Leidenschaft fordert immer volle Ausschließlichkeit. Der Führer ist dann nicht mehr unbedingt für alle da, er ist auch nicht mehr Erzieher und Lehrer. Er ist Liebender für seinen Geliebten. Wenn das gemeinschaftliche Leben schon so stark geworden ist, daß es alle trägt, so werden die Anderen dann ruhig ihren Weg gehen und in Ehrfurcht geschehen lassen, was geschieht. Aber auch dann, wenn es noch nicht so weit ist, wenn ein solches Schicksal das gemeinschaftliche Leben aller bedroht, wenn die Anderen es nicht ertragen, muß es trotzdem geschehen. Denn es gibt kein Verwahren gegen das Schicksal. Rücksicht auf die Anderen nehmen, heißt den geliebten Menschen auf der Woge seiner steigenden Liebe allein lassen. So kommt es hier unter Umständen zu der Entscheidung: führender Dienst an den Vielen oder Verrat an dem geliebten Einen. Diese Entscheidung ist schwer.
Das Schwerste aber ist, in der Leidenschaft noch Führer des Geliebten zu bleiben. Und das wieder erfordert: nicht festhalten und nicht sich festhalten lassen, wo die Woge wieder hinabgeht. Es erfordert zu zeigen: hier ist es zu Ende. Es erfordert, als Wissender stillschweigend die Folgen auf sich zu nehmen, die Leidenschaft mit sich bringt und zugleich den geliebten Neuling in dieses Wissen einzuweihen.
Solcher erster Aufschwung der Liebe aus der Tiefe der ersten Knabeninbrunst überwölbt nun durch Jahre hindurch alle Liebesregungen des jungen Menschen, bis er dann in den Zeiten seiner reifenden Jünglingschaft wieder in eine neue entscheidende Periode der Liebesferne tritt.
Diese Ruhezeit und noch mehr die nächstfolgende große Lebenspause, die Reifezeit des Mannes wird durchpflügt von der Unrast des Lebens. Liebe und Leidenschaft kann aber nur groß und umspannend werden, wenn an diesen entscheidenden Stellen genügend Raum um den in sich selbst Versunkenen blieb, wenn er nicht vorzeitig aus sich herausgezerrt wurde und sich nicht zerren und nicht locken ließ. Wo einer noch Macht hat über Menschen, die sich in diesen Lebenspausen befinden, leistet er ihnen den entscheidenden Dienst nur dadurch, daß er Raum um sie breitet, daß er sie entfernt von den Anderen und daß er sich selbst in ihrem Gesichtsfeld auslöscht.
Es ist gewagt von diesen großen Bogenschwüngen zwischen Inbrunst und Leidenschaft zu sprechen, wo doch das tausendfältige Spiel der täglichen Liebesregungen verwirrend dazwischen schwingt und eigentlich immer das allein Spürbare ist. Diese großen Schwingungen, die von den einzelnen wenigen ganz großen Inbrunstpausen des Lebens ausschwingen, sind aber da und jedem sichtbar, der seinen Blick weitet und große Strecken eines Lebens überblickt.
Auch wenn es den meisten Menschen verwehrt ist, zu ihrer Zeit einsam zu sein, weil die anderen es nicht zulassen oder auch sie selbst nicht Mut genug haben, in ihre Tiefe einzugehen, sie spüren doch die Stelle, wo es hätte sein sollen. Sie wissen genau, in diesem Jahr ist es gewesen …
Rhythmus der Liebe im Jahr
Das einzelne Jahr hat seine Inbrunstzeiten und Leidenschaftszeiten. Das natürliche Jahr, das Sonnenjahr, das für die Tiere und ihre Liebesregungen so entscheidend ist, schlägt auch durch das Gefüge des menschlichen Jahres hindurch; gerüstweise bleibt es erkennbar. Die Jahreszeiten sind in ihrer Liebesgerichtetheit verschieden. Die großen Sammelzeiten des Jahres im späten Herbst, im tiefen Winter, die Zeit, wo der Sommer sich vorbereitet und die Früchte ansetzen, schließlich die Zeit, wo der Herbst sich vorbereitet (oft schon in den letzten Julitagen), diese Sammelzeiten des Jahres machen es dem Menschen, der mit dem Jahr zu leben gelernt hat, leicht, sich in seine Inbrunst zu versenken. Verschlossen zu sein ist dann der Natur gemäß. Es sind das die Zeiten, wo nichts sichtbar wird, sondern alles unter der Oberfläche geschieht.