Genau so achtlos und ihrer selbst unbewußt wie die Menschen gewöhnlich hinwegatmen über ihren eigenen Rhythmus, genau so mechanisch leben sie im allgemeinen über die durch den Umlauf der Gestirne bedingten kleineren und größeren Gezeiten hinweg, ohne ihren eigenen Rhythmus darin zu behaupten oder auch nur zu erkennen. Deutlich wird dieser Zustand an der Tatsache, daß der Kalender zu einer ganz mechanisch benutzten Zeittabelle herabgesunken ist. Der Abreißkalender ist heute das Symbol für diese achtlos wegwerfende Gebärde der Menschen. Man reißt die Tage in seinem Leben ab, achtlos einen nach dem andern und so die Wochen, Monate, Jahreszeiten und Jahre.
Niemand fragt: was ist das nun, Tag? Diese durch den Sonnenlauf gesetzmäßig bedingte Einheit, geteilt in Tag- und Nachthälfte, dieser Doppelrhythmus, ansteigend und absteigend von Morgen zu Abend und abermals absteigend und ansteigend von Abend zu Morgen. Niemand fragt auch die zweite darin enthaltene Frage: wie behauptet sich nun das Selbst des Menschen in diesem rhythmisch schwingenden Tageslauf?
Diese beiden Fragen sind aber von grundlegender Bedeutung für den Lebensaufbau. Es muß geschehen, daß der Mensch diese rhythmische Urgewalt von Tag und Nacht immer von neuem wieder spürt und liebend erkennen lernt und sein Selbst darin einfügen lernt. Zunächst also dies: von der einfachen Schwere dieses gesetzhaften Ereignens: Tag und wieder Tag und wieder Tag! muß der Mensch bis zum Rand voll werden. Er muß leben können wie ein Vogel oder ein Waldtier, hingegeben und ganz abhängig von der ewigen Wiederkehr der Tage. Ganz klein und schwach muß er werden, willenlos sich überlassen dieser reißenden Gewalt des Sonnenlaufs. Er muß sich mit aufnehmen lassen von dem großen Schwung des Morgens, er muß sanft und langsam mit hinabschwingen bis zur mittäglichen Pause. Er muß dann mit dem Nachmittag schwerer sich noch einmal aufschwingen und dann endgültig hinabschwingen in die Ruhe der abendlichen Pause, in den Feierabend. Die große Frage jedes Tages ist also: wie ist es möglich, sich ganz offen zu halten, sich ungehemmt von den rhythmischen Wellen der Sonnenwiederkehr durchfluten zu lassen?
Das ist nur möglich, wenn der Körper des Menschen mit dem Tag, durch den er hindurchschwingt, gleich gestimmt wird. Wie schwingt nun das Selbst des Menschen durch seinen eigenen Körpertag? Ein jeder weiß ja ungefähr von diesem seinem täglichen Auf- und Abbau, aber das Wissen darum ist eben ganz lückenhaft und das Gesetz, das da zugrunde liegt, bleibt unvollkommen erkannt und stückweis befolgt.
So ist der tägliche Auf- und Abbau des Menschen, der Stoffwechsel, zu beschleunigt oder zu stockend geworden, weil er von Jugend an sein eigenes Gesetz nicht recht beachtend, zu viel oder zu wenig oder unzuträgliche Nahrung zu sich nimmt und dementsprechend die Abfallstoffe nicht genügend ausscheidet. Unreinheit des Blutes, Stocken des ganzen Säfteumlaufs ist die Folge. Nach außen braucht das oft gar nicht so sichtbar zu werden. Oft aber ist es spürbar als ein fader oder gar schlimmer Geruch, der sich von dem Körper erhebt. Allgemeine Nahrungsgesetze und chemische Tabellen können hier nur den äußeren Rahmen einer vernünftigen Ernährung bestimmen. Nur unmerklich und zwanglos kann der Führer hier sein Amt erfüllen. Der junge Mensch muß einfach eine nicht einseitige, sorgfältig und liebevoll bereitete und in jedem Fall reine Nahrung erhalten und nach seinem Beispiel allmählich freudig und nachdenkend essen lernen. Er wird lernen, wie diese Nahrungsstoffe gewachsen, zusammengesetzt und wie sie zubereitet sind, vor allem aber wie sie auf sein Selbst wirken. Er wird lernen, wieviel von Aufbau bewirkenden und Ausscheidung bewirkenden Stoffen er braucht, in welchen Abständen er essen muß und in welchen Abständen er wiederum sich der Abfallstoffe entledigen muß.
So wird der junge Mensch allmählich überall die noch nicht vom eigenen Rhythmus beseelte Schwere seines Körpertages zu spüren beginnen. Alle die vielen Menschen, die noch keinen eigenen Körper besitzen, die höchstens über dem mit Kleidern behangenen Rumpf einen eigenen Kopf besitzen, werden schwer begreifen, um was es sich hier handelt, nämlich um die Eigenbeweglichkeit des Menschen. Der Führer wird lange hinhören müssen, wo und wann es sich zuerst in dem Körper seines Vertrauten regt. Am Morgen vielleicht, wenn die ersten Bewegungen des Körpers noch gegen die Ruhelage der Nacht am ausdrucksvollsten sich abheben, wird er sagen können: so stürmisch oder so bedächtig ist sein wahrer Tagesrhythmus. Die Muskeln und Sehnen werden entweder verkrampft sein oder zu wenig entwickelt. Die Verdauung wird zu schnell oder zu langsam arbeiten. Überhaupt der ganze Mensch wird entweder zu gespannt oder zu schlaff sein. Das ist eine Abweichung von dem wahren Selbst dieses Menschen, der sich in seiner ganzen Schönheit dem Führenden vielleicht einmal in der gelockerten Haltung des Schlafes oder in einer unbewußten Gebärde irgendeines wilden Tages wesentlich offenbart hat.
Diese Abweichung im Sinne zu großer Spannung oder zu großer Entspannung wird vielleicht durch Übung der einzelnen Glieder und des ganzen Körpers aufgehoben werden können. Solche gymnastische Übung braucht nun keineswegs jeden Körper womöglich nach demselben System gleichmäßig in allen seinen Teilen durchzubilden. Wie bei der Ernährung kann das System nur der äußere Rahmen der Körperübungen sein. Die Schwingung des Körpertages muß durchschlagen, muß allein bestimmend sein für die Wahl, Anzahl und Zusammensetzung der Übungen. Oft werden auch gar keine Übungen nötig sein. Das große Ziel, das immer im Auge behalten werden muß, ist allein dieses: wie der ganze Mensch ist, so sollen seine Gebärden, sein Gang, seine Haltung, alle seine Bewegungen sein, ein immer lebendiger unverwechselbarer Ausdruck seiner Tage.
Beides zusammen, der Stoffwechsel im Innern des Körpers und die Bewegung des Körpers nach außen, erbauen das Gefüge des Körpertages. Dieser tagtäglichen Wahrheit gilt es ganz eingehend in sich selbst nachzuspüren: wie die von außen genommenen täglichen Aufbaustoffe innen im Körper verarbeitet werden und sich wieder nach außen in die tägliche Bewegung des Körpers umprägen. Die Gebärde, d. h. die gesamte Eigenbeweglichkeit der Menschen ist ganz entscheidend von der Ernährung abhängig. Die auffällige Verschiedenheit des Menschenschlags in oftmals nahe beieinanderliegenden Gegenden ist aus der verschiedenen Nahrung zu erklären. In Gegenden, wo viel Fleisch und Fett gegessen wird, bildet sich ein schwerer Schlag aus, Menschen von langsamen, nachdrücklichen, schwerflüssigen Gebärden. Und wie im kleinen so sind auch sicherlich die wenigen großen Rassen der Menschheit in ihrer körperlichen Artverschiedenheit nicht nur durch das Klima bestimmt, sondern auch durch grundlegend verschiedene Ernährungsgewohnheiten. Davon hängt wesentlich ab, was in Gebärde und Geruch bei den anderen Rassen anders ist und oftmals gerade die unüberwindliche Abneigung der Rassen voreinander, den Rassenhaß, im tiefsten und unbewußten Sinne begründet. Die Menschen können sich tatsächlich nicht riechen und geraten in Wut, wenn sie die grundanderen Gebärden der anderen Rasse sehen.
Die wenigen selbständigen Menschen, die Rassenhaß wirklich überwinden können, sind nicht etwa die geistig Selbständigen (bei denen bricht Rassenhaß notwendig, wenn auch oft gegen ihren Willen immer wieder durch), sondern die körperlich Selbständigen, welche Eigengeruch und Eigenbeweglichkeit besitzen. Sie allein können die rassenfremde Körperlichkeit als etwas Schicksalhaftes begreifen, vielleicht sogar als etwas Fernes lieben, wie sie ja auch die Masse der eigenen Rassegenossen längst als körperfremd und fern zu empfinden gelernt haben. Nur die wenigen Menschen, die sich ihren Körper zu eigen gemacht haben, also ihr körperliches Selbst beherrschen und lieben können, finden stillschweigend über alle Rassenunterschiede hinweg unmittelbaren Zugang zueinander. Über alle die andern kommt notwendig immer wieder der wilde, leidenschaftlich schöne Haß, der letzten Endes zu Krieg und Vernichtung führt, aber zuvor freilich auch die herrlichsten Werke des Glaubens und der Kunst im Wetteifer gegeneinander emporstellen hilft.