Das Bild eines Tages[2]

Der für jeden Menschen nach einem ganz allein ihn selbst angehenden Gesetz gebaute Körpertag fügt sich ein in den großen, für alle Menschen, ja für alle Lebewesen gleichgestimmten Sonnentag. Diese tägliche Durchdringung von Körper- und Sonnentag wird sich nun vielleicht für die gemeinsam Suchenden, für Führer und Gemeinde in den gemeinsam durchlebten Tagesläufen, allerdings langsam genug, ergeben.

Am frühen Morgen entscheidet sich das Schicksal jedes Tages. Die aufspringende Wucht des Morgenanstiegs muß vor allen Dingen ungehemmt bleiben. Die in der Nacht abgebauten Stoffe müssen da sorgfältig aus dem Körper entfernt werden, so daß der Körper von innen und außen leicht und rein in den Morgen geht. Aus der Ruhelage der Nacht schießt die Morgenkraft des Sonnentages auf. Dies Schwebende, Schießende, Sprießende des Morgens ist so unbeirrt stark und eigenständig, daß der Mensch sich davon tragen lassen muß. Alles muß er tun, um seinen Körper leicht zu machen, daß er die Schaukel jedes Sonnentages bei ihrem Aufschwung möglichst wenig beschwert. Erwachend, muß er seine Atemschwingungen gleich leicht machen, die Schwere des Schlafes ausatmen. Sich dehnend, wird er die schlafgebundenen Glieder wieder beweglich machen. Er wird den ganzen Körper durch ein Bad von außen und durch die Abführung der Abfallstoffe von innen reinigen. Mit aller Inbrunst wird er sich dieser Bereitung seiner selbst hingeben, wissend, daß er nur so in den aufschwingenden Takt des Tages rasch und leicht hineinkommen kann. Nun muß er sich tragen lassen von dem Aufschwung des Morgens und alles Eigenwillige unterlassen. Wenn er durch eine große Morgenmahlzeit dem Körper sehr viel Aufbaustoffe zuführt, ist es vorbei mit diesem Sichtragenlassen. Nicht viele schwere fett- und mehlhaltige Stoffe wird er zu sich nehmen, sondern viel eher irgend etwas Zartes und Aromatisches. Der Führende kann hier seinen Anvertrauten viel helfen, indem er all das, was die bequemliche Gewohnheit alternder Menschen dem Morgenanstieg in den Weg gebaut hat, ihnen forträumt oder vielmehr erst gar nicht an sie heranläßt. Er wird einfach bei jedem Einzelnen abwarten, ob er auch wirklich das Verlangen hat, solche schweren Dinge frühmorgens zu essen. Diese tägliche Morgenfrage muß eben täglich von neuem eine Frage sein, darf nicht durch einen immer wieder in der gleichen Weise besetzten Frühstückstisch abgestumpft werden. Erst dann wird allmählich jeder Einzelne lernen, was und wieviel und zu welcher Zeit er etwas frühstücken soll, ohne sich für seinen Tag zu belasten.

Die aufsteigende Kraft des Morgens wird sich nun voll und freudig in Arbeit umsetzen können. Die frühen Morgenstunden sind die Stunden der schöpferischen Leistung. Das kann nun körperliche wie gedankliche Leistung sein. In jedem Fall aber muß die Arbeit getragen sein von dem Morgen, muß drängen und strömen und jubeln mit dem steigenden Bogen der Tageskraft. Wo die Arbeit des frühen Morgens etwa durch ihre Schwere oder ihre Zerstreutheit oder ihre Gleichförmigkeit zu unlustiger oder gedankenloser Verrichtung zwingt, ist gleich der ganze Tagesschwung in seiner aufspringenden Wucht gefährdet. Der Mensch ergibt sich dann wohl auch, trägt seine Arbeitslast geduldig oder ungeduldig bis zum Abend fort, aber Lust und Freude ist dahin. Der lebendige Wettlauf der eigenen Kräfte mit der steigenden Sonne ist am Anfang gleich unmöglich gemacht. Das ist das Schicksal der meisten körperlich wie geistig arbeitenden Menschen unserer Tage geworden.

Hier gilt es umzuordnen. Die wahrhaft drängende, die schöpferische Arbeit muß an den Morgen des Arbeitstages geschoben werden. Feld- und Gartenarbeit in dem aufdampfenden Erdboden mit den erwachten Pflanzen ist so drängende Arbeit. Auch das Versorgen der morgenkräftigen Tiere im Stall ist so drängend. Die Vorbereitung und Zubereitung der Speisen für die beiden Tagesmahlzeiten in der Küche, das Schaben und Putzen, Kochen und Backen der frischen, wohlriechenden Dinge, die dem täglichen Körperaufbau dienen sollen, auch das ist solche drängende Arbeit. Dies alles muß den jungen werdenden Menschen früh schon nahegebracht werden, nicht als harte Notwendigkeit, sondern als spielendes, freudevolles Tun. Bei solcher drängenden Morgenarbeit müssen sie spielend erst, dann helfend dabei sein. Solche drängende Wucht und strömende Notwendigkeit muß zum mindesten hinter aller Morgenarbeit jugendlicher Menschen stehen. Schöpferische Arbeit muß es sein. Alles handwerkliche und künstlerische Tun und jede Unterweisung darin gehört in den Morgen des Tages. Es ist ein trauriges Ergebnis, wenn man die »Stundenpläne« der Schulen und Hochschulen daraufhin prüft.

Die Kraft des aufsteigenden Tagesbogens reißt Tat- und Gedankenschöpfung mit sich empor. Das entstehende Werk wird durch die mitschaffenden Elementarkräfte des Morgens mitgetragen und von jeder anhaftenden Schwere und Eigenwilligkeit seines Erschaffers befreit. Die ansteigende Bogenkraft des Tages kann sich dehnen und manchmal ein stundenlanges Aufsteigen gewähren. Stunden der Schaffenskraft, in denen der Mensch sich getragen fühlt, in denen die schaffende Kraft durch ihn hindurch durch die Vermittlung seiner Hände und seines Geistes die Dinge ordnet und auferbaut.

Aber der Aufstieg wird auch aufhören. Die Stunden des Abbaus beginnen. Auch hier muß der Mensch für seinen Körpertag lernen, dem Willen des Sonnentages nachzugehen. Wo der Führer bei seinen Vertrauten die ersten Zeichen der Ermüdung verspürt, muß er die Kraft haben, den Gang der Dinge zu unterbrechen, zu sagen: jetzt ist's genug. Jetzt tun wir etwas anderes. Er muß sie nun zu reproduktiver, zu mechanischer, zu übender Arbeit hinüberleiten. Körperliche Übungen, Gedächtnisübungen, Sprachübungen, belehrende Unterredung über die Geschichte der Natur und des Menschen gehören in diese absteigenden Vormittagsstunden. Fallende, nicht steigende Kraft treibt hier das Räderwerk der Arbeit, bis die Tiefe des Tages, die Mittagspause, erreicht ist.

Nur wer im hohen Sommer die mittägliche Ruhe der Natur einmal wirklich erlebt hat, kennt den Sinn des Mittages. Der Mensch muß hier in sich selbst versinken, ganz zur Besinnung, zur Ruhe kommen. Und als erste körperliche Aufbauregung wird nun der Hunger kommen, das Verlangen nach aufbauender Nahrung, und dieses Verlangen wird befriedigt werden im Mittagessen, das wahrhaft eingebettet sein muß in die schöpferische Pause des Tages. Das Essen wird in Stille und Freudigkeit eingenommen werden und ganz hingegeben an den aufbauenden Sinn des Essens. Wenn es in Gemeinschaft geschieht, dürfen sich die Menschen dabei gegenseitig nicht mehr stören durch viel Gespräch und irgendwelche Anforderungen aneinander. Das Beispiel des Führenden wird hier wirken und allmählich eine rechte Tischgemeinschaft unter seinen Anvertrauten schaffen müssen.

Nun wird der Nachmittag heraufsteigen; sein Anstieg hat nicht die Wucht des Morgenanstiegs, dem Eigenwillen der Menschen ist nun viel mehr Freiheit gegeben. Die durch das Essen zugeführten Stoffe müssen im Körper verarbeitet werden. Darum ist die Lust, an irgendwelche Arbeit nach außen Kraft abzugeben, gering. Besonders bei Kindern, die noch im Wachstum sind, ist der nachmittägliche Arbeitswille gering. Viel eher ist es dem kindlichen Leben gemäß, am frühen Nachmittag zu spielen und herumzulaufen, und am späten Nachmittag erst wird sich das Kind wieder zu kurzer Arbeit entschließen können. Wo Kinder frühzeitig zur Nachmittagsarbeit gezwungen werden, geht das sicherlich auf Kosten ihres Körperaufbaus. Wenn späterhin die dem Kindesalter entwachsenen Menschen am Nachmittag noch schaffende Arbeit tun wollen, müssen sie wissen, daß diese Arbeit schwere Arbeit ist. Sie wird dem Körper abgerungen und ist nicht so strömend und so drängend wie die Morgenarbeit. Der Fluß der Leistung ist zäher, von dem bewußten Willen abhängiger. Entwerfen, Planen, Beginnen gehört in die Morgenstunde. Aber das Durcharbeiten und Prüfen, Überdenken, Verändern, Vollenden gehört in den Nachmittag. Nachmittagsarbeit ist langsamer und stockender, von vornherein auf die Überwindung von Hindernissen eingestellt. Schwere problemreiche Arbeit von wissenschaftlich-philosophischer Art gehört in den Nachmittag, als ein Sieg des Geistes über körperliche Schwere.