An dieser Stelle, wo das jugendliche Leben aus der Tiefe der Pause nun zur Reife seines Geschlechtes aufbricht, ist dem Führenden alle Macht gegeben. Die ganze aufsteigende Kraft kann er nun lenken, daß sie in die selbst geschaffene Tat des jungen Menschen strömt. Diese Kraft kann auch früh schon als leidenschaftlich dargebrachtes Opfer der Liebe aufflammen. Vor allem wird der Führende an dieser Stelle die Last der eigentlichen Wissenschaft bereit halten, die dem jungen Leben von da an Schwere und Richtung geben kann. Von alle dem wird später ausführlich die Rede sein.
Die dritte schöpferische Pause der Jugend liegt um das zwanzigste Jahr herum. Auch an dieser entscheidenden Stelle versagt die Jugenderziehung heutiger Zeit völlig. Denn gerade hier ist der junge Mensch gewöhnlich schon führerlos. Die Schule hat ihn entlassen, ohne ihn auf die kommende Zeit der Besinnung genügend vorzubereiten. Entweder ist er schon in einen Beruf eingespannt, der sein noch wachsendes Selbst in irgendwelche herkömmlichen Formen lenkt, oder er geht auf eine Hochschule, um zu studieren. Die Wende seines Lebens spürt er höchstens als einen angstvollen Zustand der Leere. Grundlose Traurigkeit, Weltschmerz, Ekel an den Dingen überkommt ihn. Alles wird ihm fragwürdig. Und je öfter er aus seinem Trotz heraus nein sagen kann, desto wohler ist ihm. Eine Sehnsucht nach Zerstörung wird in ihm groß. Darum hat Krieg, Revolution, überhaupt Empörung gegen das Bestehende für jugendliche Menschen so hohen Erlösungswert. Diese gewaltsamen Ereignisse werden immer wieder von den Vielen bejaht werden und immer wieder geschehen müssen, ja eigentlich herbeigeführt werden, solange Jugend von der Tiefe ihrer großen schöpferischen Lebenspause nichts weiß, sich davor fürchtet und darum in zerstörerischer Sehnsucht jede Gelegenheit benutzt, um auszubrechen in einen Zustand, der ihrem eigenen chaotischen Inneren gleicht. Auch viele andere Ventile werden geöffnet aus Angst vor dieser Leere. Besinnungslos wirft sich der junge Mensch an Dinge und Menschen weg. Angst vor dem eigenen chaotischen Zustand treibt ihn dazu, seine Liebe an Frauen zu geben, die ihm nicht gehören und die ihm so fremd sind wie irgendein Vogel oder Baum am Wege. Aus dem chaotischen Grund seiner verzweifelten Einsamkeit heraus erweckt er Liebe, vielleicht in vielen Menschen, wird verzehrende Flamme für viele, die ihm nahe kommen. Und alle diese Geschehnisse, die für ihn selbst nur Rettung vor der Leere seiner jugendlichen Wende sind, werden um ihn herum Schicksal, ohne daß er es zunächst merkt und weiß und will. Und erst später, wenn alles das sich ausgewachsen und längst von ihm getrennt hat, tritt es ihm als fremdes Schicksal wieder in den Weg und mahnt nun und fordert und zwingt ihn zu unfreiem Handeln.
Auch alles, was die Menschen in diesem Alter tun und arbeiten, bekommt etwas von diesem Geschmack der Verzweiflung. Junge Künstler arbeiten selbstquälerisch Tag und Nacht an niemals vollendbaren Kunstwerken; Fragmente von steiler, später nicht mehr erreichter, vielleicht gar nicht wieder erreichbarer Schönheit entstehen aus ihrer Verzweiflung. Andere wiederum ergeben sich einem Studium, einem Beruf, wahllos und einzig getrieben von ihrem Wunsche, den chaotischen Raum in ihrem Selbst zu füllen, irgend etwas zu gestalten. Der Trieb zu gestalten erwächst also aus der gleichen Furcht vor den Abgründen des Selbst wie die Sehnsucht zu zerstören und zu verneinen. Und auch diese Gestalten bildende Flucht vor sich selbst wächst allmählich zum unentrinnbaren Schicksal. Der Mensch, der an irgendeinem entscheidungsvollen Abend seines jungen Lebens den Plan gefaßt hat, Künstler zu werden oder Geschichte zu studieren oder Politiker zu werden, weiß zunächst gar nicht, was er damit auf sich nimmt. Aus der Mitte seiner lebendigen Kraft türmt er aus Furcht vor dem Chaos wahllos Sach-Gebirge auf, die dann nachher seinem Lebensstrom unabänderlich leidvolle Richtung geben können.
Was könnte der Führer zum Leben, all diese Unabänderlichkeiten überschauend, hier wohl tun? Wahrlich nur sehr wenig, weniger als bei irgendeiner anderen entscheidungsvollen Ausübung seines Führeramtes. Wo die Führung für dieses Lebensalter versagt, liegt es jedenfalls meist daran, daß zuviel vom Führer getan und gewollt wurde.
Das Kind und der reifende Knabe ist noch so weich, daß ein zu harter Eingriff des Führers das werdende Selbst meist nur dazu zwingen kann, auszuweichen. Aber aus der schöpferischen Pause der Jünglingschaft soll ja gerade die Unabirrbarkeit des Selbst geboren werden. Einwirkung in einer das Selbst verbiegenden Richtung ist hier verhängnisvoller als vorher. Wie stets zuvor ist die Gebärde des bildenden Führers ein Horchen und liebendes Warten, nicht aber Bestimmen und Raten und Handeln. Sein Dasein allein ist die Stärke und der Wert seiner Führerschaft. Stehen bleiben muß er selbst, wenn der Jüngere von dem chaotischen Zustand seines Inneren gepeinigt vorwärts stürmt und alles zerbricht, was er selbst, der Führer, die ganzen Jahre hindurch hat bauen helfen. Er weiß ja, daß sich der Zerstörungswille nicht gegen ihn selbst richtet, sondern gegen das Bestehende überhaupt. Aus Eigenliebe darf er also hier nicht etwa hindern oder auch nur vorzeitig Ordnung schaffen wollen. Es wird eine schwere Probe seiner Führerschaft sein, wenn er vielleicht für sich selbst gerade in höchst fruchtbarer und aufbauender Arbeit ist, den zerstörerischen Zustand seines Freundes zu ertragen. Wenn er selbst an irgendeinem sachlichen Aufbau arbeitet, wird er nicht über jene großen leeren Räume verfügen, deren sein Anvertrauter bedarf, um darein all sein zerstörerisches Wesen zu ergießen. Doch schon bei dem geringsten Widerwillen, oder wenn der Führende auch nur mit einem leisen Gedanken der Wehmut bei seinem eigenen unterbrochenen Werk verharrt, nicht augenblicklich alles Werkzeug von sich tut und sich selbst weit macht in seiner wartenden Liebe zu seinem Getreuen, ist er seinem Führeramt untreu geworden. Er hat sich dann entschieden, Meister zu werden an irgendeinem selbstgeschaffenen Werk. Das mag auch gut sein, ist aber etwas anderes und ist in Augenblicken der Entscheidung jedenfalls nicht mit dem Führeramt zu vereinen. Leicht und mit tiefer Lust muß das Werk aufgegeben werden in solcher Zeit der wartenden Liebe, so leicht wie man ein Spiel aufgibt, wenn einer der Gefährten schwach wird und umzusinken droht. Auffangen muß der Führer dann die ganze Trümmerlast des jungen Menschen. Er muß ihm Raum geben. Was jener zu solchen Stunden großer Werdenot in ihn gelegt hat, muß er still in sich bewahren. Es muß Geheimnis bleiben zwischen ihnen. Denn dies hingebende Vertrauen in die bergende Liebe fordert von dem Älteren schweigende Ehrfurcht. Selbst wenn dieser Bund nur für Augenblicke seinen Ausdruck fand und später vielleicht niemals mehr in Erscheinung treten wird, so deutet diese Stunde doch auf das Letzte, das zwischen Menschen hin und wieder schwingt. Nur wenn der Führer ganz und gar mit hinabsteigt in die Tiefe der Zerstörung und Verzweiflung und auch durch gutes Zureden und tröstliches Schwatzen vom aufbauenden Leben sich selbst und seinem Gefährten den Weg nicht ungebührlich verkürzt hat, dann, aber auch nur dann wird er nun die Macht haben, ihn zu einem wirklich aufbauenden Leben zu locken. Nicht zu einem Leben, das er selbst in irgendwelcher guten Absicht für den Freund sich ausdenkt, sondern zu einem Leben, das sich ganz ohne sein Zutun stolz und gerade auf den Trümmern des vergangenen Lebensteils erhebt, als wahrer und ureigener Ausdruck des nunmehr unbeirrbar werdenden Selbst des Jünglings.
Bei dem nun neu anhebenden Lebensanstieg des Jünglings wird der Führer nur noch lose nebenher gehen. Die führende Wirkung seines Lebens wird nicht mehr nach außen hin erkennbar sein wie früher. Der Jüngere wird nicht mehr Tag für Tag an ihn denken. Das Dasein des Führers wird für ihn allmählich etwas Entferntes werden. Auch räumliche Trennung, vielleicht zeitweise, vielleicht für immer wird einen Keil zwischen die Menschen treiben. In Wahrheit gehört aber diese Entwöhnung voneinander noch in den Bereich der bildenden Aufgaben des Führers. Es ist seine letzte und schwerste Arbeit, sich selbst dem Anvertrauten entbehrlich zu machen, ihn zu entlassen, Abschied zu nehmen. Nur in den seltensten Fällen wird dieser rechte Abschied gelingen, nur dann, wenn der Führer Einsamkeit-erfahren ganz in sich beruht. Nur dann, wenn der Jüngere selbständig und aufrecht seinen eigenen Gang zu gehen gelernt hat. Dann wird Abschied ohne Schmerz sein und Trennung so leicht und so gesetzhaft wie das Fallen der Frucht vom Baum.
Um das achtundzwanzigste Jahr herum liegt abermals eine Pause, die das Jünglingsalter von dem beginnenden Mannesalter scheidet. Das heutige europäische Leben läßt allerdings die Innehaltung dieser Pause überhaupt kaum zu, weil der Mensch von achtundzwanzig Jahren schon lange fertig sein muß. Er muß seinen Beruf und womöglich seine Familie schon haben. Die Notwendigkeiten des materiellen Lebens, aber auch des geistigen Lebens erfordern nun gleichmäßiges und rastloses Fortschreiten und zwingen ihn über die wichtigste Bedenkzeit seines Lebens hinweg. Er hat sich längst entschieden und ist gebunden und tut seine Pflicht. Wenn einer in diesen entscheidenden Jahren von seiner Pflicht redet, sieht man es seinen zusammenkrampfenden Lippen an, wie sein ganzes Selbst eine einzige große unterdrückte Trauer ist über dieses forttrottende Leben, das ihn hinwegzerrt über irgend etwas, was unter ihm verborgen liegt, und das er nur noch hier und da spürt als ein leises Beben des Grundes, etwas, das er selbst sich lächelnd oder seufzend – und sehr richtig – erklärt als ein – wie er meint - törichtes Erinnern an längst überwundene Werdezeiten seiner Jugend. Alles was sich an dieser Stelle des Lebens zum letzten Mal als »Sentimentalität«, als »Hamlet-Stimmung« an die Oberfläche wagt, wird entschiedener und rücksichtsloser als in den früheren Besinnungszeiten zurückgestoßen. Der Mann stürzt sich in seinen Beruf; große Pläne bringt er nun zur Verwirklichung. Es beginnt, ihm auf Vollendung, auf Vollständigkeit anzukommen. Was sich ihm an Widerständen entgegenstellt, wird rücksichtslos zurückgeworfen. Zur Zeit der Jünglingspause um das zwanzigste Jahr treibt die Furcht vor der Tiefe des eigenen Selbst zur Zerstörungstat oder zur gewalttätigen Arbeit, in hundert steilen Anfängen. In dieser Hamlet-Zeit aber steht gerade die Sehnsucht nach Fertigwerden, nach Vollenden überall auf, um über die Zeit der Besinnung hinwegzulocken. Furcht vor dem nochmals aufgebrochenen Abgrund des Selbst treibt den Mann in die bürgerliche Ruhe der Ehe. Unter dem unbewußten Bann dieser Furcht entschließt sich der geistige Mensch zu einer wirkenden Tat. In Kunst und Wissenschaft bringt er es allmählich durch seine fertig erscheinenden Werke, durch seinen nunmehr unverkennbar gewordenen Stil zu Ruhm und Ansehen. Schlau und ängstlich beginnt sich der Mensch zu hüten vor allem, was ihn etwa zu der Erkenntnis eines doch vielleicht notwendigen Neuanfangs führen könnte. Er sucht dann nach Ausflüchten, nach Rechtfertigung vor sich selbst. Er bringt sein Leben in System, läßt alles fallen, was kreuz und quer darin liegt, was sich nicht fügt. Sein Wille verdrängt alles, was sich in ihm selbst auflehnt gegen diese Systematik. Er will und muß die Herrschaft über sich und seine Aufgaben behalten. Ist er doch in den Kampf des Lebens getreten und muß nun glauben, daß er »Rechte« und »Ehre« und »Ziele« habe.
Aber aus all dieser mannigfaltig gespreizten Kämpferstellung des werdenden Mannes spricht deutlich die Angst, von der letzten Besinnungszeit seiner Jugend zu Fall gebracht zu werden. Das ist Todesangst im tiefsten Sinne dieses Wortes, zum ersten Male wahre Furcht vor dem Tode. Und doch könnte aus dieser Angst allein das Hinabsteigen in seine Tiefe, das Ersterben in sich selbst Erlösung bringen.
Von Führung und Gefolgschaft kann bei dieser Besinnungszeit des werdenden Mannes nicht mehr gesprochen werden. Hier ist der Mensch zum ersten Mal allein. Das klare Bewußtsein von seiner ersten wirklichen Einsamkeit darf ihn nicht schrecken. Er muß wissen, daß er nun ins Leben entlassen ist, und bestimmt, dem Tode zuzuwandern. Gerade die Hingebung an diese Einsamkeit macht ihn mit seinem eigenen Tode vertraut, daß er nun von Farbe und Geschmack des Todes ganz durchdrungen wird.
Nur durch diese Todesweihe der ersten Einsamkeit geht der Weg zur Liebe des Mannes und zum Beruf des Mannes. Erst dann hat er volle Freiheit und Ruhe, sich umzusehen und die anderen Menschen, alle jene einsamen Menschen, ringsum in ihrer inselhaft abgeschlossenen Wirklichkeit zu gewahren. Es wird notwendig werden, daß er etwas tut. Sein Wissen und sein Können ist ausgebildet. Durch eins von beiden kommt er zur Tat. Wissend wird er zum Führer, könnend wird er zum Meister. Beides in Beziehung zu jenen anderen Menschen, die er nun gesehen hat: die jünger sind als er, noch in Werdenot befangen, oder gleichen Alters und frei geworden wie er selbst, oder älter als er, schon von Todesnot befangen. Sein wissendes Leben wird ihn stark machen, die Jüngeren zu führen, mit den Gleichaltrigen einen Bund zu schließen, Väter und Mütter zu stützen in ihrer wachsenden Bedrängnis. Unter diesen vielfachen Verbindungen wissender Mannesliebe wird immer deutlicher eine Spur zu der Frau hinführen, welche die Ergänzung seines Mannestums darstellt, die ihn zum Vater machen wird. Aber keine der anderen Verbindungen wird dadurch nun etwa gelockert, keine darf willkürlich abgeschnitten werden. Nun muß alles getragen und zur Vollendung gebracht werden. Das ganze Tauwerk dieser Verbindungen muß der Mann bewußt durchs Leben fortführen.