Die Berufsbildung
Der Ausbau der ersten Spielregel: Ganz gleich ob so oder so, wenn nur überhaupt – führt das Kind aus dem alltäglichen richtungslosen Spielen allmählich zur spielenden Beherrschung seiner Alltagsarbeit. Die Unendlichkeit spielender Kraft wird in die immer wieder neue Aufgabe jedes Tages hineingeleitet. In umgekehrtem Sinne läßt sich die zweite Spielregel anwenden. Dieses: »wenn einmal überhaupt, dann so und nur so« wird das Kind aus dem alltäglichen richtungslosen Spielen zur Wahl einer ganz besonderen Berufsarbeit leiten. Es wird sein wie ein Wechselströmen mit entgegengesetzten Richtungszeichen. Die Allgemeinbildung hat das Ziel, das Einerlei der alltäglichen Verrichtungen immer wieder mit schöpferischer Kraft zu verlebendigen, zu verunendlichen. Die Sonderbildung hat das Ziel, die strömende Kraft auf ein ganz bestimmtes Tun hinzulenken, zu einem ganz begrenzten Werk zu leiten. Die allgemeine Bildung des Menschen wird nun seiner besonderen Bildung nicht mehr so beziehungslos gegenüberstehen, wie die heute übliche »allgemeine Bildung« der Berufsbildung gegenübersteht. Vielmehr wird die besondere Bildung eines Menschen, sein Beruf, ganz allmählich und langsam aus der Gesamtbildung seines Könnens erwachsen.
Der Führer zum Leben wird bei der Unterweisung in den verschiedenen Teilgebieten des Könnens weit vorsichtiger sein, als es in den heutigen Schulen üblich ist. Die fachmäßige Sonderbildung wird nicht mehr das berechenbare Ergebnis absichtlicher Züchtung sein. Freilich wird es eine Kraftprobe werden, dem richtungslosen Auf und Ab der alltäglichen Arbeit und des alltäglichen Spieles der Kinder zuzuschauen und ihrem Tun lange Zeit keine Sonderrichtung zu geben, auch dann nicht, wenn andere Kinder draußen längst zu ganz bestimmten Leistungen abgerichtet sind und bereits allerlei »können«. Heute wird ein Kind ja doch oftmals nur darum »beschäftigt«, um es »abzulenken«. Und warum will man es ablenken? Um es »loszuwerden«. Und gerade dies darf der wahre Führer nicht tun. Er muß durch das Wirrsal des täglichen Spielens und Arbeitens mit hindurch bis ans Ende. Dieses Ende wird schon kommen.
An irgendeinem Tage wird einer aus der Schar zu spüren beginnen, daß er mit seinen Kräften lieber etwas ganz Bestimmtes ausdrücken möchte. Er wird unzufrieden werden und sich zurückziehen von der gewöhnlichen Tagesarbeit und nicht mehr mittun. Das ist das entscheidende Zeichen. Der Führer weiß, daß hier die schöpferische Pause begonnen hat, die dem Werkgedanken notwendig vorausgeht.
Alles kommt darauf an, solche schöpferischen Unterbrechungen in dem täglichen Arbeitsgang der Allgemeinheit nun nicht untergehen zu lassen. Der Führer muß dem Jungen den wahren Grund seiner allgemeinen Arbeitsunlust begreiflich machen. Nicht mit Worten! Er muß ihn spüren lassen, daß seine Kraft nach dem Ausdruck eines ganz bestimmten Tuns sich sehnt, dadurch daß er ihm jetzt irgendein ganz bestimmtes Tun nahelegt. Ob es nun die Herstellung eines Papierdrachens oder die Einrichtung eines eigenen Blumenbeetes im Garten ist, die Tat, die nach solcher schöpferischen Pause vorgenommen wird, erhält die Bedeutung eines Probestückes. Die ungehemmte Stoßkraft des aus der eigenen Tiefe kommenden Gestaltungstriebes prallt auf die ringsum bereitliegende Masse und formt sie zum erstenmal zu einem ganz bestimmten Gegenstand, nach einem ganz bestimmten inneren Bilde.
In jedem Knabenleben gibt es an irgendeiner Stelle dieses erste Gestaltungserlebnis und später immer wieder neue Wiederholungen dieses Erlebnisses. Und an dieser Stelle muß der Führer die anderen alle hinter sich lassen und ganz für den einen da sein. Er muß ihm tragen helfen an dem erschütternden Ernst solcher ersten Tat. Wenn der Führer früher die vielen richtungslosen Versuche des kindlichen Ausdrucks hat gewähren lassen, wird er an dieser Stelle plötzlich nicht mehr locker lassen, sondern er wird womöglich noch ernster werden als der Knabe, daß er ihn nur nicht zu leicht an dieser Stelle vorüberläßt. Die jetzt entstehende Tat muß auch wirklich mit dem Grundbilde zusammenstimmen, sie darf nicht ungefähr, sie muß ganz gelingen. Wenn die Kraft des Jungen erschlafft und er in das Tändeln des gewohnten alltäglichen Tuns verfallen will, und er etwas anderes anfangen will, da er ja gelernt hat, daß es ganz gleich ist ob so oder so … wird hier nun die treibende Hilfe des Führers ihn zwingen, zum erstenmal bei dem ja selbstgewählten Einen zu bleiben, und dieses Eine zu Ende zu bringen. Der Führer wird ihm das eigene innere Vorstellungsbild wach halten und ihn so zu dem ersten Gestaltungssiege führen.
Die eigene Tat, das eigene Werk wird nun zum erstenmal dastehen vor dem Kinde. Doch darf der Führer seinen Anvertrauten auch hier nicht etwa allein lassen. Das gestaltete Ding gehört nicht mehr dem schöpferisch gewesenen Selbst. Die Tat darf nicht festgehalten und götzendienerisch betrachtet werden. Die Spannung, die auf die Vollendung dieses einen Dings gerichtete Kraft, muß sich lösen im Augenblick, wo die Arbeit fertig ist, wie ein Zweig wieder hochschnellt, wenn die Frucht sich gelöst hat. Das Kind muß begreifen lernen, was Entspannung nach der Tat ist. Gerade hier verfahren die Erzieher in den Schulen anders. Durch das voll ausgebaute Lob-Tadel-System wird der Ehrgeiz, d. h. die Spannung der Schüler dauernd wach gehalten. Nur nicht erschlaffen, nicht nachlassen in den Leistungen! Immer von Erfolg zu Erfolg! Das ist der geltende Grundsatz. Das kleine Kind muß sich schon in dies Zwangssystem immer von neuem gesteigerter Anspannung einfügen. Ja, es begehrt bald selbst nach immer neuer Anspannung, weil es sich von selbst gar nicht mehr abspannen kann. So entstehen dann die Musterkinder mit ihrem vielversprechenden Eifer, mit ihrem lärmenden Interesse an hundert Dingen, die ganz belanglos sind. Nur wenige Kinder sind von Natur aus stark genug, sich dagegen abzusperren. Aber gerade diese verhärten sich dann gewöhnlich in ihrer ständigen Abwehrstellung und werden faul und dickfellig. Sie spannen sich überhaupt nicht mehr an. In steter Verzweiflung von Mißerfolg zu Mißerfolg geben sie es zuletzt überhaupt auf, sich zu rühren.
Hier bleibt noch alles zu tun. Der Führer zum Leben muß darüber wachen, daß die Spannung nach der Tat sogleich gelöst wird, daß das Kind wieder in seine Ruhelage eingeht und die nächste Tat von neuem aus dem tiefen Grunde der Ruhe aufsteigen lassen kann, nicht aber von dem Dach seiner schon vorher getanen Taten. Dies stets Von-neuem-Tun, das Vom-Grund-Aufbauen jeder Tat muß vor allen Dingen gelernt und geübt werden, denn nicht auf das Tun kommt es an, sondern auf den rechten Wechsel von Tun und Lassen. So wie es ja auch nicht auf das Einatmen allein ankommt, sondern auf den rhythmischen Wechsel von Ein- und Ausatmen.