Ausbildung in den Ausdrucksmitteln der Künste

Die reinste und vollkommen gelöste Tat menschlichen Könnens offenbart sich in dem Kunstwerk, welches perlenhaft klar und geschlossen aus dem Grunde des Selbst aufsteigt, sich dann aber von dem Selbst für immer loslöst und eigenen Bestand und eigenes Leben hat. Eine jede Tat muß so getan und nach dem Tun so entlassen werden, wie die Kunst-Tat. Es ist der untergründige Zweck aller Beschäftigung mit den Künsten und ihren Ausdrucksformen, dieses rechte Tun und rechte Lassen einer Tat überhaupt zu lernen und immerfort vor Augen zu haben.

Bei der künstlerischen Tat handelt es sich ja um das Sammeln aller Kraft auf ein einziges Gestaltungsziel nach jener zweiten Spielregel: wenn einmal überhaupt, dann so und nur so.

Die Gefahr, daß durch einen allgemeinen Kunstunterricht die Menge der Schein-Künstler vermehrt würde, besteht nicht. Im Gegenteil: wer von früh auf mit der Schwerheit künstlerischen Ausdrucks vertraut ist, wird sich wahrlich scheuen, zu der kleinen Schar schöpferischer Menschen als Gleichberechtigter, aber auch Gleichverpflichteter zu treten. Durch den bisherigen Schulzustand, der die Unterweisung in künstlerischer Ausdrucksform fast gänzlich beiseite schob, wurde erreicht, daß gerade die lebendigsten Geister mit einer wilden Sehnsucht sich auf das vorenthaltene Gut stürzten. Weil sie überhaupt den Drang zur Gestaltung der Dinge in sich spürten, gerieten sie in den romantischen Wahn, daß sie einzig und allein als Künstler zum Ausdruck ihres Selbst kommen könnten. Das Künstlertum wurde das abgesperrte Zauberland, zu dem sich immer wieder die Besten, die Unbefriedigten aufmachten in dem Wahn, sie könnten dort ihre Jugendkraft endlich in eigene Tat umprägen. Schriftsteller, Schauspieler, Künstler wollten sie werden, nur weil sie überhaupt nach einer Ausdrucksmöglichkeit verlangten, die ihnen durch den Schulbetrieb bisher versperrt wurde.

Wenn aber dieser sinnlose Bann einmal gebrochen ist und jeder von frühester Jugend an sich der künstlerischen Ausdrucksmittel bedienen darf, dann werden ganz gewiß nur noch sehr wenige, und diese allerdings in vollem Bewußtsein dessen, was sie damit tun, zur Ausübung einer Kunst als lebenfüllende Aufgabe sich berufen fühlen. Alle die anderen aber werden durch die Übung in den künstlerischen Ausdrucksformen lernen, sich selbst auszudrücken, ohne mehr dem Wahn zu verfallen, daß sie damit etwa schon zu Künstlern geworden seien. Sie werden lernen, jede Tat zu tun, als ob sie Künstler wären.

Es ist also die Aufgabe, das Kind aus seiner Gesamtausdrucksform »Spiel« zu diesem und jenem ganz bestimmten Kunstausdruck hinzuführen. Eine Fülle künstlerischer Teilstücke liegt in jeder Äußerung des spielenden Kindes. Ja, oftmals ist das Spiel des kleinen Kindes unter der Führung der Mutter schon zu einer Art Gesamtkunstwerk ausgebildet, enthält Körperausdruck, singendes und schauendes Gestalten, Handwerk- und Sprachausdruck unlösbar in sich. Die eigentlich gestaltende Kraft braucht der Führer somit wahrlich nicht anzutreiben. In Überfülle wird sie da sein. Ziel ist hier vielmehr, der Unendlichkeit spielender Kräfte immer von neuem ganz bestimmte Grenzen zu setzen. Also die eine wesentliche Eigenschaft des Kunstwerks, daß es aus dem Grunde aufquillt, ist nicht lehrbar, und das Kind hat sie ja ganz von selbst in sich. Aber die andere wesentliche Eigenschaft des Kunstwerks, daß es ein endliches Gebilde ist, daß es nach allen Seiten begrenzt ist und aufhört, das weiß das Kind nicht von selbst. Es muß lernen, aus der Fülle des Möglichen das ganz bestimmte Teilstück, das ja gewissermaßen drin steckt, auszuschneiden und in seiner Begrenzung zu gestalten.


Der Tanz

Der Tanz als die rein körperliche Form des Kunstausdrucks wird sich vielleicht am ehesten und leichtesten aus der Fülle des kindlichen Spiels heraussondern lassen. Jede Bewegung des spielenden Kindes ist ja wahrster Körperausdruck und somit Rohstoff zum Tanz, der nur nicht allseitig begrenzt in Erscheinung treten kann. Alle körperliche Übung wird im Hinblick auf das befreiende und begrenzende Endziel: »Tanz« vorgenommen werden. Aber auch die alltägliche körperliche Arbeit des Kindes wird sich stets leise und unmerklich nach diesem Endziel ganz hinlenken lassen, wenn nur jede Handreichung und alles Laufen und Rennen, alles Bücken und Beugen und Heben und Tragen von dem leichten und tiefschwingenden Atem des Tanzes durchpulst ist. Später dann an einem kraft- und freudegefüllten Tage wird das Kind seinen Körper aus seinem eigenen tanzhaften Urtrieb heraus zu gestaltetem Ausdruck bringen können.