Wer so die Einheit Tag und Nacht einzeln gestalthaft erlebt, als wäre jeder Tag der erste und jede Nacht die letzte, der wird dann auch langsam fähig werden zu begreifen, was die Mehrzahl Tage bedeutet: daß es nicht zu Ende ist mit dem einen Tag, daß es seinen Fortgang nimmt, daß die Einzelkugeln sich zur Kette reihen. Der Führer zum Leben muß es seinen Anvertrauten begreiflich machen: morgen ist auch ein Tag. Denn das Kind lebt einzig in den Tag hinein, so, als wäre der Tag das ganze Leben. Es mag gar nicht zu Bett gehen, weil es noch viel mehr hineinleben möchte in den einen Tag. Ganz sacht und allmählich wird nun der Führer die kindlichen Zeiträume aufweiten, bis diese ungeheure Tatsache des Morgen, diese Überhöhung der Gegenwart durch Zukunft ihm zu erlebter Wirklichkeit wird; und das Kind dieses Geschenk zu gebrauchen lernt nach seinem eigenen Willen. In den heutigen Schulen wird gewissermaßen vorausgesetzt, daß das Kind schon seine Tage zusammenhängend verleben könnte. Es erhält einfach seine Aufgabe für morgen, oder gar für über acht Tage, ohne doch zu wissen, was es damit vermag, wenn es eine Aufgabe für morgen vorbereitet. Es ahnt nicht, daß dieses eine Erweiterung seines eigenen Tageslebens, eine Eroberung seiner Zeit bedeutet, vor allem es lernt sich nicht freuen über dieses Anwachsen seiner Macht.
Von vornherein muß der werdende Mensch lernen, daß er mit dem Auf- und Abbau der vielen Einzeltage zugleich an bestimmten größeren Rhythmengefügen arbeitet. Die Einheit Tag wird durch die Sonne bestimmt. Die nächst höhere Zeiteinheit bildet sich durch den Umlauf des Mondes. Die 28 Tage des Mondumlaufes bilden sicherlich eine sehr wesentliche Periode, durch die sich das körperliche Selbst eines jeden Menschen hindurchschwingen muß. Die monatliche Periode ist, wie der Tagesrhythmus im Leben des Menschen, fast gänzlich verschüttet. Wer fragt danach, ob Vollmond ist oder Neumond? Wenige fragen überhaupt nach dem Dasein von Sonne und Mond und nehmen dieses rhythmische Anschwellen und Abschwellen von Neumond zu Vollmond und wieder zum Neumond genau so gedankenlos hin, wie sie das Anschwellen und Abschwellen des Tages von Morgen über Mittag zum Abend hinnehmen. Die Bedeutung des Mondwechsels lebt höchstens als Erinnerung an märchenhafte Geschehnisse in den dunkelsten Winkeln des Gedächtnisses fort: daß die Hexe zu Neumond oder Vollmond ihre Kräutertränke braut, daß Mädchen ihre Haare zu Vollmond beschneiden, damit sie besser wachsen; dann erinnert man sich, daß auch die Springfluten mit dem Mondwechsel zu tun haben, und schließlich etwas tiefer ins tägliche Leben eingreifend ist die Erfahrung, daß das Wetter bei Vollmond und Neumond umzuschlagen pflegt. Im übrigen denkt man eben nicht an die Mondgezeiten, zumal da auch der Kalender nicht mehr nach Mondmonaten rechnet. Und doch gewinnt diese Periode der 28 Tage bei der Frau eine ihr ganzes körperliches Dasein beeinflussende Bedeutung. Durch zu gestraffte Lebensführung kann diese Periode sich verkürzen, auch kann sie durch eine zu erschlaffte Lebensführung sich verlängern, ja ganz unkenntlich werden. Der Sinn dieser »monatlichen Reinigung« ist die schöpferische Pause, in den zwei bis drei Tagen der Schwäche liegt beschlossen die Sammlung der Kraft. Frauen, die diesen Sinn mißachten und diese schöpferische Pause ihrem Selbst nicht gönnen, also dem allgemeinen Gesetz zuwider handeln, werden allmählich starr oder schlaff. Sinn und Wesen dieses monatlichen Rhythmus ist für den Mann noch bedeutungsloser geworden, weil er nicht wie die Frau ein so merkbares Zeichen in seiner Monatswelle hat.
Die nächst höhere Periode, das Jahr, ist wie der Tag vom Lauf der Sonne abhängig, teilt sich in an- und abschwellende Jahreszeiten. Dieser Periodik entsprechen jährliche Sammlungszeiten des Menschen, die in der Hauptsache dem Aufbau des Selbst gewidmet sind und jährliche Gebezeiten, die durch Abbau des Selbst Leistung schaffen. Die Art, wie die Erde sich durch den sonnenbedingten Rhythmus hindurchschwingt, die ganze Summe der jährlichen Taten und Leiden der Erde, wird dem heutigen Menschen nur noch bruchstückhaft fühlbar. Er spürt zwar die Witterungstatsachen hier und da, aber die großen Zusammenhänge innerhalb eines Jahres sind ihm verloren gegangen. Alle die Erscheinungen der Lufthülle und der Erdoberfläche, wie Luftdruck und -feuchtigkeit, Wolkenbildung und Windstärke, Wärme und Lichtaufnahme, Erdströmung und dergleichen fügen sich an ganz bestimmter Stelle dem Rhythmus des Sonnenjahres ein. Zwischen den einzelnen Jahreszeiten liegen jedesmal Ruhepausen der Erde, schöpferische Pausen, in denen etwas geschieht, ohne daß etwas getan wird. Wo der Mensch in und mit der Natur lebt, wird er bald merken, wie erschütternd tief diese Jahrespausen in sein Selbst einzugreifen vermögen: die Zeit der Wintersonnenwende, die Zeit der ersten Frühjahrswinde, die hohe Zeit des Frühjahrs, die Sommersonnenwende, die Zeit der ersten Reife, die hohe Zeit des Herbstes, die Zeit der beginnenden Winterstürme und abermals die Wintersonnenwende. Das Jahr hat viel mehr Zeiten im Wechsel des steigenden und fallenden Rhythmus, als der Kalender verzeichnet. Und immer wo der fallende Rhythmus abklingt, liegt die bedeutungsschwere Pause. Sie ist da und kündigt sich dem Menschen, der darauf horcht, mit unfehlbarer Sicherheit an. Überhört er dieses rhythmische Schweigen zwischen den Jahreszeiten hartnäckig immer wieder, stürmt er immer wieder über die Pausen hinweg, so verwirrt sich sein eigener Jahresrhythmus immer mehr, daß er mit Gewalt noch Leistungen aus sich heraus hetzt, wo er schon lange wieder einsammeln sollte und daß er sich vollstopft und in sich aufspeichert, wo er längst schon geben könnte.
Wie diese durch Sonne und Mond bedingten Zeitperioden, die das ganze Erdleben schwingen lassen, im einzelnen auf die einzelnen Menschen wirken, wird zunächst noch lückenhaft erkennbar bleiben. Doch werden Menschen, die diesem allgemein erkannten Gesetz nicht mehr widerstreben, allmählich einen rhythmischen Zusammenhang ihres eigenen Lebens mit den astronomischen Perioden zu spüren beginnen. In diese streng gesetzmäßige Periodik des Sonnenjahres muß sich das Menschenjahr in irgendeiner Form einfügen. Und das Heil kann immer nur da sein, wo das »Jahr der Seele« zusammenklingt mit dem Sonnenjahr.
Die Menschen haben nach dem Gesetz ihres langsameren oder schnelleren Lebenslaufes weniger oder mehr Feiertage nötig. Die vier Sonntage des Monats sind für die meisten sicherlich die vollkommen richtig abgemessene Feierzeit. Auf sechs Tage Arbeit muß notwendig ein Ruhetag folgen, Entspannung, Umstellung ist der Sinn des Sonntages. Wo Menschen schwer arbeiten, halten sie ganz von selbst den Sonntag heilig. Wer am Sonntag aufs Land geht, kann dort in jeder Bewegung eines ihm begegnenden Menschen merken, daß Feiertag ist.
Feiertag ist Freudentag: die Menschen freuen sich an sich selbst, an ihrer Ruhe. Und wenn die Freudenwelle hoch genug steigt, flutet sie auf den anderen Menschen über. So kann der Feiertag zum Festtag werden. Gemeinsam überflutende Freude an sich selbst bringt die Menschen zur festlichen Gemeinschaft. Nur aus der glühroten Freude des eigenen Blutes kann die wahrhaft festliche Erwartung in den Menschen geboren werden, die schöpferische Erwartung, daß unter allen zusammen etwas geschehen wird ohne Absicht, ohne gewollte Anspannung der Kräfte. Dieses innere Wissen von der in allen gleichmäßig stark anschwellenden Freude des Feiertages ist von solcher Wucht, daß es nach Gewand, Leib, Gestalt begehrt, um seine Fülle zu bergen, zu fassen und sichtbar zu machen. Fest ist ursprünglich religiöse Handlung. Die Sonntage und kirchlichen Feiertage lassen das noch ganz abgeblaßt erkennen. Fast nur die äußere Hülle ist geblieben, die innere Bereitschaft, die entscheidende Wucht der gemeinsamen Freude ist zersprungen in tausend Nichtigkeiten. Die Feste der großen Städte sind zu Gespenstern ihres eigentlichen Sinnes geworden, grauenvolle Umkehrung der Wahrheit. Sie bringen nicht Entspannung, sondern zwingen die Einzelnen gerade zu gespannter, ja gekrampfter Lust. Sie bringen die Unrast, mit der schon die Arbeit gewöhnlich getan wird, auch noch in den Feiertag mit. Rastlose Lust jagt die Menschen durcheinander. Der Ballsaal einer Großstadt am Sonntag hat genau dieselbe übersteigerte Atmosphäre wie der große Maschinenraum am Werktag. Die Menschen bewegen sich da wie hier mit derselben Anstrengung, sie schwitzen und keuchen, und leiden an ihrer Unrast. Kein Überfluten der Freude in den anderen Menschen, sondern ein lustbegehrendes Zerren aneinander kennzeichnet die Gemeinsamkeit solches Festes. Nur ganz selten, nur in den kleinen Gemeinschaften, die sich in diesen Zeiten überall im Lande gebildet haben, gibt es schon wieder Feste, die in ihrer strahlenden Schönheit über viele Jahre des Lebens hinaus leuchten für alle, die dabei waren. Da ist das Fest wieder das Werk der feiernden Gemeinsamkeit geworden, unwiederholbar, schön wie Musik, wie Tanz; aber nicht von einem geschaffen, sondern von allen zusammen. Feste können nur dann zu gemeinsamen Werken der Weihe werden, wenn sie wahrhaft in die Ruhezeiten des schwingenden Jahres eingebettet sind. Die alten kirchlichen Feste, soweit sie noch einige Gewalt über die Menschen behalten haben, das Weihnachtsfest, Ostern, Pfingsten sind ganz vom Sonnenjahr abhängig. Etwa: der erste Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond, das gibt den rechten Zeitpunkt für ein Fest beweglich nach der Schwingung des Jahres. Nicht kalendermäßig festgelegt muß der Zeitpunkt der Feste sein. Die innere Ruhe des einzelnen Menschen, ihre Versenkung in sich selbst ist ja gesetzmäßig gebunden an die Wartezeit des Sonnenjahres. Diese Zwischenjahreszeiten sind die natürlichen Räume für die menschlichen Feste. Weil zu solchen Zeiten alle in der gleichen Lage der Ruhe und Erwartung sind, können sich hier wahrhaft religiöse Feste erheben, die wieder alle Menschen in Eins zu verbinden vermögen.
Lebensalter
Wo der Mensch sich des zeitlichen Ablaufes bewußt wird, meint er damit meistens die astronomisch bedingte Zeitfolge. Vergangenheit ist ihm nach Tagen und Jahren meßbar. Vor seiner Geburt sieht er eine endlose Reihe von Jahren; nach seinem Tode sieht er wieder eine unendliche Reihe von Jahren. Und das Gefühl der Vergänglichkeit überfällt ihn wie ein Schwindel, wenn er sich so in dem unabsehbaren Netz der Sternenzeit hängen sieht. In dem Grade, wie einer sich seiner eigenen Entwicklung, also seines Selbst bewußt wird, wird er unabhängiger von den astronomischen Zeiteinheiten. Er fühlt sich dann nicht mehr hängend in einem unübersehbar weiten Zeitgefüge. Viel eher fühlt er sich als Schöpfer seiner eigenen Lebenszeit. Und wenn er gegen Ende des Lebens seine Zeit überblickt, mag ihm zumute sein wie einem Künstler vor dem endlichen Abschluß seines Werkes.
So kann der Mensch also sein Verhältnis zur Zeitlichkeit gewissermaßen von zwei Seiten her betrachten. Nach außen hin sieht er sich eingespannt in die stets wiederkehrende Folge der durch Sonne- und Mondumlauf bedingten Gezeiten. Durch Tage, Monate und Jahre muß sein Leben hindurchschwingen, um schließlich darin zu verschwinden. Nur ganz selten vergißt der Mensch die schneidende Gewalt der Sternenzeit und wird gewahr, daß er ja auch ebenso gewiß aus seinem eigenen Selbst heraus stetig sein eigenes Zeitnetz spinnt. Als Einheit der selbsteigenen Zeit des Menschen könnte man von seiner Atemsekunde sprechen, von der Zeit, die ein jeder zu seiner eigenen Aus- und Einatmung braucht. Es wäre vorstellbar, daß das atmende Selbst auch in einem gleichmäßigen dunklen Raum ohne Bewegung verharrend, gewissermaßen wie die Tiere im Winterschlaf, mit seinen eigenen Atemsekunden eine eigene Zeit aufbauen könnte. Mit seinem eigenen Atem schwingt er sich durch die Tage und Jahre. Aber nicht jeder schreitet nun gleichmäßig fort. Die Allermeisten erreichen nicht die höheren Altersstufen ihres Selbst. Nach dem ersten Anlauf des Lebens bleiben sie in sich selber stecken.