Wissend wird er zum Führer, könnend zum Meister. Aber auch das nur in bezug auf die anderen Menschen ringsum. Allerdings sieht der Werktätige nicht so liebesbewußt auf die einzelnen Menschen wie der Führende. Er tut seine erwählte Arbeit, seinen Beruf aus der zwingenden Notwendigkeit seiner eigenen Kraft und fragt nicht viel nach den Menschen, denen er mit diesem Werke ohne zu wollen eben doch liebe-dient.

Werktätig oder führend, immer nur das eine oder das andere, beginnt der Mann seinen Lebensanstieg. Ein jeder kann beides tun. Doch muß er bei jeder Gelegenheit immer wieder zwischen dem einen oder dem andern wählen, das eine vor dem anderen zurückstellen. Führendes oder werktätiges Vorzeichen werden auch die noch folgenden Perioden des späteren Mannesalters tragen. Darüber kann hier nicht mehr gesprochen werden.


Rhythmischer Wechsel von Schwäche und Kraft

Bei all den Perioden draußen wie drinnen im Menschen ist immer wieder dasselbe: das Auf- und Abschwingen eines Rhythmus um einen Ruhekern herum. Die schwachen und für sich allein sogar schlecht klingenden Zeiten tragen die schöpferische Bedeutung der Pause in sich. Und diese Bedeutung muß zum Ausdruck kommen.

Es ist aber heute keineswegs so, daß der Mensch diese seine dunklen Tage anerkennt oder gar liebt und pflegt. Die meisten wüten vielmehr gegen ihr eigenes Gesetz. Wer eine kraftvolle Natur hat, zwingt sich an diesen Schwächetagen genau so zu leben als sonst, also genau so viel Nahrung aufzunehmen und genau so viel Arbeit zu leisten als sonst. Das heutige Leben, das ganz nach Minutenzeiger und Zentimeterstab ausgerichtet ist, zwingt ja ohnehin jeden Einzelnen von Jugend auf zu maschinenhaften Gewohnheiten und läßt jedes Auflehnen der eigenen Natur dagegen – auch wenn es einmal aus der Tiefe der Besinnung kommt – ungeprüft unterdrücken. So lebt der mit viel Energie ausgestattete Mensch über seine Schwächetage hinweg auf Kosten seiner zunächst unerschöpflich scheinenden Lebenskraft, solange bis dieser Vorrat eben doch erschöpft ist und es in irgendeiner Gestalt zum Zusammenbruch kommt. Von Zeit zu Zeit kommt es bei solchen starken Naturen zu irgendwelchen Katastrophen, etwa zu schweren Krankheiten, oder zu Perioden gesteigerter Genüßlichkeit alkoholischer oder sexueller Art oder zu irgendwelchen übertriebenen Sportgelüsten, vor allem aber zu Perioden unzugänglicher und reizbarer Gesinnung gegen nahestehende Menschen. Und das ist der beste Fall. In den schlimmeren Fällen führt dies achtlose Hinwegleben über die Schwächezeiten irgendwann sogar zu einem endgültigen Zusammenbruch des Lebens. Die Menschen können dann wohl häufig nach außen hin ruhig weiterleben, aber sie haben für den, der näher zusieht, einen Riß (einen Knacks), den sie gewöhnlich vor sich und anderen zu verbergen suchen, der aber da ist und je älter sie werden desto klaffender wird.

Die Menschen von geringer Lebensenergie dagegen geben sich ihren Schwächetagen gänzlich hilflos hin, als wären sie niemals wieder gefolgt von Tagen des Aufschwungs. Sie schaffen sich so allmählich ein immer mehr verdunkeltes Leben. Zunächst wechseln noch Aufschwünge und Abstürze jäh miteinander. Schließlich aber bekommen sie irgendwann einmal ein Grausen vor den (wie sie meinen) dunklen Mächten in ihrem Innern. Sie können sich nicht mehr aufschwingen, weil sie zu sicher schon den Absturz vorher wissen. So verzweifeln die Schwachen am Leben, wie die Starken daran zerbrechen, beide, weil sie das Gesetz der Schwächewiederkehr nicht zu beachten gelernt haben, oder immer wieder diesem Gesetz wissentlich widerstreben. Die rhythmischen Auf- und Abschwünge sind bei jedem Menschen nach einem ihm ganz allein eigenen Urklang gebildet. Es ist der Sinn der Pause, diesen Urklang des Selbst aus der Ruhelage neu entstehen zu lassen. Dieses Hinabschwingen und Hinaufschwingen aus der Ruhelage ist immer wiederkehrende Geburt und Wiedergeburt aus dem Chaos. Die Ruhe der Pause ist gewissermaßen der Grund, bis zu dem alle Schwingungen des Lebens, die kleinsten wie die größten, immer wieder hinabreichen müssen, wenn das Leben wirklich seinen vollen Eigenklang bekommen soll. In den Ruhekernen liegt die Entfaltung des Lebens beschlossen.

An diesen Stellen, wo das Leben sich stets erneuert, liegt naturgemäß auch die Gefahr für das Leben. Alles was wir Krankheit, Schwäche, Fehler, Sünde und Schuld nennen und als lebensfeindlich empfinden, greift immer an den Kern, ja entwickelt sich im Kern, der den Pausen zugrunde liegt. Deswegen ist alles dieses unausrottbar. All dies bedeutet: hier ist Leben, weil eben Feindschaft dagegen da ist.

Wo Verstopfungen der Pausen eintreten, gewinnen diese feindlichen Kräfte sogleich Über-Macht. Nicht Hinabgelangen zur Ruhelage oder in ihr Verharren, beides ist Sünde und Schuld.

Tatsächlich ist auch im einzelnen überall zu sehen, wie die Tiefpunkte der Ruhe und Sammlung, der Kraft, zugleich der Herd der Gefahr sind. Jede Krankheit und jede Notlage läßt sich ursächlich verfolgen bis dahin, wo ein solcher Tiefpunkt der Ruhe entweder nicht erreicht wurde, oder ungesetzlich verlängert wurde. Die Menschen, die immer wieder über die vielen tausend Atempausen des Tages achtlos hinweggleiten, fühlen sich dauernd unruhig, gehetzt und gejagt. Alle, die an zu beschleunigtem oder zu verlangsamtem Stoffwechsel leiden, sind müde und fühlen sich beschwert. Sie können ihren Körper nicht erlösen. Sie können nicht mit ausgeprägten Gebärden zu einer täglich neuen Eigenbeweglichkeit kommen. Um mit der Arbeit schneller fertig zu werden, überstürmen sie ihr Tempo und kommen niemals zum Genuß der Ruhe. Übermüdet halten sie fest am Tage und bringen sich selbst um den allheilenden Segen des Tiefschlafs. Sie haben keine Feiertage, weil sie zu schlapp sind, um überhaupt etwas zu tun und ihnen so jeder Tag ein Ruhetag ist, oder weil sie, von Arbeit überbürdet, alle Tage gleichmäßig fortarbeiten. Die monatliche Schwächewiederkehr, der Jahreszeitenwechsel bleibt unbeachtet in ihrem Leben, und sie verschmähen immer wieder den Trost, mit der neu aufschwingenden Natur aus dem eigenen Grunde mitzuschwingen. Sichtbar wird alles das, was wir Krankheit, Sünde, Schuld oder wie auch immer nennen, natürlich an sehr verschiedenen Stellen der steigenden und fallenden Bewegung des Lebens. Verschiebungen, Übertragungen, Verdrängungen aller Art, machen das Bild von Ursache und Wirkung im einzelnen völlig unübersehbar.