwillige auseinandersprengen. Und auf dieses Erlebnis seliger Zerstörung wird dann nun sich das neue Suchen nach dem eigenen Ton aufbauen und nun stärker werden und in den Grundmauern weiter. So wird sich der Klang und Gesang der eigenen Stimme wechselseitig steigern an dem Hören musikalischer Werke. Stärker wird auch das Verlangen werden, den Bau solcher Tonwerke ganz klar und voll in sich selbst aufnehmen zu können, ja sie selbst aus den Instrumenten erzeugen zu lernen. Und bei den Höchstbegabten wird dann wieder aus alledem die Ausübung einer Kunst erwachsen.
Diese vier Hauptausdrucksmöglichkeiten: der Körperausdruck, der Wortausdruck, die Raum- und Klanggestaltung geben gewissermaßen die vier Richtungen an, in denen alles menschliche Können und Leisten sich ergießt. Am letzten Ende steht jedesmal die Kunst selbst, zu deren Ausübung aber nur die Höchstbegabten gelangen können. In und zwischen diesen Richtungen sind die vielen menschlichen Berufe einzuordnen. Jede Begabung läßt sich nach einer dieser Richtungen entwickeln, und führt dann notwendig zu einem dieser Berufe.
Der Führer kann bei alledem das Können nur in die Richtung lenken, Übung dafür bereithalten und zur eigenen Wahlentscheidung hinführen. Aber in Wahrheit ist und bleibt dieses Können, der Beruf eines Menschen, der unverwechselbare Ausdruck dieses Lebens selbst. Dazu ist nichts hinzuzutun und davon ist nichts wegzunehmen. Das Können wächst so hoch und so schnell und so freudig, wie das Leben selbst, ja es ist das wachsende Leben selbst.
Über den Tod
Das Leben ist ein Wurf aus dem Dunkel des Todes wieder in das Dunkel des Todes zurück. Bei der Empfängnis im Mutterleib springt die Lebenslinie sogleich senkrecht aus dem Spiegel des Nichtseienden herauf, durchrast in der Zeit der neun Monate spiralig in sich gekrümmt mit einer für unser Bewußtsein unvorstellbaren Wucht alle Stufen des pflanzlich tierischen Lebens und springt dann in fast senkrechtem Anprall im Augenblick der Geburt als eigenbewegliches Leben ans Tageslicht, um nun im steilen Bogen aufwärts zu steigen bis zur Höhe des Lebens. Dort hält sich die Linie eine Weile in scheinbar gleicher Höhe, um sich dann allmählich zu senken und je nach der Spannweite des Lebens früh oder spät mit schmerzvollem Anprall in den Spiegel des Nichtseins wieder unterzutauchen.
Alle Rhythmengefüge, von denen bisher die Rede war, Atem und Tagesrhythmus, Jahresrhythmus und der Rhythmus der Lebensalter spannen sich in diesen alles überspannenden Bogen von Geburt zu Tod. Und dadurch kommt ein völlig anderer Klang auch in die Teilrhythmen des Lebens. Nämlich der Klang des »Einmal«. Bisher wurde das Leben als ewiges Leben, als ein immerwährend Auf und Ab von Rhythmen angesehen, so wie es der Mensch in seinen jugendlichen Stunden in seinen vollklingenden Stunden eben tatsächlich betrachtet und betrachten muß. Es ist aber auch ein Gegenklang von der Todesseite her. Viele Namen bezeichnen ihn: Zwang, Notwendigkeit, Schicksal, Fatum, Ananke. Aus dem wachsenden Wissen um diesen Gegenklang entspringt plötzlich einmal die Gewißheit: nicht immer geht es so weiter von einem Atemzug zum anderen, von einem Tag zum anderen, von einem Jahr zum anderen, von einem Lebensalter zum anderen, von einem Werk zum anderen. Wie man bei der Erdbetrachtung zunächst einmal ruhig die Krümmung der Erdoberfläche außer acht läßt und alle Länder und Meere auf einer Fläche nebeneinander ausbreitet, Erdteil um Erdteil, als ginge es immer so weiter. Nun aber gilt es, die Krümmung in Rechnung zu setzen. Der Tod strafft die in sich selbst rhythmisch schwingende Lebenslinie bogenförmig zusammen und zwingt so das Leben zu seinem Schluß. Und dieser Bogen von der Empfängnis im Mutterleib bis zum Tod, diese alle anderen umfangende Kurve ist nicht mehr dehnbar oder wiederholbar. Sie ist festgelegt oder wenigstens erscheint uns festgelegt. Während der Wille des Menschen das innere Rhythmengefüge dauernd in seiner Anordnung verändert oder zu verändern scheint, ist die äußerste Kurve, der Bogen von der Geburt her durch den Tod notwendig bestimmt.
Verfolgt man von hier aus nun alle die vorher betrachteten Teilrhythmen noch einmal rückwärts bis zu dem ersten Atemzug hinauf, so wird sich alles als tod-gebundene Notwendigkeit erweisen, was zuvor als aufwallendes Leben angeschaut wurde. Die kleinste Atemschwingung ist da, wo sie hinabschwingt in die schöpferische Ruhelage, ein Bild des Todes und faßt darum auch den ganzen Segen des Einmal und Nichtwieder in sich. Ausatmend kann der Mensch in jeder Minute sterben, d. h. zur Ruhe kommen, abschließen, zu Ende bringen. In Stunden der Erschöpfung gelingt es wohl dann und wann einmal, im Ausatmen sich so ganz und gar zu Ende zu bringen. Und auch die anderen größeren Rhythmengefüge, von denen die Rede war, sind jedesmal da, wo die Abwärtsschwingung zur Ruhe kommt, Bilder des Todes, der Tag, der in den Abend schwingt und den Menschen in den täglichen Schlaf fallen läßt, der monatliche Abschwung der sexuellen Kräfte, das Abklingen der Jahreszeiten, die Pausen zwischen den menschlichen Lebensaltern, und schließlich auch das Abfallen der Arbeitsleistung von dem unbemerkt tausendfältigen Herabtropfen der alltäglichen Kleinarbeit bis zu dem seltenen schwerreifen Abfallen wertvoller Lebenswerke. Alles das ist todüberschattet.
Ja mehr noch: der Tod ist der Verursacher. Der Tod setzt der Kraft des Lebens Ziel und Grenzen, und ruft eigentlich darum erst dies alles hervor. Weil Tod ist, darum entsteht alles Begrenzte, alles Geformte, alles Abgeschlossene, alles Einzelne, alles Selbständige, um sich abzugrenzen gegen den Tod. Der Tod läßt das Leben überhaupt erst aufbäumen, daß es zu Rhythmus und demzufolge zu Gestaltung kommt. Sonst würde es ewig und geradlinig weiterfließen, ungetrennt, formlos. Von hier aus gesehen ist das Leben in seinem Lauf eine vielfältig prächtige Flucht vor dem Tode. Jeder aufsteigende Rhythmus ist ein erzwungenes Ausweichen. Jedes abfallende Werk ist ein zögernd hingeworfener Brocken von dem großen Raube des glücklich weitergetragenen Lebens. Je größer die Lust an Leben ist, desto bewußter wehrt sich das Selbst täglich, stündlich, bei jedem Atemzuge in diesem Auf- und Abschwingen, die alle doch nur das eine sagen und wiederholen: ich lebe, lebe und will nicht sterben.