Schnell ausmünzbare kleinteilige Arbeitsweise lernen die Kinder auf der Schule. Was sie gelernt haben, müssen sie auch gleich anwenden und benutzen. Daß nur ja nichts verschwindet! Der Lehrer will gleich Erfolge sehen und die Eltern zu Hause auch, und so muß das Kind denn von Tag zu Tag immerfort zulernen; je klagloser es sich dazu zwingen läßt, d. h. je schwächer es in seiner Anfangskraft ist, umsomehr wird es gelobt. Dieser ganze Zwang zur Arbeitsleistung, diese Vorbereitung aufs Leben, überhaupt das ganze Arbeitsdogma muß beiseite gelassen werden, wenn es sich um die Erziehung des kleinen Kindes handelt. Der Führer braucht nichts weiter zu tun, als den kindlichen Schatz an spielenden Ausdrucksmöglichkeiten verwalten helfen. Aber nicht mehr darf er diesen Schatz zerstreuen und vergraben, weil für ihn selbst das Leben ernst geworden ist. Er muß spielend Führer sein. Und um das zu können, muß er in seinem Blute den Ursinn alles gestaltenden Lebens kreisen fühlen: ganz gleich ob so oder so, wenn nur überhaupt! Und zugleich muß er als erster und immer wieder mit dem spielenden Kind die Ernsthaftigkeit des Spiels freudig bejahen, das Werfen aller Kraft auf das Ziel dieses einen Spieles: wenn einmal überhaupt, dann so und mit aller Kraft nur so! Beides zusammen: die freudige Erkenntnis der Zwecklosigkeit alles Spiels und trotzdem die ernsthafte Ergreifung des einen gewählten Spieles macht allein locker und leicht genug, um immer und immer wieder in die Tiefen der Ruhe hinabzuschwingen, aus der sich dann zu ihrer Zeit die schöpferische Leistung ungezwungen erheben kann.


Die allgemeine Bildung

Die Stellung des heutigen Menschen der Alltagsarbeit gegenüber ist ja sinnlos geworden. Der allgemeine Zustand in den großen Städten ist so: die alltägliche Arbeit, Kleinarbeit und Grobarbeit, wird einer gewissen Anzahl von Menschen ohne weiteres aufgebürdet und zwar mit völliger Selbstverständlichkeit, als wäre es das gute Recht der übrigen Menschen, von dieser Alltagsarbeit befreit zu leben und zu schaffen, wie es ihnen gefällt. Besonders den Frauen und den minderbemittelten Ständen ist diese für die Anderen zu leistende Alltagsarbeit zugeschoben worden. Alles, was infolge der täglichen Abnutzung des menschlichen Lebens unmerklich immer wieder ersetzt werden muß, um ein Weiterleben möglich zu machen, alles Kochen und Flicken und Scheuern, überhaupt alle Haus- und Reinigungsarbeit wird ohne jedes weitere Nachdenken von den Männern als Frauenarbeit gestempelt, und von den Frauen auch ohne jeden Einspruch geleistet. Ebenso ist die Herstellung der vielen für das alltägliche Leben notwendig gewordenen Dinge, die in Maschinenbetrieben irgendwelcher Art angefertigt werden, den handarbeitenden Klassen des Volkes auch wieder ohne jedes Nachdenken zugeschoben, und von dieser Klasse – bis vor kurzem – auch ohne Einspruch geleistet worden.

Gegen diesen bestehenden Zustand soll hier nun nicht etwa vom Standpunkt der »Gerechtigkeit« Einspruch erhoben werden, als ob jeder Mensch unbedingt lebenslänglich das gleiche Maß von alltäglicher Kleinarbeit und Grobarbeit ableisten müßte. Die Verwirklichung dieser Forderung wäre sinnlos, ebenso wie der heutige Zustand sinnlos ist. Die Kleinarbeit ist zeitraubend und die Grobarbeit ist kraftraubend; und wo Menschen sind, die ihre Zeit und ihre Kraft für feinere und über viele Zeit wirkende Arbeit bereit haben müssen, wird ihnen dienende Liebe auch fürderhin jene Arbeit abnehmen müssen. Aber es ist notwendig, daß alle diese geistig arbeitenden Menschen endlich erkennen lernen, was ihnen eigentlich damit an Hilfe geleistet wird, wenn ihnen die Grundlagen ihres Lebens und Arbeitens von anderen Menschen täglich untergebaut werden. Es muß so weit kommen, daß sie selbst solche vielen kleinen und schweren Dienste überhaupt nur noch dann annehmen, wenn sie wissen, daß sie wirklich durch ihr Leben und ihre Leistung doch mindestens Wertgleiches aufzubringen vermögen.

Um dieses Gefühl der Selbst-Schätzung zu bekommen, muß jeder Mensch diese Kleinarbeit lange Zeit hindurch selbst getan haben und gern und richtig getan haben. Er muß durchdrungen von der Zweckfreiheit alles Tuns ganz im Innersten wissen: es ist ja ganz gleich, was ich tue. Wesentlich ist allein, daß ich etwas hervorbringe, daß meine lebendige Kraft überschießend sich Ausdruck schafft. Ob ich nun Korn mahle oder Gemüse bereite, ob ich gemeinsam bewohnte Stuben täglich wieder zum Darinleben herrichte, ob ich das Feld bebaue oder eine handwerkliche Tätigkeit habe, ob ich Kinder beaufsichtige, ob ich Gedanken in irgendwelche wissenschaftliche oder künstlerische Form biege, – die großen Unterschiede zwischen all diesen und hundert anderen Leistungsmöglichkeiten verschwinden zu nichts gegenüber dem wesentlich Gleichen: ich selbst, meine täglich immer wieder wachsende Lebenskraft prägt sich da in all diesem Tun ihren eigenen Ausdruck, wird sichtbar an den Dingen, wird sinnlich greifbare Form durch meine Leistung.

Der Führer zum Leben muß seine Anvertrauten von dem kindlichen Spiel aus spielend und leicht von vornherein in diese Alltagsarbeit einführen. Das ist heute der wichtigste, weil am wenigsten geübte Teil seines Bildungsamtes, und Bildung der Jugend gewinnt so ein weit von dem üblichen Begriff Bildung abweichendes Gepräge. Allgemeine Bildung zum alltäglichen Tun ist als Ziel allem anderen vorangestellt. Von den Lehrlingen wird hier sehr viel mehr und ein sehr Verschiedenartiges an Leistung verlangt werden als bisher. Das Ziel dieser allgemeinen Bildung ist, den einzelnen Menschen so weit selbständig zu machen, daß er jede Arbeit, die ihm in seinem Leben am Wege liegt, aufnehmen kann, wenn er will. Keineswegs muß er nun jede Arbeit aufnehmen. Zweierlei Folgen wird diese allgemeine Bildung haben. Der Mensch bekommt Sinn für die Eigentümlichkeit einer jeden Arbeitsleistung, und somit Ehrfurcht vor denen, die sie leisten, die sie gar für ihn leisten, um ihn zu entlasten und für andere Arbeit freizumachen. Und – er bekommt dadurch allein wahre Freiheit in der Wahl dessen, was er nun in seinem Leben endgültig tun soll. Er bekommt Freiheit in der Wahl seines Berufes. Er hat den Umkreis alles Tuns in seiner Weite gesehen und darf nun wählen.

Denn allein die spielende Unbekümmertheit jedem beliebigen Tun gegenüber macht den Menschen unabhängig genug, daß er letztlich, am Ende seiner Jugend, das ihm gemäße »Spiel« auswählt, den Beruf, dem er sich nun mit sehr großem Ernste zuwenden wird, um ihn von da an das Leben entlang als Hauptaufgabe weiter zu spielen.

Auch von da an aber wird freilich jene allgemeine Bildung dem älter werdenden Menschen die niemals wankende Grundlage bleiben. Gewiß wird er sich nun mancherlei tägliche Arbeit, Kleinarbeit und Grobarbeit abnehmen lassen dürfen, von Menschen, die ihm dies zuliebe tun wollen und denen eben dies Beruf geworden sein kann. Aber er wird nicht mehr in die Sackgasse des heute noch gültigen bürgerlichen Berufslebens hineingeraten. Wo einmal die tägliche Hilfe seiner Mitmenschen aus irgendwelchen Gründen versagt, wird er weder hilflos noch lieblos werden, wie die heutigen Menschen in solchen Fällen unweigerlich werden müssen. Er wird eben nicht mit Heftigkeit diese oder jene Dienstleistung fordern, wenn der, welcher sie ihm gewöhnlich tut, einmal nicht kann oder mag. Er wird dann einfach hingehen und das Notwendige selbst tun und tun können. Er wird alle dazu gehörigen Handgriffe können, weil er sie gelernt hat, und er wird sie zugleich gern tun, untertauchend in die früh geübte Zweckfreiheit jeglichen Tuns. Ja, es wird oftmals dazu kommen, daß er selbst sich in dieses weite Meer jeglichen Tuns absichtlich hinabläßt. Diese alltägliche Arbeit wird für ihn dann die Ruhelage für seine eigentliche Arbeit sein können, aus deren Grunde er leicht und frei sich täglich erheben kann. Ist er doch nicht an seinen Beruf gekettet. Er hat unterbrechen und Unterbrochenes wieder anknüpfen gelernt. Er wird auch in seinem Alter nicht verlernen, zwischendurch hundert alltägliche Verrichtungen spielend gern auszuüben, immer wieder von neuem durchdrungen von jener ersten Spielregel: ganz gleich ob so oder so, wenn nur überhaupt!

So wird er vielleicht an der lieblosen Hilflosigkeit alternder Menschen in seinem eigenen Alter vorbeikommen und damit die schwerste Probe der »allgemeinen Bildung« seiner selbst bestehen, weder lieblos noch hilflos zu werden. Bis an seinen Tod wird jede Leistung zwanglos und leicht aus der tiefen Ruhe seines Lebens aufquellen und überschießen.