Das Anfangsverhalten des Führers ist entscheidend. Kann er nicht warten, greift er ein in das Leben des Kindes, bevor es seine Pause, den herrlichen ersten Tiefschlaf des jungen Lebens beendet hat, so hat er verspielt und muß bei diesem Zögling vielleicht jahrelang warten, ob er ihm in der nächsten großen Lebenspause den entscheidenden Dienst leisten kann.

Es ist klar, daß ja bei diesem Anfang schon die meisten Lehrenden und die meisten Väter scheitern müssen. Denn ihr eigenes Dasein wurde ja in früher Jugend durch irgendeinen eingreifenden Willen irgendeines Erwachsenen verbogen. Sie wurden frühzeitig gezwungen, irgendeinen fremden Takt zu gehen und fanden sich darein und glaubten von da an, daß es eben so sein müßte. Sie lernten ihren eigenen Takt vielleicht erst sehr viel später, vielleicht überhaupt nicht kennen, und da sie nun selbst in ihrem eigenen Lebenstakt so unsicher sind, wie wollten sie da vermögend sein, auf einen fremden Rhythmus hin sich liebend einzustellen?

Also der Führer muß selbst Ruhe genug haben, um dem Kind Ruhe zu lassen, solange es noch gesetzmäßig in dem Zustand seiner Unentfaltetheit verharrt. Bis es eines Tages von sich aus nach irgendwelchem Ausweg aus sich selbst begehrt! Der Tag wird kommen, und der Führer darf diesen Tag nicht verpassen und zu dieser Zeit nicht in irgendwelcher Müdigkeit vergraben sein. Gemeinsam mit dem nun von selbst erwachenden Kinde muß er den ersten Ausgang machen. Er braucht nun nicht zu ziehen und zu zerren und zu fragen und zu mahnen. Weit eher wird ihm das Kind mit geweiteten Augen voranlaufen und wird nur hier und da stehen bleiben und von sich aus fragen. Und er wird Antwort zu geben haben. Durchaus nicht immer in dem gleichmäßig belehrenden Tonfall des erwachsenen Besserwissenden, sondern je nach dem Inhalt der Frage fröhlich und schnell, oder ernst und behutsam, oder stammelnd und leidvoll.

So wird allmählich das Leben des Kindes sich überall nach außen zu entfalten beginnen. Und in der nun anbrechenden Wachstumsperiode wird je nach der besonderen Schnelligkeit und Dichtigkeit des kindlichen Geistes Können und Wissen langsam oder schnell, tiefgehend oder an der Oberfläche zunehmen, bis sich die zweite große Pause im Leben des jugendlichen Menschen ankündigt.

Diese Zeit um das zwölfte Jahr herum, die Zeit der beginnenden Geschlechtsreife, wird in dem mit Zwang und Überwindung arbeitenden Erziehungssystem noch viel weniger beachtet. Hier liegt wieder der schöpferische Kern für die Geschehnisse des weiteren Lebens. Der jetzt bestehende Zustand ist ein unbegreiflicher. Der Erzieher in der Schule geht über diese große Pause, die vielleicht bei einzelnen eine jahrelange Schonung, bei allen aber eine gewisse Zeit völliger Umstellung zum Leben erforderte, einfach hinweg. Kein Blick, kein Wort des Lehrers beschäftigt sich mit dem, was in diesen Zeiten allein Körper und Seele des werdenden Menschen erfüllt. Wenig wird hier gebessert werden, wenn nun in reformierten Schulanstalten zu dieser Zeit eine gemeinsame Belehrung über geschlechtliche Dinge einsetzt. Im Gegenteil, für die allermeisten wird solche Belehrung großen Schaden bewirken. Deswegen, weil das Mittel der Belehrung überhaupt unzweckmäßig ist, wenn ein Mensch sich im Zustand des Chaos befindet. Solche Belehrung verkürzt den chaotischen Zustand und nur wo diese Besinnungszeit des reifenden Jugendlebens ohnehin schon ihrem eigenen Ende nahe ist, mag Belehrung das Gegebene sein. Wo aber ein junger Mensch erst am Anfang seiner Umwandlung steht oder infolge seiner langsamen Entwicklung viel Zeit dazu gebraucht, kann das aufhellende Licht die noch schlummernde Schöpfung seines Selbst höchstens zu einer vorzeitigen Reife bringen, und diese ist genau so tödlich für das Selbst des Menschen wie die Unreife, die durch das Übergehen dieser großen Lebenspause, durch das lieblose und gedankenlose Schweigen des Lehrers verschuldet wird.

Der Führende muß hier wie stets lauschen und warten, mit seinem ganzen Leben nach seinem Anvertrauten hin gerichtet sein. Schon lange ehe dieser selbst irgend etwas weiß, wird sich dem Führer seine Lebenspause ankündigen. All die kleinen Schwächen und Unarten, die der heutige zünftige Erzieher mit dem Begriff »Flegeljahre« geringschätzig oder gar scherzhaft an sich abgleiten läßt, wird der wahre Führer liebevoll wissend auf ihren chaotischen Ursprung deuten und ertragen, d. h. mit-leiden. Sein ganzes eigenes Wesen wird sich erhöhen bei dem Gedanken an die schöpferische Zeit, die nun dem jungen Menschenkind bevorsteht. Bei diesem Wissen müssen aber seine eigenen Herzschläge wechselweis stürmisch und stockend werden, wie bei dem Kind, das er behütet. In seiner nachempfindenden Glut selbst errötend, muß er jedes Erröten des Kindes verstehend und zugleich übersehend in sich nehmen. So wird er merken, wann das hilflose Werden des Knaben nach Einsamkeit ruft. Er wird ihn an solchem Tage von den Gespielen und von sich selbst wegschicken, über alle Mauern und Zäune weg in den Wald, an den See, mitten in die Wildnis werdender Natur. Sein Mund aber wird verschlossen bleiben wie der Mund seines lieben Kindes. Allein seine Augen werden wachsam bleiben. Er wird darauf achten, daß es langen kühlen Schlaf hat, daß seine Nahrung nun besonders ausgewählt ist, daß keine unreinen Stoffe ihn belasten, daß Wind und Sonne täglich an ihn kommen und der Mond ihn nicht berührt. Er wird das Versteckenspielen des Kindes, das vorher doch so offen und zutraulich war, nicht Unwahrheit schelten, weil er durch sich selbst weiß, daß Werdendes dunkel ist und sich ungern offenbart, ehe die Zeit da ist. Freuen wird er sich, wenn der vorher so Regsame faul wird und sich in die Sonne legt und tagelang nichts tut als so vor sich hindämmern. Selbst wenn Tücke und Grausamkeit in diesen Tagen bei irgendeiner Gelegenheit ausbricht, wird er sich freuen, daß solche Restbestände ererbter Dunkelheiten früh zum Ausdruck kommen und sich nicht im Inneren festsetzen und so unterdrückt für später sehr viel Schlimmeres vorbereiten. Vor allem aber wird er die wie auch immer aufquellende jugendliche Tatenlust nicht töricht hemmen, auch dann nicht, wenn sie den gewohnten Gang des Lebens und des Unterrichts durchbricht. Im Gegenteil, er wird den Knaben reizen und herausfordern, sich voll auszutoben in Spiel und Geschrei, im Laufen und Rennen und Wandern und Schwimmen und allerlei körperlichen Kunststücken.

Und über alledem darf er ihn niemals aus dem Auge lassen, denn eines Tages wird es so weit sein, daß eine scheue fragende Gebärde im Körper seines Schutzbefohlenen ihm sagt: das Werdende in mir ist jetzt sehr stark geworden, es drängt schon nach dem eigenen, nicht mehr nach irgend einem Ausdruck. Kein fragendes Wort, kein fragender Blick wird es sein. Viel früher ist die Frage im Körper, vielleicht in einer plötzlichen eckigen Wendung oder in einem unerklärlichen lauschend atmenden Stillstehen des Körpers mitten im wildesten Lauf. Wenn der Führer sonst wohl meistens mit der ganzen Schar in den Wald gegangen ist, wird er nun an einem wohl ausgesuchten Tage ganz einfach mit dem einen ausgehen. Es braucht nicht auffällig zu sein, zu einem notwendigen Gang nimmt er ihn mit, weil doch eben überhaupt einer mitkommen muß. Hierbei braucht sich auch gar nichts zu ereignen, als höchstens ein paar freundliche Blicke oder daß sie gemeinsam einen Abhang herunterlaufen oder am Waldrand ein paar Augenblicke über die Felder atmen. Nur der Führer weiß, was wird und dient dem Werdenden mit seinem ganzen Wesen. Wenn er dann vielleicht zum zweiten oder dritten oder zehnten Male mit jenem allein geht, wird auch etwas geschehen, etwas Geheimnisvolles, das sich nicht näher bestimmen läßt. Denn daß der Junge vielleicht auf einmal mit einem neuen ihm ganz eigenen Ausdruck irgendeinen Gedanken formt, oder daß er halb zitternd, halb ungestüm die Hand des Älteren ergreift und lange nicht los läßt, oder was es auch sein wird, – das ist ja nur das außen Geschehende. Mit dem inneren Auge aber sieht nun der Führende nichts als lauter aufsteigende Ströme von Kraft, die alle in seine Hände münden, an denen er liebend und formend entlang gleiten darf, die gar nicht enden wollen in ihrer Unerschöpflichkeit, die kreisend immer neu aufsteigen aus der unendlichen Werdefülle des reifenden Knaben.

Und noch viel später wird dann erst die Frage zu der Oberfläche der Worte aufsteigen: was ist mit mir, warum geschieht mir das, was vorher doch nicht gewesen ist? Und auf die vertrauende Frage wird die sehr langsame Antwort kommen und später dann ganz zuletzt zusammenhängende Belehrung über Zweck und Ziel der körperlichen Wandlung und regelmäßige Übung. Also erst zu einer sehr späten Zeit, wenn Wort und Begriff schon zu einem sicheren Hilfsmittel der Verständigung zwischen den Vertrauten geworden sind, ist es möglich, durch Worte zu geschlechtlichem Wissen zu führen. Dies Wissen wird sich aber für jeden Einzelnen anders gestalten. Dinge, die doch »jeder wissen muß«, gibt es hier noch weniger als wo anders. Einer wird viel Beweisbares hören müssen und mancher vielleicht nur ein halb betontes Wort zur rechten Zeit. Die alles gleichmachende Gesinnung unserer Zeit darf hier nicht Einlaß gewinnen. Ein Körper, der sich nach der Norm entwickelt, wird niemals lebendig werden. Nur das schon wieder erstarrte oder das noch gehemmte Körperleben fügt sich dem System.

Das wartende Dasein des Führenden kann dem jungen Menschen allein dazu verhelfen, über diese entscheidende Pause seines Jugendalters nicht hinweg zu leben, sondern wirklich ganz hinab zu gelangen zu den ruhenden Kräften seines Selbst, und darin zu verharren, solange bis er von sich selbst ganz gesättigt ist. Mit seiner gesamten mitschwingenden Lebenskraft muß der Führer in seinem Vertrauten bewirken, daß er sich fallen läßt in seine Tiefe, nicht davor zurückschreckt und nicht durch irgendwelche gesetzten Ziele und Arbeiten sich etwa daran hindern läßt. Und dann auch, daß er nicht darin verharrt, daß er nicht erschlafft in dem untätigen Staunen über sich selbst. Es ist ja das Schicksal unzähliger Menschen, gewissermaßen in der Zeit ihrer Pubertät stecken zu bleiben. So daß eigentlich alle weiteren Erlebnisse Wiederholungen dieser ihrer ersten geschlechtsreifen Erschütterungen bleiben.