Es muß gelernt werden, die Tage der Kraft in strömenden Zusammenhang zu bringen. Tage der Kraft sind Tage der Freude. Solange die Fortsetzung einer angefangenen Arbeit an den darauf folgenden Tagen Lust, sogar steigende Lust bereitet, ist die Glücksreihe der Tage gewährleistet. Wenn der Fortsetzung der Arbeit an einem Tage dann plötzlich ein Unlustgefühl entgegensteht, bedeutet das einen Knotenpunkt in der Reihe der Tage. Es ist dies der kritische Punkt, der schöpferische Bedeutung hat und in keinem Fall gedankenlos übergangen werden darf. Es ist dann zweifache Entscheidung möglich. Entweder der Mensch hört auf, bricht ab mit der Arbeit, überläßt sich der Ruhe und nimmt damit alle Nachteile auf sich, die der Abbruch einer Arbeit mit sich bringt, unter Umständen also Hunger und Verachtung der Menschen. Oder aber er überwindet das Unlustgefühl. Mit Dransetzung aller Kräfte setzt er willensmäßig die Reihe der Krafttage fort. Freiwillig, nicht gezwungen durch irgendein Abhängigkeits- oder Pflichtgefühl muß die Kraftanspannung geschehen, wenn das werktätige Glück erhalten bleiben soll. Das Arbeitsdogma befiehlt hier: Ergebung in die unbedingte Abhängigkeit von der Arbeit, in die »Pflicht«; etwas kirchlicher ausgedrückt: Hingebung, Liebe zu dem Nächsten, für den man die Arbeit tut. Natürlich kann man auch zu Zeiten Umwege gehen und das Arbeitsfeuer erhalten aus Pflicht oder aus Liebe zu einem Menschen. Für die große Menschenmasse ist das vielleicht sogar auf längere Zeit hinaus das Notwendige. Aber solche Umwege, solche kleinlichen Brücken und Krücken bleiben doch immer Unglaube an die unmittelbare Schöpferkraft in den Menschen selbst. Das eigentliche Glück liegt in der Spannung der selbsteigenen Kraft auf den gewollten Zweck.

Arbeit ist Freude, und die Fortsetzung der Arbeit über den natürlichen Ermüdungspunkt hinaus ist das äußerste Glück, das den Menschen zuteil werden kann. Es ist dem Menschen gegeben, zu Zeiten seiner Kraft durch den Gedanken an das Ziel sich selbst zu vervielfachen weit über alle natürliche Möglichkeit hinaus. Monatelang, jahrelang, lebenslang sogar kann das Bild eines Werkes den Menschen in Schwung halten und den Tagen seiner Kraft einheitliche Glücksrichtung geben. Nicht aus Pflicht, nicht aus Liebe, nein aus werkwärts gerichteter Kraft vermag er, wenn es die Arbeit befiehlt, die durch den Lauf der Gezeiten gesetzmäßig über ihn kommenden Schwächetage zu seinem höchsten Glück in Tage der Kraft umzuwandeln. Und er weiß, was dieser Sieg über das natürliche Gesetz der Schwächezeiten bedeutet. Es ist das Überschwingen der gesetzlichen Pause. Gefahr, Vernichtung, Tod liegt dort verborgen. Ein jeder muß lernen und wissen, wann und wie oft er das vermag. Der Führende muß von früher Kindheit an schon die Kraft seiner Anvertrauten daraufhin prüfen, wann sie zum ersten Mal um einer Leistung willen ihre Schwächezeiten ausschalten können. Für Kinder gilt das noch nicht. Für Kinder gilt zunächst allein der Satz von dem natürlichen Anschwellen und Abschwellen der Gezeiten. Kindliche Leistungen werden entweder, wenn die Kraft anschwillt, spielend hervorgebracht oder eben unterlassen, wenn die Kraft abschwillt. Sinnlos ist es, Kinder zur Fortsetzung der Arbeit anzuhalten, unter der Begründung, sie hätten diese Arbeit doch übernommen und also die Pflicht, sie fertig zu machen, oder sie müßten diese Arbeit diesem oder jenem Menschen »zuliebe« fertigmachen. Erst spät und meist wohl nach dem Entwicklungsalter wird es möglich werden, um der Arbeit willen die Schwäche zu überwinden und also die schöpferische Pause unmittelbar in Schaffen umzusetzen. Der Hilfsbegriff der Pflicht wird da nicht mehr nötig sein. Ein Siegestag, ein Tag überschwänglicher Freude wird es sein, unvorstellbar für die vielen Menschen, die von Kindheit an zur freudlosen Arbeit gezwungen wurden und von denen darum Arbeit ohne weiteres gleichgesetzt wird mit Leid und Qual, denen man sich mit List auf jede Weise entziehen muß. Wo der junge Mensch (nicht zu früh) solchen Siegestag seiner Kraft erlebt hat, wird es nicht mehr nötig sein, ihn anzutreiben. Im Gegenteil, der Führende wird sorglich und unmerklich darauf achten müssen, daß jener in seiner immer wachsenden Kraftfülle durch ein zu häufiges Überschwingen der Pause diese Umschaltung nicht mißbraucht und abnutzt.

Denn nicht alle Pausen dürfen übergangen werden. Die Atempause und die Pause zwischen den Lebensaltern müssen eingehalten werden, denn dieser kleinteiligste und weitestschwingende Rhythmus ist ja das Schwingen des lebendigen Menschen selbst. Geht der Atem nicht tief genug, dann brennt die Flamme des täglichen Lebens nicht so stark, die überströmende Lust zur Leistung kann nicht frei werden. Ist keine Besinnungszeit zwischen den verschiedenen Lebensaltern, so bleibt der Mensch in sich selbst stecken, schwingt zwar noch durch die Gezeiten, aber ohne mehr selbst noch weiterzuschreiten. Also nur die astronomisch gesetzten Pausierungen können zeitweise um eines Werkes willen übergangen werden. Und allmählich wird der Mensch lernen, welche Umschaltungsmöglichkeiten ihm da zu Gebote stehen, um die Tage seiner Kraft in strömenden Zusammenhang zu erhalten. Er wird es vermögen, die jahreszeitlichen, die monatlichen und die täglichen Pausen zeitweise nicht zu beachten. Er wird darüber hinaus schöpferisch tätig sein können gegen alles Gesetz, beflügelt durch seine Freude an dem wachsenden Werk.


Rhythmische Leistung

Der Erzieher in den heutigen Schulen läßt den jungen Menschen in der Auffindung seiner eigenen Bedingungen, seines eigenen Naturgesetzes völlig allein. Man setzt voraus, er werde sich schon selbst »finden«. Die allermeisten finden sich selbst tatsächlich aber niemals. Und alle diese leitet man nun trotzdem zu einem Können, das überhaupt nicht oder noch nicht in ihnen selbst bedingt ist. Die Folge davon tritt in diesen Zeiten schon als ein wahrer Höllenzustand überall zutage.

Alles Können, alles Gekonnte hat sich losgelöst von dem erzeugenden Menschen und wird getrennt von dem Erzeuger gewertet. Getane Werke, Erzeugnisse der Hand und des Geistes, Dinge, die Menschen hervorbringen, haben Eigenmacht gewonnen über die lebendigen Menschen. Dieser Zweckgedanke, diese ungeheuerliche Überschätzung der Sache, der Leistungen, hat ihren immer wieder neuen Nährboden in der Erziehung, welche die Menschen von vornherein doch wenigstens zu einem gewissen Mindestmaß von Leistung abrichtet. So werden dem jungen Menschen von vornherein allein die Dinge, die von Menschen geschaffenen Werte, hingehalten mit dem stillschweigenden Bedeuten: auch du hast später in deinem Leben zu diesem Haufen der Werke deine Arbeit, mag sie nun klein oder groß sein, hinzuzulegen. Die sich selbst zur Qual verdammende europäische Menschheit jagt ihre Kinder mit Hilfe der Erziehung immer wieder von neuem in diese trostlose Sklaverei, wo die Menschen meist ohne Freude und weit über ihre Kraft hinaus Dinge herstellen müssen für Menschen, die auch wieder nichts tun als Dinge herstellen oder Dinge verbrauchen.

Mit all diesen Worten wurde nichts gegen Arbeit und Leistung selbst gesagt. Nur gegen die Losgelöstheit der Arbeitsleistung von den Menschen, die sie hervorbringen. Arbeit ist aber doch Hervorgebrachtes, ist die Frucht vom Baume Mensch, die Frucht, die zu ihrer Zeit abfällt.

All das atmende, durch Tag und Monat, durch Jahr und Lebensalter hindurchschwingende Leben ist ja eigentlich nur Kraftbereitung für die hier und da selten, dann aber wuchtvoll zutage tretende, schöpferische Leistung des Menschen. Für solche Früchte, solche Werke hat all das schwingende Leben dann die Bedeutung der schöpferischen Pause; denn aus der Tiefe des Lebens schießt diese Kraft herauf.

Jedes Kind bringt zugleich mit seiner Lebenskraft auch schon die Urausdrucksform dieses Kraftüberschusses, den Spieltrieb ins Leben mit. Spiel ist die leichteste Form des Ausbruchs aus dem ruhenden Selbst, und darum auch selbst in seiner Übertreibung für die schöpferische Pause nicht gefährlich. Im Spielenkönnen ist gewissermaßen noch unentfaltet alles Können enthalten, was sich nachher bei den erwachsenen Menschen in Einzelfähigkeiten gespalten ausdrücken soll. Die gewöhnlichen Schulbetriebe der heutigen Zeit sind nun so einseitige Vorbereitungsanstalten für das sogenannte »Leben« geworden, daß die Form des Spieles in ihnen gar nicht oder nur sehr wenig Raum findet. Der Grundsatz der Arbeitsteilung beherrscht den »Stundenplan«, und damit ist das zweckmäßigste Mittel gefunden, möglichst viel an Leistung herauszupressen. Stundenweise, immer wenn der Lernende ermüden will, bekommt er ein anderes Gebiet der Arbeit vorgesetzt. Dies erinnert an die ehemals übliche Methode, bei überreichen Gastmählern durch die Verschiedenartigkeit der Gerichte immer von neuem den Appetit anzureizen.