Bei dem Aufbau der eigenen Lebensalter ist die Bedeutung der schöpferischen Pause groß, Glück und Fülle und Schönheit des Einzellebens hängt davon ab, ob die kraftspendenden Pausen zwischen den Lebensaltern wirklich innegehalten wurden.

In der Jugend folgen die Lebenswellen schneller aufeinander. Die Pausen sind dichter aneinander gerückt. Im Alter greifen die Wellen breiter aus, und weitere Zeiträume umspannend folgen die Pausen.

Das Leben wird gleichsam aus der Urpause im Mutterleib mit einer gewaltigen Wucht ausgestoßen und bildet im frühesten Kindesalter sicherlich ein Auf und Ab von ganz dicht beieinanderliegenden Lebenswellen. Nur die Mütter wissen von diesen ersten so schnell aufeinanderfolgenden Perioden im Leben ihres Kindes und sind recht imstande, die trennenden Pausen dazwischen einzuhalten. Von diesen frühesten Perioden kann hier nicht gesprochen werden. Etwa vom sechsten oder siebenten Jahre an, wo das Kind allmählich der alleinigen Pflege seiner Mutter entwächst, beginnt dann deutlich ein neuer Lebensteil sich abzuheben. Auch in den sehr verwirrten Zuständen des heutigen Europa wird dieser neue Lebensanstieg des »zur Schule kommenden« Kindes deutlich sichtbar. Diese Welle läuft bis zum elften und zwölften Jahr. Hier beginnt dann eine zweite Welle, und auch dieser neue Anstieg ist bei allen jungen Menschen noch voll erkennbar. Es ist die Zeit, die durch die Firmelung der Kinder nach außen hin von der Kirche sichtbar gemacht wurde. Von hier an läuft aber das Leben des europäischen Menschen gewöhnlich schon pausenlos weiter fort. Bei den wenigen Menschen, die ihrer Bildung von da an noch einige Zeit widmen dürfen, tritt manchmal noch eine neue, deutlich erkennbare Pause nach dem Verlassen der höheren Schule ein, ehe der junge Mensch sich für ein Studium oder eine berufliche Sonderausbildung entscheidet. Und schließlich als Abschluß des Jugendalters wird dann vor der eigentlichen Aufnahme eines Lebensberufes in seltenen Fällen nochmal eine Pause sichtbar. Die Perioden der späteren Lebensalter sind noch unkenntlicher als die des Jugendalters geworden, die schöpferischen Pausen werden immer mehr verwischt und bleiben bei den meisten Menschen ganz aus. Nur bei denen, die gar nicht anders können als ihr eigenes Gesetz befolgen, treten auch diese späteren Besinnungspausen noch zutage. Das Leben dieser wenigen zur Selbständigkeit gekommenen Menschen setzt in deutlichen Wellen Lebensalter an Lebensalter bis zum Tode als der abebbenden Welle des höchsten Alters.

Goethes Leben ist solch ein bis zu seiner letzten Möglichkeit an- und abschwellendes Leben gewesen.

Diese menschlichen Werdezeiten können sich natürlich verschieben je nach dem Eigengesetz eines Lebens. Aber sie müssen da sein. Wo sie durch eine zu gestraffte Lebensführung überrannt oder infolge einer zu schlaffen Lebensführung gar nicht erreicht werden, überjagt der Mensch sein Leben, oder er lebt es nur bis zu einer gewissen Periode. Tatsächlich sind die meisten Menschen entweder überlebt, früh gealtert, scheinbar gejagt von unsichtbaren Mächten, oder sie sind stehen geblieben an irgendeiner Stelle ihres Lebens, und von da an wiederholen sie mechanisch immer wieder die Schwingungen ihrer schon durchlebten Jahre. Nur wo das Leben in seinen großen Bögen von einer Ruhelage zur anderen ungehemmt ausschwingen darf, wo jede neue Lebensperiode wirklich aus der Tiefe steigt, geboren wird aus der Besinnung auf das eigene Gesetz, nur da vermag der Mensch sein eigenes Leben bis zu Ende zu leben »nach dem Gesetz, wonach er angetreten«.

Der Führende muß nun bei jedem seiner Anvertrauten dieses rhythmische Eigengesetz der jugendlichen Lebensteile in seinem großen Wellenschlag vollauf zur Schwingung kommen lassen. Nur wer im eigenen Leben, auch im führenden Alter noch, die Pausen innegehalten hat, ist fähig, den rhythmischen Lebensgang seiner Anvertrauten zu behüten, von Welle zu Welle, von Pause zu Pause. Den Stürmischen wird er die Ruhelage zu zeigen vermögen (ohne ihn da hinein zu zwingen), den Zaudernden wird er liebend zum Anstieg locken (ohne ihn zu treiben).

Die Machtgebärde des bildenden Führers in seiner Bildungsarbeit reicht auch hier nie weiter, als es durch die Worte: lauschen, warten, zeigen und locken angedeutet wird.

Kinder von etwa sieben Jahren, die gerade den vielteiligen Anstieg ihres Lebens unter der mütterlichen Führung beendet haben, sind also inmitten ihrer ersten großen schöpferischen Lebenspause, wenn der Führer (an Stelle des Vaters, soweit der Vater nicht selbst Führer ist) auf ihr Leben Einfluß gewinnt. Hier ist das Problem: wie soll überhaupt die neue, die zweite große Wachstumsperiode begonnen werden? Über diesen Anfang wird durch die gewöhnliche Schulform ohne weiteres hinweggewischt, indem eben einfach eines Tages über das Kind das Verhängnis hereinbricht und es drei Stunden lang in einer Stube mit anderen Kindern zusammengetan wird, um dort von nun an Dinge zu hören, nach denen es nicht verlangt und noch lange nicht von selbst verlangen würde. Mit einer Pause beginnt dieses neue Leben des Kindes, einer Pause, die sich vielleicht bei einzelnen Kindern über Monate oder gar Jahre erstreckt. Hier wird der Kern gepflanzt für viele kommende Jahre. Es soll etwas werden und zum Ausdruck kommen, das in dem Wesen des Kindes noch verborgen ist. Alles kommt hier darauf an, daß der Führer den Sinn dieser Pause begreift. Wie sinnlos ist es, mit einem bestimmten, vorher überlegten, und in seiner Methodik sorgsam eingelernten Fragenbündel in das dunkel geschlossene Sein des Kindes hineinzustechen und sein ruhendes Denken aufzuscheuchen, damit es dieses Denken in irgendeiner Zukunft einmal gebrauchen lernt!

Was muß nun der Führer tun, in diesen schweren Anfangszeiten, zwischen Schweigen und Reden? Er muß sich niederknieen, daß er so klein wird wie das Kind. Er muß seine Sinne zusammenschließen, daß er so gespannt wird wie das Kind, so lauschend auf jede Regung. Und spielend muß er, erst selten und dann immer öfter, Brücken schlagen von ihm selbst zu dem Kind hinüber, an dieser und jener Stelle, ob es vielleicht schon einen ersten Ausgang aus sich tun will. Tag und Nacht wird er bereit sein müssen auf diesen ersten Ausgang seines Schützlings. Und inzwischen muß er warten, muß immer wieder nur ganz zarte Versuche der Annäherung machen, muß immer wieder sein eigenes Leben in gleichen Takt setzen wie das Leben des Kindes.