Die Sprachbildung
Der körperlichen Ausdrucksform Tanz am fernsten steht die rein geistige Ausdrucksform durch das Wort. Wortgeformter Geist ist zwar auch schon im Spiel enthalten, aber nur sehr bruchstückhaft. Die Worte im Spiel sind meist noch nicht fest bestimmte Ausdrucksformen für bestimmte Gedankeninhalte, sondern eher Naturlaute von sehr viel dehnbarerer Bedeutung. Spät erst wird das Kind danach Verlangen haben, seine Gedanken in den bestehenden Wortformen der Sprache »richtig« auszudrücken. Darum klingt ein richtig gebauter Satz, den etwa ein Kindermädchen ihrem Zögling eingelernt hat, so sinnlos aus dem kindlichen Munde.
Das Kind spielt zunächst mit den Worten, die ihm gerade geläufig geworden sind und versucht den Gedanken, den es ausdrücken will, damit einzukreisen. Und diese Lust am Zusammenbacken der vielen fremden Worte, noch ohne ihre volle Bedeutung zu wissen, das fröhlich quatschende Durcheinanderwerfen der Worte ist lange da, ehe der Geist mit geordneten eindeutigen Worten sich auszudrücken vermag. Viel zu früh wird das Kind durch seine erwachsenen Lehrer – und vorher schon durch die Eltern – dazu gezwungen, für ein bestimmtes Ding ein ganz bestimmtes Wort zu gebrauchen und immer wieder zu gebrauchen, das es von sich aus vielleicht gar nicht wählen und ganz gewiß nicht wieder wählen würde. Ja, es wird auch noch gezwungen, dieses Wort mit den es bezeichnenden Buchstaben schriftlich zu fixieren. Durch das viel zu frühe Lesen- und Schreibenlernen auf der Schule verliert das Kind dann vollends seine eigene spielende Leichtigkeit im Gebrauch der Worte, und lernt viel zu früh mit fremden Worten reden und was noch schlimmer ist, denken.
Die in ganz Europa geübte Vergewaltigung des Geistes hat hier ihren Hauptansatzpunkt. Die Sprache ist das unscheinbarste und doch wirksamste Gewaltmittel, mit der jede Generation, wenn sie zu Ansehen und Macht und damit in den Zustand der Erstarrung gekommen ist, die aufwachsenden Kinder sacht und sicher in ihre eigene Bahn hinüberlenken kann.
Hier also muß der bildende Führer besonders wachsam sein, daß er seine Anvertrauten vor der Gewalt der fremden Worte schützt. Wo er merkt, daß ein Kind ein Wortgefüge braucht, das aus dem Sprachgut der Erwachsenen stammt, muß er der Sache auf den Grund gehen. Er muß sich von dem Kind erzählen lassen, was es damit meint. Hinter jedem fremden Wort, das Eingang in die Gemeinde gewinnt, muß er hinterher sein. Keineswegs braucht er es zu vertreiben, aber er muß es einkreisen lassen von dem bunten Spiel ihrer eigenen kindlichen Worte, bis seine Fremdheit ganz darin untergegangen ist. Das ist das Wesentliche, daß niemals fremde Wortgefüge allzulange bestehen bleiben. Sie müssen immer wieder gleich aufgelöst und in den Zusammenhang mit dem schon vorhandenen Sprachgut hineingezogen werden.
Weil der Machtdämon im Bezirk der Worte so leicht Eingang hat, muß der Führer hier auch die jüngeren vor den älteren Gefährten der Gemeinde in Schutz nehmen, daß sie sich deren Sprachgut nicht ohne zu wissen und ohne zu wollen aneignen. Er muß die Jüngsten immer wieder reizen, sich nicht unterkriegen zu lassen, immer zu sagen, was sie selbst meinen. Und schließlich vor allem muß er sich hier selbst in Zucht nehmen. Denn seine Worte werden natürlich immer wieder Macht gewinnen wollen über die jüngeren Freunde. Sie werden mit seinen Worten denken, und er wird es vielleicht gar nicht merken. Die Versuchung ist groß, daß er seine eigenen Worte aus dem vertrauten Munde des Jüngeren schmeichelnd begrüßt. Er freut sich über ihre vermeintlichen geistigen Fortschritte, und es sind doch eigentlich nichts als nachgesprochene Worte. Wo er seine eigenen Worte wiederfindet, muß er sofort bedenklich werden, und es muß wie ein Erschrecken über ihn kommen. Zu anderen Worten muß ihn das treiben. Wenn seine Worte nachgesprochen wurden, beweist dies ja nur, daß sie nicht von innen her, sondern aus Verstand und Absicht kamen und also auch nur auf den Verstand der Hörenden wirkten. Er muß seine Worte tiefer hervorholen. Spricht er von Herzen, so geht es zu Herzen, und die ihn hören, kommen dann gar nicht mehr darauf, nachzusprechen, sondern selbst zu sprechen. Und zunächst einmal zu schweigen. Aus der Tiefe kommende Worte werden in dem Hörenden zunächst nicht notwendig Gegenworte erzeugen. Schweigen ist vollwertige Antwort bei wachsenden Menschen. Schweigen sagt: Ich habe gehört. Schweigen ist die schöpferische Pause zwischen Hören und Sagen, die Ruhelage, aus der allein die eigenen Worte des Menschen aufquellen können.
Wieder an diesem wichtigsten Punkt versagt die heutige Erziehung. Schweigen bedeutet heute im allgemeinen: er weiß nichts zu sagen, er ist unfähig, er ist dumm. Man muß ihn antreiben, daß er sich äußert; denn der Mensch muß sich äußern können, wenn er in seinem Leben fortkommen und mit anderen Menschen zusammenleben will. Mit einer lückenlos ausgearbeiteten Methode zwingt man also das Kind, sich zu äußern. Man legt nahe, man fragt so dicht an den Dingen entlang, daß die Antwort unausweichlich kommen muß. Wenn sie dann immer noch nicht gleich kommt, zeigt man sich erstaunt, erklärt sofort alles noch einmal, daß nur ja nichts dunkel bleibt. Und dann geht man zum nächsten Thema über. Erklärt wieder, legt nahe, fragt und ist befriedigt über die erfolgende Antwort.
So kommt es zu jenem ununterbrochenen Hinwegreden über die Dinge mit angelernten fremden Worten. Die Schnelligkeit des Ausdrucks wird gesteigert, die Eigen-Tiefe gemindert oder vielmehr gar nicht erreicht. Hier muß also der Führende versuchen, aus dem schweigenden Begreifen heraus langsam und mit Verzicht auf sehr sichtbare Erfolge die eigene Sprache seiner Anvertrauten hervorzulocken. Nicht nur in den »deutschen Stunden«, wie es auf den Schulen geschieht, sondern immerfort wird in diesem Sinn der eigene Ausdruck in deutscher Sprache geübt werden müssen.
Schreiben- und Lesenlernen hat Zeit. Was ist Schreiben und Lesen? Schreiben ist die Kunst, selbstgedachte und bis zum Aussprechen reif gewordene Worte durch Schriftzeichen aufbewahren zu können. Wo der Mensch also noch nicht aus sich selbst heraus sprechen gelernt hat, ist es sinnlos, ihn das Schreiben zu lehren. Lesen ist die Kunst, die von anderen gedachten und bis zum Aussprechen reif gewordenen und dann niedergeschriebenen Worte wieder zu entziffern. Wo der Mensch aber noch nicht zu hören und zu schweigen gelernt hat, ist es sinnlos, ihn das Lesen zu lernen.