Erst wenn der Abstand der Jahre etwas größer wird, etwa drei oder vier Jahre dazwischen treten, wird das Verhältnis günstiger. Geschwister in diesem Jahresabstand halten gewöhnlich am stärksten zusammen. Die streng durchgeführte Altersklassentrennung ist so besonders lebensfeindlich, weil das rechte Spiel von Inbrunst und Leidenschaft in einer Schar gleichaltriger Knaben künstlich gestaut wird. Die Luft der Schulklassen ist darum voll unerträglicher Spannung, die sofort gelöst würde, wenn man die Jungen wenigstens in der Schulpause nach ihren Neigungen zu älteren Freunden aus einer höheren Klasse laufen ließe. Aber der Geist der Klassenschichtung ist so stark, daß die Kinder schon gar nicht mehr auszubrechen wagen, auch wenn die Gelegenheit sich ergibt.

Wo der Jahresabstand noch größer wird, wo etwa sieben Jahre zwischen zwei Menschen stehen, scheint damit wieder etwas Hemmendes zwischen sie zu treten. Bei Geschwistern, die so weit auseinander sind, wird das deutlich. Der Ältere ist dann schon zu alt, um sich noch auf gleicher Stufe stehend zu empfinden und doch noch nicht alt genug, um dieses Ältersein klar und schön sprechen zu lassen. Sie stehen unsicher zueinander. Erweitert sich der Jahresabstand noch mehr, so scheint das Verhältnis wieder günstiger zu werden. Über all dies kann nur andeutungsweise gesprochen werden, weil sich dergleichen Feststellungen nicht in ein System bringen lassen. Viele Beobachtungen müssen erst noch gemacht werden. Sicherlich ist der Jahresunterschied zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts und zwei Menschen verschiedenen Geschlechts dann auch noch verschieden zu bewerten. Hier kommt es nur darauf an, festzustellen, daß der Altersunterschied dem Verhältnis der Menschen zueinander überhaupt eine ganz bestimmte Tonhöhe gibt, die auch immer ungefähr die gleiche bleibt, wenn sie nun miteinander älter werden.

Der Erzieher wird allmählich für diese Tonhöhe, die sich für ihn aus dem Altersunterschied zu jedem seiner Anvertrauten ergibt, ein völlig sicheres Gefühl bekommen. Doch der Unterschied der astronomischen Jahre gibt ja nur das Gerüst für die eigentlichen Unterschiede der Lebensalter. Es gilt, dichter an das Geschehen heranzutreten. Überall da, wo ein Mensch in eine Pause zwischen zwei Lebensalter eingetreten ist, verlangt er nach Einsamkeit, nach weitem Raum für sich selbst und Entfernung von den Menschen. Diese Zeiten der Knabenreife um das 15. Jahr, der Jünglingsreife um das 20. Jahr, der Mannesreife um das 30. Jahr sind Zeiten der Liebesferne. Tadelnde Worte wie Egoismus, Selbstsucht, Lieblosigkeit bezeichnen diese Zustände schlecht und oberflächlich. Liebe ist schon da, nur verborgen und ungestaltet. Ja, es sind dies vielmehr gerade Sammelzeiten der Liebe, Zeiten der Inbrunst. Der Liebeswille steckt drin, kann aber nicht heraus. Und wenn die Menschen um ihn herum keine Ehrfurcht vor diesem Zustand haben und den in sich selbst gebundenen Menschen zu Liebesbezeugungen reizen, durch Worte oder Gebärden oder Klagen oder vorwurfsvolle Blicke, so entsteht notwendig geheimer oder offener Haß gegen die liebend-unwissenden Peiniger. Immer wo Liebe in Haß umschlägt ist es darum, weil aus dem Zustand inbrünstiger Liebesferne vorzeitig versucht wurde, Liebe zu wecken. Offener Haß durchbrennt und zerstört dann plötzlich alle hemmenden Schichten der Ehrfurcht. Solch leidenschaftlicher Haß erreicht genau die gleiche Höhe wie leidenschaftliche Liebe. Nur ein Unterschied ist, daß Hassende einsam bleiben. Sie kommen nicht in gleichen Rhythmus, weil der eine von beiden nicht warten konnte, und den anderen mitriß oder für immer stehen ließ. Haß ist nichts als überschnellte Liebe. Oft fehlt nur eine ganz geringe ehrfürchtige Regung, ein unmerkbar kleiner Augenblick inbrünstiger Sammlung … und reinste Liebe würde in hohem Bogen aufsteigen, wo nun flammender Haß wütet.

Nur bei starken Menschen wird solche über-raschte Liebe zu offenem Haß. Bei schwächeren Menschen bleibt der Haß verborgen, wird unterdrückt, wirkt aber deswegen fast noch zerstörender. Dies ist der heute fast überall zutage tretende Zustand. Verborgener Haß, verzerrte Liebesbezeigung, verkrampfte Leidenschaft ist überall.

Der Führende aber muß Raum breiten um den Knaben in der Zeit seiner Liebesferne. Sich selbst muß er unscheinbar machen. Selbst wenn Menschen auf dieselbe Wohnstube beschränkt sind, können sie sich ja einander entfernt machen. Freilich gehört dazu das stets ehrfürchtige, ja inbrünstige Wissen um den Zustand des anderen. Dann schlafen die müßigen oder gierigen Fragen ein. Dann werden die Blicke kühl und vertrauensvoll ruhig. Dann verlieren die Hände das hastige Greifen und die Arme das Raffen, das den in sich versunkenen Knaben immer wieder aus sich herauslockt und reizt, sich darzustellen. So kann der wissende Erzieher den Raum, den sein Vertrauter braucht, unmerklich wachsen lassen. Auch den anderen Gefährten muß er das begreiflich machen. Mit Spaß und Spott übermütig sich aneinander zu reiben, sind die naturgemäßen Formen kindlicher Liebesäußerung. Gleichaltrige Knaben kurz vor ihrer Geschlechtsreife haben den Hang, im Spiel sich gegenseitig anzustacheln und einander bis aufs Blut zu reizen. Wenn aber die Zeit heran ist, wo einer von ihnen durch die Nähe des anderen heimlich verletzt ist und die anderen nichts merken und auch er selbst kaum etwas weiß, muß der Führer ihnen die Augen öffnen, daß sie sehen, was sie tun. Dann werden sie in Ehrfurcht vor dem Geschehen, das ihnen da sichtbar wird, zurücktreten und Raum lassen um den Ruhebedürftigen. Haben sie doch auch gelernt, einen in der Sonne Liegenden nicht zu stören, einen in Arbeit Vertieften nicht zu fragen, einen Schlafenden niemals zu wecken. So behütet wird nun in dem so Gefernten die Liebe wachsen und groß werden und sich an einem Tage zum ersten Mal leidenschaftlich erheben. Der gewaltig aufsteigende Rhythmus des jungen Lebens sucht nach gleichklingendem Leben, nach einem Menschen, der gleich ihm dehnbar ist und sehnsüchtig nach dem Auf und Ab des Lebens, der erfüllt ist gleich ihm von dem rasenden Verlangen, zugleich sich hinzugeben und zugleich zu genießen. Acht haben auf sich selbst oder auf den Menschen, dem die Leidenschaft gilt, ist jetzt unmöglich. Sinnlos ist jeder Gedanke eines Dritten, der in ermahnendem, vorbeugendem, abhaltendem Sinn darauf hinweisen wollte. Bewegtes Leben türmt sich auf, das sich nicht selbst bewahrt und rücksichtslos auch den Geliebten nicht bewahrt.

Wie steht der Erzieher nun solchem Geschehen, solchem Schicksal der Leidenschaft gegenüber? Zunächst also, wenn es sich fern von ihm selbst vollzieht, zwischen zweien seiner Anvertrauten.

Der, den er jahrelang führte und täglich behütete, den er in das lebendig strömende Wasser stieß, daß er seine Tage von da an in Schönheit dahin brachte und seine Kraft in gelungene Werke fließen ließ, der, den er liebte in inbrünstiger Freudigkeit, der ihm nahe war, ja mit der Glut seines jungen Lebens ihn hielt und begeisterte … plötzlich wirbelt ihn sein fremdes Schicksal fort. Eifersucht ist solchem Geschehen gegenüber die kleinsinnig-sinnlose Regung des Augenblicks. Der ältere Mensch muß sich hier auf die Klanghöhe seines Jahresabstands besinnen. Nur so wird ihm möglich werden, hier nicht einzugreifen. Nur so wird ihm die große umfassende Gebärde gelingen, die allein solchem Schicksal gemäß wird.

Solange die Woge dieses fremden Doppelschicksals im Schwung ihrer Aufwärtsbewegung ihn umbraust, bleibt sein Wissen stumm; sein Wissen, daß Leidenschaft etwas Bewegtes ist und also etwas, das sein Ende in sich selbst trägt. Leidenschaftliche Zustände, anhaltende Leidenschaft gibt es nicht. Wo die Woge der Leidenschaft zurückflutet und nur noch von dem erregten Willen der Liebenden zwangsmäßig gehalten wird, für diesen Augenblick muß er sein Wissen vom Ende der Leidenschaft bereithalten und irgendwie bei seinen Vertrauten zur Geltung bringen. Daß auch sie ja sagen zu dem Ende, ja sagen zu den Folgen ihrer leidenschaftlichen Erhebung. Denn wirklich und unvermeidbar folgt Leid, wo Leidenschaft festgehalten wurde. Die Formen dieses Leides werden verschieden sein, und die Betroffenen werden gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Sie werden es am eigenen Leibe verspüren als körperliche oder seelische Reizbarkeit, als Krankheit, Unlust, Unfähigkeit zu gewohnter Arbeit. Auch in ihrer Gemeinsamkeit wird das Leid zu spüren sein als Fernegefühl oder gar als Haß, und wird sie zu Abschied und Trennung drängen. Und nun ist es die führende Aufgabe des Erziehers, die beiden Menschen, denen ihre Leidenschaft so zum Leide gereicht, in seine inbrünstig bereitgehaltene Liebe aufzufangen, sie zu trösten, zu beschwichtigen und mit diesem seinem liebe-gerichteten Verhalten auf die neuen Gipfelungen der Liebe hinzuweisen, die ihnen jede neue gemeinsame Lebenswallung bringen muß. Wenn sie nur jetzt nachgeben und sich in ihre Ferne fallen lassen, wird jeder neue Atemzug, jeder neue Morgen, jede in ihnen selbst wieder ansteigende Kraftwelle sie sicher geleiten.

Wie ist es aber, wenn nun das leidenschaftliche Schicksal den Führenden selbst mitreißt? Der Abstand von einem halben Menschenalter zwischen ihm und seinem Vertrauten begünstigt die Schwingungsstärke. Es gibt kein Verwahren vor dem Schicksal der leidenschaftlich sich steigernden Liebe.

Der Führer ist inmitten einer Schar junger Menschen, die täglich um ihn ist, dem Leben hingegeben, so rettungslos wie kein anderer Mensch. An kein Werk, an keinen Beruf kann er sich für die Dauer halten. Vielleicht kann er sich einige Zeit verschließen, wenn es sein Leben so will. Aber sobald er sich wieder öffnet, öffnet er sich auch seinen Vertrauten. Sie sind da, und er ist für sie der Mensch, den sie verehren, den sie, wenn sie in das Alter ihrer Reife getreten sind, vielleicht als ersten Menschen lieben werden. Wo Liebe ist, kann es auch zu leidenschaftlichen Gipfelungen kommen.