Immer wieder neue Übung im Schweigen und Hören und Sprechen wird also noch lange hinaus die Zeit ausfüllen, die heute in den Schulen schon zu Schreiben und Lesen verwandt wird. Papier und Tinte und Bücher werden lange unbekannt bleiben dürfen. Erst wenn das Kind von der Fülle des Selbstgedachten und Selbstgesprochenen sich so bedrängt fühlt, daß es nach Fächern und Stützen sucht, um diese stets neu andrängende Fülle der eigenen Gedanken zu bewältigen, ist es Zeit ihm begreiflich zu machen: es gibt eine Kunst, die für morgen und alle kommenden Tage dir deine Worte in sichtbare Zeichen umgesetzt aufbewahren hilft. Und jetzt wird es leicht sein, dem so von seiner eigenen Fülle gedrängten jungen Menschen zu seiner Erlösung von dieser Fülle zu helfen. Er wird es wie von selbst lernen, daß alle diese Worte sich in Laute und Buchstaben auflösen lassen, und daß man mit Hilfe der sichtbar gemachten Buchstabenzeichen Laute und schließlich Worte zu Papier bringen kann. So wird er das Schreiben gewissermaßen aus eigener Notwendigkeit heraus selbst erfinden. Er wird mit all der ungeheuren Erregung und Entdeckerfreude des schöpferischen Menschen daran arbeiten, das breite Gebiet der Sichtbarmachung seiner eigenen Worte sich schnell zu erobern und so vielleicht in wenigen Tagen schreiben lernen. Die Tage, in denen das geschieht, werden natürlich Tage höchster Kraftentfaltung sein, an denen der Führer alle seine eigene Kraft in den Dienst dieses einen Lernenden stellen muß, nicht in kühler Absichtlichkeit, sondern mit hingerissen von der Wucht dieses welterweiternden Geschehens, daß hier ein Mensch seine bis dahin flüchtig durch die Zeit hingesprochenen Worte nun festzuhalten, sichtbar zu machen, aufzubewahren lernt. Die Fülle der Fragen, die der Knabe in diesen Tagen über ihn ausschüttet, wird ihn allerdings nicht wegschwemmen dürfen. Er wird mancherlei zurückbehalten müssen, daß er ihn nicht überspannt. Wie stets bei außerordentlichen Gelegenheiten wird er für den von der schaffenden Freude Ergriffenen unmerklich und besonders pflegsam sorgen müssen, daß er die Pausen des Tages nicht überrennt, daß er tiefen Schlaf hat und rechtes Essen und Luft und Sonne. So wird das Tun gedeihen. Der Knabe wird schreiben können.
Selbstverständlich wird zu gleicher Zeit das Verlangen da sein, auch das von anderen Menschen Geschriebene zu lesen. Und der aufgespeicherte Wort- und Denkschatz der Bücher wird sich dem Knaben öffnen. Gute und schlechte Bücher werden dem Lesenden zufallen. Es ist gar keine Gefahr dabei; denn er wird von vornherein wertend an die Bücher herangehen. Da er gelernt hat, selbst aus dem Herzen heraus zu sprechen, wird er nicht durch Bücher getäuscht werden können, die in irgendwelcher Absicht Untiefes, Undurchdachtes oder Verstandüberlichtetes sagen. Er wird sie dann einfach als unwahr beiseite tun.
Wenn nun der junge Mensch alle diese Teilgebiete sprachlichen Könnens, Hören und Sprechen, Lesen und Schreiben aus seinem schweigenden Verstehen heraus gelernt hat, wird er nun zur Beherrschung der sprachlichen Gesamtkunst weiterdringen können. Dazu müssen diese Teilgebiete sprachlichen Könnens dauernd miteinander in Verbindung gehalten werden. Alles Geschriebene wird auch ausgesprochen werden, wenn es nicht mit vollem Bewußtsein verschwiegen wird. Und so werden die jungen Menschen nur das schreiben, was sie wirklich aussprechen oder wirklich verschweigen und geheimhalten wollen, was sie den andern sagen wollen, oder vor den andern verschließen wollen. Und außerdem werden sie alles, was sie lesen, vergleichen lernen mit dem, was sie gehört und auch mit dem, was sie selber gesprochen oder bewußt verschwiegen haben, und schließlich auch vielleicht mit dem, was sie selber schon geschrieben haben. So wird sich aus den Elementen immer mehr das Ganze sprachlichen Ausdrucks herausheben. Ziel ist hier, daß der Geist durch das Mittel des eigenen Worts sich völlig ausdrücken lernt und zugleich auch lernt, den Geist in fremdem Wortgewand möglichst restlos wieder zu erkennen.
Wie das Kind einst Worte wirklich zu hören gelernt hat, so wird nun der junge Mensch in der Zeit seiner Reife Dichtwerke in diesem Sinn aufnehmen und wirklich sich aneignen lernen. Er wird vor die großen Werke der Dichtkunst treten, als vor die letztmöglichen Erfüllungen dessen, was sich ja auch stets aus seinem eigenen Geist heraus durch das Mittel des Wortes hat ausdrücken wollen. Also ein Dichtwerk wird für ihn nicht mehr als Fremdes außerhalb von ihm selbst stehen, sondern wird als Vertrautes in ihm sein. Sein eigener Geist wird sich aus dem Dichtwerk heraus auszudrücken vermögen, ja sich in diesem fremden Ausdruck erlösen lassen können.
Die Worte besitzen stellvertretenden Erlösungswert, wenn sie wirklich ganz in der Tiefe angeeignet werden. Wie der Dichter in seinem Werk, so vermag nun auch der Nachschaffende auf dem steigenden Bogen der Worte sich aufzuschwingen aus seinem eigenen Stummsein, aus der Wirrnis seiner Gedanken. Er wird nicht mehr Götzendienerei mit den fremden Worten treiben, er wird sie brauchen wie seinen eigenen Ausdruck. Und doch wird er ehrfürchtig an den unverwechselbaren Ausdruck eines jeden wahren Dichters herangehen und gerade diese Einzigkeit zu ergründen versuchen. Jeder eigene Gefühlsablauf und Gedankengang wird, wenn er überhaupt zum Wortausdruck kommt, ein vollkommener Ausdruck des Sprechenden selbst sein und so jedes Mal dem Bruchstück einer echten Dichtung ähnlich sehen.
Menschen, die so zu Beherrschern des Wortes aufwachsen, müssen der Möglichkeit nach auch alle zu Künstlern des Wortes werden. Ob einer von ihnen in Wirklichkeit Dichter wird, hängt dann allein noch von der Fülle seiner überschüssigen Kraft ab.
Eine solche Sprachbildung ist die Grundlage für die meisten heutigen Berufe. Alle Berufe, die sich mit Schreibarbeit, Schnellschrift und Kunstschrift befassen, alle Berufe, die mit fremden Sprachen, Sprachforschung, aber auch mit Bibliothekswesen und Buchhandel zu tun haben, alle juristischen und politischen Berufe, schließlich der Beruf des Predigers und zum großen Teil auch der Beruf des Erziehers – alle diese Berufe bedienen sich als Ausdrucksmittel der geschriebenen und gesprochenen Worte und wurzeln also ganz und gar in der Spachbildung. Neues Leben in all diesen Berufen kann nur entstehen, wenn die Grundlagen geändert werden, wenn in frühester Jugend schon an Stelle der oberflächlichen Erlernung einer allgemein gebräuchlichen Umgangssprache die Übung im eigenen Sprachausdruck tritt, wenn jeder lernt, Worte und Sprachgebilde in ihrer Tiefe zu verstehen und aus ihrer Tiefe heraus selbst zu gestalten.
In alledem war nur von der Führung des einzelnen Knaben, konnte nur davon die Rede sein. Denn Unterweisung in dem sprachlichen Können – wie in jedem Können – ist nur durch Einzelunterricht möglich, weil hier ja gerade das Einzelsein eines Menschen zu der ihm allein bestimmten Blüte und Frucht gebracht werden soll.
Wenn aber die Einzelnen sprachlich so weit gebildet sind, daß alle ein Dichtwerk schöpferisch begreifen können, wird es vielleicht möglich werden, in Gemeinschaft zu lesen. Was dann geschehen kann, ist gemeinsame Befreiung durch das Wort. Doch das ist nur das Letztmögliche, selten Erreichbare. Jedes gemeinsame Kunsterleben ist gefahrvoll. Jeder Einzelne, der dabei ist, trägt das Ganze so entscheidend, daß seine abschweifende Sonderrichtung, vielleicht nur in einer unwahren Gebärde unbewußt zum Ausdruck gebracht, die gemeinsame Lösung schon vernichten kann. Und solch gemeinsames Lesen, das aus irgendeinem meist nicht recht erkennbaren Grunde nichts geworden ist, bleibt nun nicht etwa so folgenlos, wie es scheinen könnte. Es ist nicht etwa nur eine mißglückte Veranstaltung, die man unter glücklicheren Verhältnissen beliebig wiederholen könnte. Hier ist vielmehr etwas Unwiederbringliches geschehen. Bei der nächsten gemeinsamen Handlung macht sich der Riß meist gleich wieder bemerkbar als leises Mißtrauen, als ein nicht so hingegebenes Bereitsein der Versammelten. Der Geist der Gemeinschaft ist durch den Eigenwillen des Einzelnen verletzt. Nur durch verdoppelte Inbrunst kann der Riß wieder geheilt werden. Aus der gemeinsamen schöpferischen Ruhelage allein kann die gemeinsame Erlösung durch das Wort kommen.