Dem gegenüber stehen die leidenschaftlichen Zeiten des Jahres, Gebezeiten, in denen die Liebe sichtbar wird. Zu Anfang des Winters ist solche Zeit, die Frühlingszeit des Winters, die das alte Lied meint: es ist ein Ros entsprungen … Manchmal ist diese Gipfelzeit kurz, aber stets in der gesamten Natur zu spüren. Die eigentliche Frühlingsgipfelzeit ist sehr viel länger von den frühesten bis zu den spätesten Blüten. Um die Zeit der heißen Nächte liegt dann die oft nur kurze Gipfelzeit des Sommers. Und in den jauchzenden Tagen des reifen Herbstes schwingt sich die Natur wieder zu einer Gipfelzeit auf, die oftmals lange dauert, von der Zeit der Kornreife bis zur Zeit, wo die letzten Äpfel reif werden.

Freilich das menschliche Jahr flutet vielfach über diese naturgesetzten Zeiten hinweg, daß die Grenzen sich verschieben. Doch dies bleibt: es sind Gebezeiten und Inbrunstzeiten der Liebe im Jahr eines jeden Menschen deutlich zu spüren, und auch hier ist es Sache des führenden Erziehers, ferne zu halten und zu schaffen, wo seine Anvertrauten die Kraft des Jahres in sich sammeln, und mitzuschwingen, wo sie geben und blühen und jauchzen in ihrer Liebe.


Der sexuelle Rhythmus der Liebe

Durch die gegeneinander beweglichen Brunst- und Inbrunstzeiten des Jahres flicht sich in sehr viel strengerem Wechsel der monatliche Rhythmus. Hier ist von der geschlechtlichen Liebesgerichtetheit zu sprechen. Die monatliche Periode der Frau gibt in ihrer strengen Gesetzlichkeit das führende Zeichen für die Menschen. Auf Tag und Stunde ist der Eintritt dieser monatlich wiederkehrenden Reinigungszeit bei gesunden Frauen vorausbestimmbar. Davon war bereits die Rede, soweit es den Rhythmus des Einzelmenschen betraf. Wie ist diese Tatsache für das Miteinanderleben der Menschen auszudeuten?

Wie der Herztakt des Blutes sich der Aufsicht des Willens entzieht, so ist auch die steigende und fallende Bewegung der geschlechtlichen Säfte der willentlichen Beeinflussung des Menschen entzogen. Wenigstens von der einen Hälfte, der weiblichen Hälfte der Menschheit ist dies mit Sicherheit zu sagen. Durch das Leben des Mannes geht allerdings auch ein monatlicher Rhythmus, ein Rhythmus von etwas kürzerer Wellenlänge als bei der Frau[3]. Dieser Rhythmus ist aber bei den meisten Männern nicht mehr spürbar, d. h. von allzu starker Willensanspannung übertäubt worden. Wenige werden diese Taktschläge regelmäßig in sich hören. Nur wer in die Zeit seiner eigenen Knabenreife hinabzulauschen versteht, wird wissen, um was es sich handelt. Um die Reifezeit beginnt bei dem Knaben der Saft zu steigen. Die Kraft spannt alle Glieder. Auch das männliche Zeugungsglied streckt sich zum ersten Mal. Und in später Nacht, wenn der Schlaf schon dünn geworden ist und die volle Kraft des jungen Körpers sich in den Morgen hebt, kann die letzte Welle irgendeines Traumes zur unwillkürlichen Vergießung des Samens drängen. Nach solcher Entspannung folgt nun wieder eine Zeit des Aufbaues der sexuellen Kräfte etwa einen Monat lang, und wieder kommt die Zeit der Krafthöhe und drängt nach Entspannung dieser Kraft. Diese nächtlichen Entladungen des Samens in etwa monatlicher Wiederkehr sind aber nur ein äußerstes Mittel des Körpers, Stauungen zu vermeiden. Bei einem gesunden Leben wird es selten dazu kommen. Auch ohne Samenverlust wird der Körper in die Zeit seiner Schwäche zurückzuschwingen vermögen. Denn die nach außen drängenden Kräfte können auch im Innern des Körpers verbraucht werden[4].

Die Zeit der sexuellen Krafthöhe ist bei vielen Menschen die Zeit der Gefahr, wo ihr eigener oder auch fremder Wille Übermacht über die natürliche Gesetzlichkeit ihres Körpers bekommt. Willkürlich wird durch Onanie eine gewaltsame Entspannung der sexuellen Kraft herbeigeführt. Von da an vermag der junge Mensch die natürliche, periodisch ihn überkommende Entspannung nicht mehr abzuwarten. Eigene leidenschaftliche Wunschbilder oder fremde Verführung übersteigern seinen Rhythmus, beschleunigen sein Entwicklungstempo oft so übermäßig, daß der Knabe nach wenigen Monaten einem »Erwachsenen« nach Wort und Gebärde ähnlich sieht. Dabei wird sein Blutkreislauf gewaltig gesteigert und seine Haut bleich. Bei schwächlichen Knaben wird dieses übersteigerte Tempo durch ihren schleppenden Gang, ihre müde Haltung und ihre verhetzten Augen sehr sichtbar. Starken Knaben wird man äußerlich nicht so viel ansehen. Sie halten es aus. Aber die Schwächung der Kräfte ist überhaupt gar nicht die schädlichste Folge der Onanie. Sie wäre wohl auszugleichen. Der entscheidende Schaden liegt in der Beschleunigung des Rhythmus der geschlechtlichen Kraftwiederkehr. Ein natürlicher Ablauf wird durch eine willkürlich herbeigeführte Ersatzhandlung zunichte gemacht. Dies ist entscheidend und prägt der ganzen heutigen Kultur den Stempel auf. Was rhythmisch hätte von selbst geschehen müssen, gerät unter die Knechtschaft des Willens. Schwer ist die Befreiung aus dieser Knechtschaft. Der Erzieher, der den Knaben das Häßliche und Entstellende dieser Samenverluste wissen läßt, ihm »ins Gewissen« redet, hat damit wenig getan, selbst wenn er so viel Macht auf den Knaben ausübt, daß er die Onaniegelüste von da an unterdrückt. Denn er hat damit auch nur wieder Willenskraft und zwar von allerstärkstem Grad in dem Knaben wachgerufen, damit er aus Furcht vor den schädlichen Folgen, aus Furcht vor ihm, von jener anderen Willkürhandlung abläßt. Willkür wird durch Willkür vertrieben. Niemals kann das die Wiederkehr des natürlichen Eigenrhythmus bewirken. Aus dem übermäßig beschleunigten Rhythmus der Kraftwiederkehr wird von da an ein übermäßig stockender Rhythmus. Schließlich machen Angstträume den Schlaf untief und ungewollte Samenergießungen quälen den Knaben öfter und öfter.

Hier gibt es nur eine Hilfe, das Einlenken in den eigenen Rhythmus. Nicht angestachelte Willenskraft kann hier helfen, sondern allein die vertrauende Hingabe an den rhythmischen Lauf der Natur in dem eigenen Körper.

Der Knabe fühlt in dieser Zeit nur, daß eine Kraft in ihm hoch kommt, eine Kraft, die zur Vergießung ihrer selbst drängt. Das Wissen von dieser neuen Möglichkeit zu verströmen muß all sein Denken und Sein durchdringen. Dies ist das eine. Ein anderes schwächeres Gefühl ist aber mit dem ersten verschwistert. Kurz bevor die steigende Kraft in ihm zu ihrem höchsten Gipfel kommt, spürt er: ein Behälter bin ich, ein Gefäß, in dem die Säfte steigen und … fallen. Und dieses schwächere, aber umfassendere Gefühl, daß die Kraftwelle auch wieder fallen muß, ist die natürliche Ursache für jede geschlechtliche Hemmung. Mit der steigenden Kraft wächst auch schon, was sie hemmen wird. Nicht Willensanspannung darf der Führer hervorrufen. Dies innere Wissen vom Steigen und Fallen der Kraftwelle muß er vielmehr hüten und pflegen. Hier ist er wahrhaft Erzieher, der sein eigenes Wissen helfend in immer wieder neuen Formen darbieten kann. Locken, reizen, ja zwingen muß er den Knaben, dieses Wissen in sich groß zu machen. Denn in diesem hemmenden Gefühl ist zugleich das Geheimnis seiner künftigen geschlechtlichen Steigerung verborgen. Die Kraft steigt und fällt. Wenn sie aber wieder steigt, ist sie noch drängender, noch zwingender, noch herrlicher geworden als vorher. Sie fällt aber auch diesmal wieder, um abermals gewaltiger anzusteigen. Die sich immer machtvoller ballenden, immer drängender, flutender, brausender werdenden Kräfte in sich zu fassen, ist nur möglich für den, der hinabzuschwingen vermag in die schöpferische Ruhelage.

Die ältere Erziehung übersah geflissentlich alles, was mit der geschlechtlichen Kräftewiederkehr, überhaupt mit der Geschlechtlichkeit zu tun hat. Man ließ den Knaben mit seiner Kraft allein fertig werden und stärkte durch allerhand Mittel, vor allem durch Ermahnung, Warnung, Strafe einzig und allein die Hemmungen in ihm. Die neue Erziehung fällt in den entgegengesetzten Fehler: der Knabe wird auf die in ihm erwachende Kraft aufmerksam gemacht. Dabei aber werden häufig die hemmenden Gegenkräfte in ihm selbst durch frühzeitige Rationalisierung zerstört. Und dies wirkt eigentlich noch schlimmer als die alte Erziehung. Die edelste und geistigste Steigerung wird durch Geheimhaltung der besonderen Zwecke hervorgelockt. Geheimnis darf nicht verwechselt werden mit absichtlichem Verschweigen und wissentlicher Täuschung, wie es jetzt häufig geschieht. Denn das Geheimnis verhüllt eben nur die naheliegenden Zwecke, um gerade desto stärker die eigentliche Richtung weisen zu können.