Gewiß hängt auch all dies Äußere miteinander zusammen, aber das eine ist sicher: Immer hat das Übel, das sich irgendwo an der Oberfläche zeigt, seinen Ursprung in der Tiefe, wo die Pausen sind. Behoben kann das Übel nur werden, wenn man in die Tiefe steigt. Am öftesten und leichtesten kann man in diese Tiefe steigen auf dem schwingenden Atem, vielmals in jeder Minute. Und so ist tiefste Wahrheit, was von dieser alles heilenden Kraft der bewußt atmenden Seele gesagt wird. Damit ist keineswegs gesagt, daß man das Übel nicht auch an seiner sichtbaren Stelle bekämpfen könnte und sollte, wie die Ärzte tun. Nur das ist sicher, daß es immer wiederkehrt, solange der verkehrte, der dem Selbst nicht eigene Rhythmus bestehen bleibt. Jeder Mensch leidet eben an seinen eigenen Übeln und Krankheiten als den Abweichungen von seinem Rhythmus, und diese Übel endgültig beseitigen kann er nur durch Einlenken in seinen eigenen Rhythmus.

Der Führende muß versuchen, die Schwächetage der Einzelnen herauszuspüren, weil er da die immer wiederkehrende Gelegenheit hat, helfend einzugreifen. Die jungen Mütter, die ja bei der Erziehung des kleinen Kindes meist noch unabgelenkt ihrer inneren Natur folgen, geben hier ein meisterliches Vorbild. Wenn das Kind aus irgendwelchen Gründen sich schlecht aufgelegt fühlt, unlustig und krank ist, dann wissen sie es genau. Was tun sie? Sie singen es ruhig in den Schlaf. Sie gehen nur ganz leise auf den Zehen im Zimmer herum, daß es ja nicht etwa vorzeitig erwacht. Sie vertrauen seinem Schlaf. Sie geben ihm weniger Nahrung und lassen es überhaupt in Ruhe. Hier gilt es zu lernen. Es muß Vertrauen gelernt werden in die Selbstheilkraft des einzelnen Menschen zur Zeit seiner Schwäche. Oft mag es schwer sein, wenn das Kind, das dieses alles ja nicht weiß, sich sehr trotzig oder sehr verzagt gebärdet. Nur das unverwirrbare Wissen des Führenden kann da helfen. Wenig kann er tun, kann höchstens Schädliches verhindern. Er muß darauf achten, daß das Kind sich in seinen Schwächezeiten nicht mit schweren Nahrungsstoffen belastet, daß es im Gegenteil sich gründlich entlastet, seinen Leib innen und außen reinigt. Er muß darauf achten, daß es irgendeine gleichmäßige, aber leichte körperliche Arbeit tut und womöglich so den schwingenden Rhythmus seines Atems wiederfindet, und schließlich sich beruhigt und in einen frühen und tiefen Schlaf verfällt.


Später, wenn der junge Mensch allmählich in das bewußte Leben hineinmündet, muß der Führer ihn in den Sinn der Schwächetage einführen. Daß er ohne Widerstreben aber auch ohne Verzagen sich der ihn überkommenden Schwäche überlassen darf, wissend er steige in die Tiefe seines Lebens und bereite damit den aufschwingenden Tagen ihren Weg. Ein jeder der Anvertrauten muß dann schon gelernt haben, wie das Gesetz seiner eigenen Schwächetage verläuft und wie er die dadurch geschehende Reinigung am besten unterstützt. Der eine wird an diesen Tagen gar nichts essen oder nur ganz wenig und nur frische fruchthafte Nahrung, er wird sich baden und sonnen und viel schlafen. Ein anderer wird vielleicht in den Wald gehen, den ganzen Tag über und ganz heimlich und wartend das Leben der Pflanzen und Vögel belauschen. Ein Dritter wird vielleicht ein Buch nehmen und sich in irgendeinen Winkel damit legen. Ein Vierter wird Lust nach tobendem Spiel und körperlicher Arbeit haben und befriedigen müssen. Aber alle werden sich in eine gewisse wartende Stellung begeben, wo sie aufnehmen können, empfangen können, ohne sich zu belasten. Jeder wird sich so einstellen lernen, daß der Strom der Natur an solchen Tagen möglichst wenig gehemmt durch ihn hindurch kann. Um der Gewalt der Strömung Raum zu schaffen, ist es nötig, die gewöhnliche Tageseinteilung zu unterbrechen, den gewöhnlichen Arbeitsgang und die gewöhnlichen Essenszeiten fallen zu lassen. Die ganze Freude des Wissens um die schöpferische Bedeutung dieser Ruhetage muß darin sein. Auch die Genossen müssen diese Schwächetage an einander achten lernen, weil jeder weiß, daß sie über jeden kommen, und es darf keine falsche Scham und kein Ehrgeiz und kein böser Spott zwischen ihnen stehen. Davon wird später noch zu sprechen sein.

Wenn so die Menschen gelernt haben, die Tage ihrer Schwäche einzubauen in den Gesamtrhythmus ihres Lebens, wird es vielleicht auch gelingen, die Tage der Kraft miteinander in Einklang zu setzen, sie in einen strömenden Zusammenhang zu bringen. Es ist sehr schwierig und erst in einem späteren Alter möglich, daß die Tage der Kraft sich voll und ganz in bestimmte Reihen fügen und also zielgerichtet werden. Gemeint sind die Tage, in denen sich der Mensch geborgen fühlt und allmächtig zugleich, Tage, in denen die schaffende Natur in ihm und durch ihn mühelos schafft, Tage des Gelingens, der Freude. Kinder haben diese Tage in regelmäßiger Aufeinanderfolge. Nur die wenigen Schwächetage unterbrechen notwendig in rhythmischer Folge diesen Gang ihres Glücks. Es gibt Menschen, in denen dieser Glückstakt vorherrschend bleibt. Wie in ihrer Kindheit bleiben sie gesund, und ihr Leben fließt ohne allzugroße Erschütterungen zwischen ertragbaren Schmerzen und vielen Freuden, zwischen Tun und Lassen, Neigung und Abneigung in mäßig bewegten Rhythmen dahin. Ihre Natur scheut sich vor dem allzugroßen Ausmaß der Schicksalsschläge und vor dem zu schnellen Tempo. Werden sie in ihrem Takt nicht gestört, so erreichen sie die eine Möglichkeit des Glückes: sie fügen ihre Krafttage zu einem maßvoll und schön gegliederten Bau, zu einem Leben voll Heiterkeit, Genuß und maßvollem Tun. Goethe ist einer von den Wenigen, denen ein solches Leben gelungen ist. Die meisten so gearteten Menschen aber lassen sich durch irgendwelche Hindernisse in ihrer Lebensgestaltung früh schon aufhalten. Sie haben nicht den Mut zur Freude, zum Genuß. Nach Art von Kindern, die in ihrer Lebensfreude gestört werden, fühlen sie sich zurückgesetzt, übergangen und verkannt. Es sind die immer Mißmutigen, von ihren Launen hin und her Getriebenen, recht eigentlich Menschen, die im kindischen Wesen stecken geblieben sind. Oft wird man noch den Zeitpunkt nachweisen können, wo sie aus Scham oder Furcht oder irgendwelcher hemmenden Rücksicht in dem Rhythmus ihrer Glückstage einmal unterbrochen wurden und niemals wieder recht zum Aufschwung kamen.

Die andere Glücksmöglichkeit lockt sehr viel mehr Menschen der nördlichen Länder: nicht Maß und Harmonie, sondern leidenschaftliche Kraftsteigerung ist ihnen Glück. Die Tage der Kraft werden auf ein ganz bestimmtes Ziel gerichtet. Nicht die in ihnen aufschwingende Kraft selbst, sondern das dadurch bewirkte Werk, die Erreichung einer ganz bestimmten Wirkung heißt Glück für diese Menschen. Dem Glück des harmonischen Kräfteausgleiches steht das Glück des leidenschaftlichen Kraftgebrauches gegenüber. Das niemals gehemmte gleichmäßige Aufschwingen der Kraft verbürgt die erste Glücksmöglichkeit, die hemmungüberwindende Steigerung der Kraft verbürgt die zweite Glücksmöglichkeit. Beide Glücksmöglichkeiten haben ihre eigenen Gesetze. Für den Menschen des Gleichmaßes ist geboten, den Hemmungen in seinen Krafttagen aus dem Wege zu gehen, ihnen auszuweichen. Der Mensch der leidenschaftlichen Kraftanspannung dagegen sucht grade Reibung und Gefahr, um sich an der Überwindung der Hindernisse zu steigern. Ausnutzung der Kraft bis aufs äußerste ist das Geheimnis, dem diese Menschen nachspüren: wie ist es möglich, die Kraft durch Verschiebung, Ersetzung und Stauung zu vervielfachen? Um das zu erreichen, hat man in unseren Zeiten vor allem nach dem Gesetz der Arbeitsteilung verfahren. Arbeit wurde die Losung aller Menschen.

Die Arbeit machten sie zum Gott, dem sie ihr Leben stückweis opfern, ihr eigenes Leben und das ihrer Frauen und Kinder noch dazu. Dem Mann steht sein Beruf am höchsten. Er benutzt die Freude ganz rechnerisch absichtlich als Antriebsmittel zur Arbeit, er verschafft sich nur so viel Genuß, wie gerade eben noch durch die darauf folgende Arbeit wieder unschädlich gemacht werden kann. In ebenso kleinen und zuträglichen Dosen nimmt man den Schmerz. Das Leben eines solchen Arbeitsmenschen, eines Großkaufmanns etwa oder Großindustriellen oder Großgelehrten dieser Zeit ist bis in die letzten Minuten wohl eingeteilt und geordnet zu dem einzigen Zweck, möglichst viel Arbeit herauszubekommen. Das ist die typische Verkörperung der einen Glücksmöglichkeit.

Diese Möglichkeit gilt heute als die einzige. Jede andere wird bestraft. Denn das ist das Schlimme: der Glaube an die Arbeit ist so einseitig allmächtig geworden, daß es zur Dogmenbildung gekommen ist und zur Verfolgung der Andersgläubigen. Mittel der Verfolgung sind Hunger und Verachtung, die wirksamsten Mittel, die große Menge in Bann zu halten und zugleich den edlen Einzelnen zu bezähmen. Keiner darf sich der Arbeit entziehen. Denn die Arbeit braucht die Menschen in Mengen. Eine besondere Arbeiterklasse ist entstanden, wie in der römischen Spätzeit der Sklavenstand. Jeder dieser vielen übt sich auf möglichst eng begrenzte Arbeit ein, um möglichst viel zu leisten. Alle staatlichen und kirchlichen Einrichtungen sind auf das Arbeitsdogma zugeschnitten. Und so hat sich der Rhythmus der europäischen Arbeit ganz und gar verwirrt und zerknittert. Jede auch nur geringfügige Pausierung ist daraus verschwunden. Die Fabrikstadt ist das Symbol dieses Arbeitslebens. Tag und Nacht, wochentags und feiertags brennen die Öfen. Sie dürfen nicht ausgehen, weil es zu kostspielig ist. Ob es regnet oder die Sonne scheint, ob es Frühling ist oder weit draußen auf den unbekannten Feldern das Getreide reif wird, niemand merkt es. Ob eine Arbeiterin ein Kind trägt, ob ein Vater stirbt, ob ein junger Mensch zum ersten Mal Liebe empfängt und gibt, über alles das jagt die Arbeit die einzelnen Menschen so lange mitleidlos hinweg, bis sie selbst glauben, sie hätten kein Recht daran. Es gilt schon geradezu als minderwertig, wenn einer sich von einem allzu großen Schmerz übermannen läßt und seine Arbeit darüber versäumt. Und doch wäre es für die meisten viel besser, wenn sie einmal gründlich verzweifelten. Selbst auf die Gefahr, daran zu sterben und nie wieder zu arbeiten. Denn so können sie weder sterben noch leben. Die Menschen haben keine Zeit zur großen Verzweiflung, wie sie keine Zeit zur großen Freude haben. Das rasende Tempo der Arbeit hat alles überrannt, so daß die arbeitenden Menschen eigentlich nur von ihrer Anfangskraft zehren, die sie aus dem Mutterleib mitbringen und dann hinfallen und sterben, ohne ein einziges Mal von sich selbst aus tief Atem geholt zu haben. Vielleicht, wenn sie nur einmal innehalten könnten, um wirklich und lange genug auszuruhen, würde ihre Arbeit viel leichter und freudevoller und auch stärker aus ihnen hervorbrechen können. Sie würden dann einen Überschuß an Kraft gesammelt haben und nicht immer nur knapp so viel Kraft aufraffen, wie sie im nächsten Augenblick schon wieder ausgeben müssen, um die notwendige Arbeit im Gang zu halten.

Gegen den Glauben an die Arbeit soll hier nichts gesagt werden, nur gegen die Dogmatik. Sicher ist das Zeitalter, das Klima, die nördliche Menschenrasse so beschaffen, daß die Mehrzahl der Menschen ihre Glücksmöglichkeit in der Arbeit suchen muß. Das Glück des in sich schwingenden Kräftegleichmaßes, die griechische, auch die christlich-mystische, auch die indische Zielforderung der Harmonie ist in ihrer Ausschließlichkeit nur für wenige Menschen gültig. Alles drängt heute zur Sichtbarmachung, zu der sofortigen Umprägung der inneren Kräfte in Arbeit. Dies ist entwicklungsmäßig das Unumgängliche. Auch die Erziehung wird dahin gerichtet sein müssen. Die Arbeitsschule ist der lebenskräftigste neue Gedanke. Alles kommt aber nun darauf an, den finsteren dogmatischen Geist der Sklaven und Sklavenhalter zu vertreiben, und damit wirklich und endgültig zu der Glücksmöglichkeit der Arbeit durchzustoßen.