Der Ausdruck mit den Mitteln der bildenden Künste
Zwischen dem unmittelbaren Körperausdruck in Tanz und dem durch die Sprache vermittelten Geistesausdruck im Wort liegt das Zwischenreich der verschiedenen vor allem durch Auge und Ohr vermittelten sinnlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Auch diese müssen aus der Gesamtform »Spiel« allmählich hervorgelockt werden.
Das Kind schaut schon sehr früh. Die Fülle der Dinge fliegt durch das Auge in einer ununterbrochenen Reihe von Eindrücken in seine Seele, und so baut sich in ihm die gestalten- und farben- und bildvolle Raumwelt. Diese seiner Seele mehr und mehr eingedrückte Raumwelt gibt allein allen Spielen des Kindes Weite und Zusammenhang. Daß es an dem Faden seiner Vorstellung das Spiel von seinem Anfang bis zu seinem Ende überhaupt durchführt, das ist schon eine Wirkung dieser verbindungschaffenden Raumwelt. Der schauende Sinn gibt dem Kind den Plan seines Spiels. Wenn nun die Zeit gekommen ist, muß der Führer dieses dunkle Ahnen von Raum und Gestalt aus der Wirrnis des Spieles herauslösen, dem Kind begreiflich machen, daß dieser Raum in seiner Weite wie in seiner Gestaltenfülle ihm ja durch sein Auge zu eigen gegeben ist und daß er ihn auch bei geschlossenen Augen in sich hat, daß er ihn beliebig aus sich ausdrücken kann.
Jedes Spielzeug, das das Kind sich verfertigen lernt und späterhin jedes Gerät, zu dessen Herrichtung es angeleitet wird, gibt Gelegenheit, aus dem eigenen inneren Raumschatz zu gestalten. Und wenn die Kinder sich eine Hütte bauen oder im Winter einen Schneewall, so werden sie diese Bauten aus sich heraussetzen als Ausdruck ihres inneren Schauens. Und wenn sie dann in Sand und auf den Brettertischen und auf Papierstücken etwas kritzeln, so wird das alles ausdrücken, was sie seit langem in sich haben. Ganz von selbst entwickelt sich so aus den Raum- und Gestaltelementen des Spiels allmählich eine Unterweisung in Handwerk aller Art, ein Unterricht in Formen und Zeichnen. Dies wird nicht ein Nachahmen, ein Abzeichnen und Abformen von äußeren Dingen sein, sondern ein Formerfinden aus innerem Drang.
Das Kind, das so aus der Lust des Spiels heraus gestalten gelernt hat, was in ihm steckt, wird dann vielleicht früher oder später, meist aber erst zur Zeit der geschlechtlichen Reife merken, daß sein Raumschatz für irgendeinen bestimmten Ausdruck seines Willens plötzlich nicht mehr genug hergibt. Das Licht des inneren Raumes mit aller Gestalt darin wird erloschen sein. Dunkelheit wird sein, Nicht-Raum, Nicht-Gestalt. Hier wird der Führer wieder sehr notwendig sich der Pflege des einen Anvertrauten zuwenden müssen. Und an dieser Stelle ist dann wieder der schöpferische Tiefpunkt erreicht. Wie aus dem Schweigen das eigene Wort, so entwickelt sich aus dem inneren Dunkel das eigene Schauen. Doch muß an dieser entscheidenden Stelle gewartet werden, lange vielleicht in aller Übung und allem Lernen innegehalten werden.
Wer etwa die Briefe des jungen Feuerbach kennt, wird verstehen, was hier gemeint ist. An der entscheidenden Stelle seiner Jugend war ihm versagt, Gestaltenfülle einzuatmen. Und so wurde sein ganzes Schaffen verhauchende Verzweiflung, ein gigantischer Kampf mit den leeren Räumen, die er niemals mehr ganz zu füllen vermochte, weil sie ihm zur Zeit seiner Reife leer geblieben waren. Die Geschichte vieler dem frühem Tode oder dem Wahnsinn verfallener Künstler von Raffael bis van Gogh ist die Leidensgeschichte vergewaltigter Knaben von hoher sinnlicher Begabung. Sie alle wurden durch die Schulen, durch ihre Meister, durch die Zeitumstände gezwungen, aus ihrem Dunkel viel zu früh aufzutauchen. Bei weniger stark sinnlich begabten Menschen kann die Wirkung natürlich nicht so merkbar werden. Es tritt im Gegenteil ein völliges Versiegen aller künstlerischer Begabung ein. Als Kinder können sich ja die meisten Menschen zeichnerisch ausdrücken. Wenn sie dann aber in das Entwicklungsalter eintreten und der Zeichenunterricht geht immer in der gewohnten Weise fort, so verlieren sie einfach jede Lust und gehören nachher eben zu den Menschen, die »nicht zeichnen können«.
Hier vermag der Führende viel zu tun, oder vielmehr zu unterlassen. Alle zeichnerische Betätigung läßt er für eine Zeit ganz und gar vergessen, das Dunkel des raumlosen Zustandes läßt er in dem jungen Menschen anwachsen, bis seine Augen selbst beweglich werden und nach Befreiung aus dieser Innen-Dunkelheit suchen. Und nun läßt ihn der Führende einbrechen in die weiten Räume der Landschaft draußen, läßt ihn die Gestaltenfülle der Menschen und Dinge einfangen in den dunklen Raum seines Schauens. Bewußte Augenübung und Einprägung von bestimmten Formen durch Zeichnen und Abzeichnen wird jetzt von Vielen wie von selbst begehrt werden. Die Lust, nachahmend hervorzubringen, wird nun immer größer werden, ja vielleicht bei einigen sich zu fröhlichem Könnertum verselbständigen. Da wird dann der Führer eingreifen und irgendwie begreiflich machen müssen, daß ja das eigentlich gar nicht die ursprüngliche Absicht war. Denn Künstler werden ist schwer und jenseits der Nachahmung. Und bei solchen Gelegenheiten wird es dann vielleicht an der Zeit sein, mit dem so in das Können abgeirrten jungen Menschen gemeinsam vor das Werk eines großen Künstlers zu treten. In der Stille der Betrachtung wird es dann klar werden, was eigentlich künstlerische Notwendigkeit ist und wahrer Ausdruck eines inneren Schauens. Das überschüssige Können wird sich wieder eingliedern in den Gesamtplan des durch die innere Schau bedingten Bildungswillens. Und bei den Höchstbegabten wird aus alledem die Ausübung eines gestaltenden Handwerkes oder einer bildenden Kunst erwachsen können.
Das Zwischenreich sinnlicher Ausdruckformen dehnt sich auf der andern Seite in die Weite von Klang und Schall und Ton. Auch dieses Reich der Töne ist dem spielenden Kind von Anfang an vertraut. In seinem Lachen und Jauchzen und tausendfachen Geschrei bricht es immer wieder von neuem aus dem engen Körpergewölbe hinaus in den schwingenden Luftraum. In viel höherem Maße noch als die innere Welt der Gestalten drängt die Klangwelt nach Ausdruck. Hier darf kein Zwang von außen hemmen. Wer einmal gefühlt hat, wie das unendliche Stimmengezwitscher einer Schulklasse plötzlich verstummt, wenn die Schritte des Lehrers zu hören sind, wer einmal erlebt hat, was geschieht, wenn ein singender Vogel durch ein über sein Bauer geworfenes Tuch geschweigt wird, wer dabei gewesen ist, wenn der Gesang einer marschierenden Truppe durch ein schrilles Kommandowort plötzlich entzweigeschnitten wird, oder wenn ein kleines Kind, das schreit, durch Drohung oder Schläge dazu gebracht wird, was heraus will, qualvoll in sich hineinzuschluchzen, wer diesen täglich in tausend Formen begangenen Mord am Ton einmal begriffen hat, wird sicherlich niemals mehr mithelfen zu hemmen, wo etwas singt oder schreit oder klagt oder jubelt oder lacht.
Aus dieser von innen her ausbrechenden Klangfülle wird der Führende vielleicht an einem Tage den eigenen Ton seines Anvertrauten heraushören. Und von da an wird er ihn locken, daß jener aus dem Chaos des wahllosen Klangausdrucks vielleicht zu dem einen kommt, der ihm gemäß ist. Erst wenn der Führer den Vertrauten zu dieser Möglichkeit der Geburt des eigenen Gesanges geführt hat, ist es an der Zeit, auch die Fülle der von andern Menschen gesungenen Lieder sich anzueignen, und im Chor der anderen auch nach ihrem eigenen Ton hungrig gewordenen Genossen ihn mit einstimmen zu lassen. Mehrstimmiger Gesang ist ja das einzige, niemals versagende Mittel, durch gemeinsames Können zur Gemeinschaft zu gelangen. Wenn dieses Mittel zu früh angewandt wird, ehe das Kind seinen eigenen Ton gefunden hat, wird das kostbarste Bindungsmittel menschlicher Gemeinschaft nutzlos vertan und zugleich die eigene Klangentwicklung gehemmt.