Dieser Sieg kann naturgemäß nur dann errungen werden, wenn die Wechselbeziehung zwischen der für den Körperaufbau notwendigen Kraft und der freiwerdenden Arbeitskraft genau bekannt ist. Der Führende wird jeden seiner Anvertrauten von früh auf genau beobachten müssen, damit er ihm später auf seine Fragen Aufschluß geben kann. Und alsdann wird es für alle einzelnen Glieder der Gemeinschaft allmählich klar werden, daß sie ihr Mittagessen nicht allein nach ihrem Hunger bemessen dürfen, sondern auch noch irgendwie mit ihren vielleicht sehr verschiedenen Tagesabsichten in Einklang bringen müssen! Ein wahrhaft schöpferischer Tag läßt Hungergefühl oft erst sehr verspätet oder gar nicht aufkommen.

Wenn stundenlang schwere und mühsame Arbeit getan ist, kommt die Abspannung des Gesamttages. Der Mensch geht in den Abend des Tages ein. Und damit erreicht er wieder die schöpferische Pause. Er überläßt sich der Ruhe des Sonnentages. In kleinen Städten und auf dem Lande setzen sich zu dieser Stunde die Menschen auf die Bank vor dem Hause oder gehen über die abendlichen Felder. Aus dem Zusammenklang der inneren Abendruhe des Menschentages mit der äußeren Abendruhe des Sonnentages wird Feierabend. Des Morgens darf der Körper nur möglichst wenig belastet werden, um den Morgenaufschwung nicht zu hemmen, am Mittag muß das Gleichgewicht zwischen Körperaufbau und Tagesleistung geschaffen werden. Am Abend aber erhält der Tag seine Schwere. Das aufbaubegehrende Gefühl des Hungers bekommt das entscheidende Übergewicht, das Abendessen wird die Hauptmahlzeit des Tages.

Ein richtiges Gleichgewichtsgefühl wird den Abstand zwischen Abendmahlzeit und Schlafengehen richtig bemessen. Unmittelbar nach der Mahlzeit ist noch ein Stück grober Verdauungsarbeit zu tun. Jeder Mensch muß fühlen lernen, wieviel Zeit er dazu braucht. Es ist schlecht möglich, diese Arbeit im Schlaf zu tun. Und so wird das Essen unmittelbar vor dem Schlafengehen eine Unmöglichkeit.

Diese Zeit zwischen Abend und Nacht ist Ruhezeit, ganz und gar dem Aufbau des Selbst gewidmet, es ist die eigentliche Erbauungszeit im alten schweren Sinne des Wortes. In breiten Strömen können hier die gewaltigen Werte der ganzen großen Menschengemeinschaft auf den Einzelnen einwirken, wenn er sich nur ganz locker und offen zu machen versteht. Ein völlig hingegebenes Lesen in Büchern, die das Menschliche vermitteln, ist zu dieser Zeit möglich. Der Abend ist die Zeit, mit den großen Menschen früherer oder gegenwärtiger Zeit in Verkehr zu treten. Der Abend ist überhaupt die Zeit der Gemeinsamkeit. Alles dies braucht nur angedeutet zu werden. Es ist ja längst bekannt, und es gilt nur, dieses Bekannte nicht zu unterdrücken, sondern im Verlauf eines jeden Tages immer voll und ganz ausschwingen zu lassen.

Der Abend ist vielgestaltig in seiner Schwere. Aus der kraftbergenden Ruhezeit des menschlichen Selbst kann sogar noch einmal etwas wie ein neuer Morgen mitten in die beginnende Nacht hinein aufbrechen. Es gibt Abende, an denen der Mensch über viele Stunden hinweg noch einmal wieder schöpferisch zu werden vermag, im festlichen Kreis nahestehender Menschen oder auch in einsamer Arbeit. Aber nur selten einmal wird diese Nachblüte des Tages sich wirklich von Natur aus voll entfalten. Und der Mensch kann diese Gewalt, seinen eigenen Körpertag in die Erdnacht hinein zu verlängern, leicht mißbrauchen lernen. Viele der heutigen Menschen zwingen sich selbst fast täglich zu solcher zweiten Tag-Geburt in die Nacht hinein und erschöpfen damit ihre Kraft. Der Führer zum Leben wird seinen Anvertrauten sicher erst nach der Zeit der Reife, und auch dann nur selten, diese geheimnisvolle und so leicht abnutzbare Kraft brauchen lehren.

Denn das Gesetz des Sonnentages fordert die dunkle Ruhe der nächtlichen Pause, die völlige Entspannung des Tages in die Nacht. Der Schlafzustand ist dementsprechend die große Pause des Körpertages. Aber wie die heutigen Menschen gewohnt sind, ihre Tage zu verleben, so sind sie auch gewohnt, ihre Nächte zu verschlafen. Sie schlafen hinweg über ihren eigenen Schlaf. Sie können sich nicht mehr in die große Nachtruhe des Sonnentages fallen lassen. Das Seil ihres Schlafes ist gewissermaßen zu straff gespannt und vermag gar nicht mehr in einer großbogigen Schwingung den schöpferischen Tiefpunkt zu erreichen. In kleinteiligen, vielträumigen Rhythmen flattert ihr Schlaf darüber hinweg vom Abend zum Morgen. Nur ganz selten geschieht es einmal, daß einer beim Erwachen spürt, er habe die Tiefe erreicht, er steige aus dem Abgrund, ganz neu gestärkt, ja neu geboren.

An irgendeiner Stelle des Schlafes liegt sein schöpferischer Kern, die Pause des Tiefschlafes, zu der die Rhythmen in absteigender Folge hinführen müssen, um dann von dort im großen Bogen wieder anzusteigen zum Erwachen. Auf die Erreichung dieser Tiefe kommt es an, viel mehr als auf die Länge des Schlafes. Auch kurzer Schlaf, wenn er nur steil hinabführt, vermag Entspannung zwischen Tag und neuem Tag zu sein. In diese Tiefe des Schlafes hinein kann der Führer seine Anvertrauten ein Stück geleiten. Er muß sie lehren, sich nicht anzuklammern an den Tag, der ging, vielmehr nach jedem vollendeten Tage ihr Leben in die Nacht hineinfallen zu lassen, damit sie wirklich alle in die schöpferische Tiefe ihres Schlafes hinabgelangen. Er öffnet alle diese Tag und Nacht umschließenden Zeiträume, er gibt sie jedem seiner Anvertrauten zu eigen, so daß ein jeder ganz davon durchdrungen wird: diese Tage können von mir gefüllt werden bis zum Überquellen mit Leben und Leiden, sie können von mir leicht und leer wie Seifenblasen fortgeblasen werden. Beides kann ich mir geschehen lassen, mit der wissenden Inbrunst des lebendigen Menschen, der dem Gesetz in keinem Falle widerstrebt, sondern sein ganzes Wesen mit dem großen Rhythmus der Tageswiederkehr mitschwingen läßt.

So werden die Menschen nicht mehr an der Ungeprägtheit ihrer Tage zu leiden haben. Jeder Tag wird für sie sein eigenes Gesicht bekommen und ihnen wohlvertraut im Gedächtnis bleiben. Das Tagebuch hat hier seinen neuen Sinn, zum mindesten für alle Menschen, deren Sehnsucht immer wieder nach Gesichtgebung, nach Gestaltung, nach Klärung drängt. Wer Buch führt über seine Tage, wird seine Gedanken allmählich sammeln lernen auf das Wesentliche, das Gesicht dieses einen nie wiederkehrenden Tages. Die fertige Tageskugel wird an jedem Abend noch einmal freudig in beide Hände genommen und gegen das sinkende Licht gehalten, mit der Frage: was war dies, was da mit diesem nun gewesenen Heute reigenhaft durch mich hindurchging?


Monats- und Jahresschwingungen