Wo zu frühzeitig von den besonderen Zwecken der sexuellen Kräfte, von Fortpflanzung der Art, von Zuchtwahl … wo immerfort von Vorbereitung, Reinhaltung und Sparen der Kraft für die kommende Höhe des Lebens gesprochen wird, wird damit die geschlechtliche Kraft allmählich aber sicher ihres Geheimnisses entkleidet. Der so gewaltsam aufklärende Erzieher verletzt damit, was früher Schamgefühl genannt wurde, den Raum der Hemmungen, der um den Knaben gebreitet ist und unbetretbar für ihn sein sollte. Was haben denn auch die tatsächlichen Zwecke der geschlechtlichen Kraft, ihre Folgen, überhaupt ihre beschreibende Naturgeschichte mit dieser Kraft selbst zu tun? Alle ausmalenden Bilder, ganz gleich, ob sie die Herrlichkeiten oder die dahinterlauernden Gefahren der geschlechtlichen Zukunft darstellen, arbeiten nur darauf hin, die lebendige Wucht dieser Kraft selbst zu zerstören. Zu früh ins Gebiet der gesonderten Vorstellungen, ins »Wirkliche« der »Tatsachen« führen, heißt, lebendiges Wasser, ehe es stromstark geworden ist, in gegrabene Kanäle ableiten. Die gestaltlose, dunkle, schaffende Kraft, die nur erst als steigende und fallende Bewegung in dem jungen Körper spürbar wird, ist allein die Wahrheit; und diesen wuchtenden, ganz ungegliederten Wahrheitsblock muß der Erzieher mit seinem führenden Wesen bejahen, mit allen stürmischen Pulsschlägen seines eigenen Herzens bekräftigen.

An die Schwere dieser ungestalten Wahrheit reicht nur Traum und Mythos. Vielleicht erzählt ihm der Knabe selbst das Bruchstück irgendeines Traumes, in dem nicht mehr wie früher von lauter bunten Einzeldingen die Rede ist, wie sie gestern und vorgestern wirklich geschehen sind, aus denen vielmehr zusammenfassende Bewegung spricht. Vielleicht erzählt er: Wasser, ein Strom war ich, Schalen, Mulden, Felsentrichter waren da, in die es hineinsprudelte. Und immer mehr Wasser war da, und herabstürzend füllte es alles aus, brach alles weg, immer schneller ging es und in großer Masse fiel es besinnungslos herab. Wenn der Knabe in den durch den monatlichen Rhythmus vorbestimmten Nächten solche aus dem Tiefschlaf hervorbrechenden Bilder von bewegter Kraft träumt, bringt er aus seiner schöpferischen Ruhelage einen völlig entspannten Körper in den Morgen mit. Der Knabe hat dann selbst den rechten Weg zur Entspannung seiner Kräfte gefunden, eintauchend in die Ruhe seines Selbst. Der Führer kann ihm in dieser Zeit nur dadurch helfen, daß er ihm Räume eröffnet, die ebenso weit und tief sind, wie dieses erste Erleben seiner geschlechtlichen Kraft in ihm. Er wird ihn das Gebirge mit seinen aufgesteilten Massen, die Ebene in ihrer dahinfließenden Fülle sehen lassen. Aus der beliebigen Gegend, die man seit jeher kennt, wo man rennen und klettern und spielen und Pilze sammeln konnte, wächst plötzlich der Raum und seine Füllung mit Gestalt. Weil der Knabe selbst voll steigender und fallender Bewegung ist und seinen Körper als das umschließende Gefäß dafür empfindet, wird ihn die fließende, strömende, steigende, fallende, in sich zur Ruhe kommende Bewegung der Natur in seinem eigenen Inneren erregen und ihn ebenso vielgestaltig, ebenso weiträumig werden lassen.

Hier ist auch der Grund, weswegen ihn zur Zeit der Reife seine eigene aufquellende Freude naturgemäß zur eigenen Gestaltgebung in Tanz und Ton und Wort und Bild drängt. Räume werden da geöffnet, und die steigende Kraft kann sie mit Gestalt füllen. Davon war schon im einzelnen die Rede.

Hier ist auch der Grund, weswegen gerade zur Reifezeit dieselbe Freude naturgemäß die Frage nach dem Wesen dieser Kräfte draußen und drinnen hervorruft und also zur »Wissenschaft« drängt. Davon wird noch die Rede sein. Alles Schauen, alles gestaltende Tun, alles drängende Wissen ist in diesen Jahren nichts als die hemmende Schicht, die das vorzeitige Ergießen verhindert und zugleich die Steigerung bewirkt.

Wie eine immer wachsende Wärme bleibt nun die steigende und fallende Kraft in dem Menschen drin. Die Kräfte können sich vielleicht jahrelang in sich selbst ausgleichen und so immer höher ansteigende Lebenswärme erzeugen. Hier ist das Geheimnis, warum knabenhafte Schönheit und Geschlossenheit unmittelbar und ungewollt Liebe entzündet. Knabenhaftigkeit ist rhythmisches Steigen und Fallen in sich selbst bei ständiger Steigerung. Selten und kurz ist das Wunder knabenhafter Vollendung und dann von weltbewegender Wirkung. Die griechische Kunst in ihrer herben Zeit, die Kunst des Donatello, des Memling, die Rede des Meisters Ekkehard ist von solcher verhaltenen Wärme strahlend. Hier ist dem Wunder, das nur an dem Knaben erscheint, Ausdruck gegeben. Auch heute vermag die innere Glut knabenhafter Verhaltenheit wieder die große Kunst zum Ausbruch reiner Gestalt zu bewegen. Maximin hat die Kunst Georges in fließende Bewegung gebracht.

Was ist knabenhafte Verhaltenheit? Es ist Inbrunst, Verharren in der schöpferischen Ruhelage zur Zeit der geschlechtlichen Reife. Wie immer das Gleiche: hier wird nichts getan, aber Entscheidendes geschieht. Dieser Zustand innerer Glut, der den Menschen nur für die kurze Zeit der Knabenjahre erfüllt und Wärme für das ganze Leben bereiten soll, wird nun in der schlimmsten Weise mißbraucht. Auch von den jungen Menschen selbst. Davon war schon die Rede. Mißbraucht vor allem aber durch die erwachsenen Menschen, die mit dem Knaben zusammen sind. Eltern, Lehrer, Erzieher, alle zehren sie von diesem kostbaren Gut, als gehörte es ihnen. Meist wissen sie es nicht, aber sie zerren den jungen Körper, wo er ganz schmiegsam und biegsam und hilflos ist, nämlich an seiner geschlechtlichen Verhaltenheit. Sie verlangen von ihm eine zugemessene Arbeit, reizen seinen Ehrgeiz und loben und tadeln und schmeicheln willkürlich an ihm herum. Sie verlangen, daß der Knabe alles ihnen »zuliebe« tut. Warum? Sie wollen sich daran wärmen. So werden sie zu Verführern wider Willen und bringen es endlich dahin, daß der Knabe seine geschlechtliche Inbrunst viel zu früh in körperliche oder geistige Arbeit umsetzt, an der sie ihre »Erfolge« sehen können, an der sie sich freuen, an der sie sich wärmen. Hier wird auch der wissende Erzieher leicht Verführer. Denn auch er wärmt sich machtsüchtig, wenn auch meist nicht so prahlerisch und eitel an der inneren Glut, die von den Knaben ausgeht. Gar zu gern läßt auch er sich etwas »zuliebe« tun. Ja, er lockt zu sich heran und bringt Liebe frühzeitig zum Ausbruch. Unter den verschiedensten Formen kann sich das verbergen und sehr harmlos und sachlich, ja sogar geistig aussehen. Dieses Schüren der inneren Glut ist und bleibt aber doch immer ein eigenmächtiges und meist gefallsüchtiges Stören des fremden Lebens, ehe es Zeit war.

Der Führer zum wahren Leben wird hier immer nur auf das eine sehen, wie er die geschlechtliche Inbrunst in dem Knaben hüten kann, so daß sie ganz und gar in ihm bleibt. Nur wenn er selbst ihm stets herb und verhalten gegenübersteht, kann das gelingen. Er braucht darum seine eigene Lust an den jungen Menschen nicht etwa zu verbergen und zu unterdrücken, nur hinabschwingen, untertauchen lassen muß er diese Lust in die inbrünstige Tiefe seiner eigenen Liebe, bis sie sich nicht mehr laut und zügellos gebärdet, sondern ganz still und mild von innen her strahlend geworden ist.

Aus der Tiefe seiner wohl behüteten geschlechtlichen Inbrunstzeit wird der Knabe nun die Kraft zu seiner ersten geschlechtlichen Leidenschaft aufbringen. Und diese Leidenschaft ist eine Opferung seiner knabenhaften Verhaltenheit. Geschlechtliche Hingabe bringt Schmerz, bringt das Ende des in sich selbst beschlossenen Lebens, bringt in jedem Fall das erste Vertrautwerden mit dem Tode. Die in dem Gefäß des Körpers bereitete Wärme, diese an den Rand gestiegene Kraft wird auf einmal dem geliebten Menschen hingegeben. Weiter kann hier nichts gesagt werden. Geschlechtliche Hingabe entzieht sich jeder allgemeinen Behandlung durch Worte und bleibt die eigenste Angelegenheit des Menschen. Der Führer kann da nichts tun, als den Vertrauten in seine Mannheit entlassen. In der Gewißheit, daß dem Menschen, der in sich selbst zu schwingen gelernt hat, nichts Gesetzloses mehr geschehen kann.

Wenn der Mensch so aus der verhaltenen Glut der Knabenjahre in die gespannte Kraft seines Mannestumes eingegangen ist, braucht es für ihn in seiner eigenen Geschlechtlichkeit keine Hemmung mehr zu geben. Er ist von sich aus frei. Wohl aber bleibt die Hemmung bestehen, welche durch die Ferne des geliebten Menschen auferlegt wird: Ehrfürchtige Haltung vor der geschlechtlichen Ferne der Frau. Das Mädchen geht ja einen ganz anderen Weg der Geschlechtlichkeit. Unumstößlich sicher ist das geschlechtliche Leben der Frau um die Inbrunstzeiten, die Zeiten der ruhenden Liebe, um die Zeiten der schöpferischen Pause gruppiert und aufgebaut. Die erste Blutung, die an einem Tage ganz unerwartet das Mädchen in die ruhende Lage zwingt, sieht für die Entwicklung der weiblichen Geschlechtlichkeit an derselben Stelle, wie der erste nächtliche Kräfteüberschuß des Knaben. Aus diesen höchst verschiedenen Anfängen ist die ganze Verschiedenartigkeit des geschlechtlichen Lebens erkennbar. Periodischer Kräftewiederkehr des Knaben entspricht eine monatliche Schwächewiederkehr des Mädchens. Das spannt eine unüberbrückbar scheinende Ferne zwischen die Geschlechter. Die leidenschaftlichen Höhepunkte bilden beim Mann die Periode, die inbrünstigen Tiefpunkte bei der Frau. Wahre Liebe muß nun das Wunder vollbringen, diese gewissermaßen im weitesten Abstand voreinander hergleitenden Rhythmen dennoch zusammenklingen zu lassen.

Zunächst muß noch einmal von hier aus Rückwärtiges beleuchtet werden. Wenn der Erzieher in dem Knaben gegenüber der leidenschaftlichen Gier sich zu vergessen jenes zweite von Natur aus schwächere Gefühl: Gefäß zu sein für seine eigenen immer wachsenden Kräfte, ausspielt und stark macht (und gerade dies ist ja Sache der Erziehung), stärkt er damit die weiblich gerichteten Kräfte des Knaben. Inbrunst schwingt stets nach der weiblichen Seite hin. Und so kann es kommen, daß der Knabe in dem meist so kurz dauernden Zustand seiner vollendeten Knabenhaftigkeit in sich selbst den Ausgleich zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit vollbringt und darstellt. Er ist das inbrünstige Gefäß für seine eigene leidenschaftlich schwellende Kraft. Erklärt ist daraus, daß die Knaben sich zu dieser Zeit gerade von Mädchen abgestoßen fühlen. Sie brauchen sie nicht, weil sie ja genug von weiblicher Kraft in sich haben. Kurz ist dieser Zustand meist und hört auf in dem Augenblick, wo sich seine Leidenschaft nach außen wendet, wo ihn das ferne Sein weiblicher Geschlechtlichkeit zum Ausbruch aus sich selbst lockt. Das Mädchen in der Zeit seiner Reife stellt ebenso wie der Knabe eine in sich geschlossene Einheit dar, die eine Zeitlang gar keine Berührung von außen her verträgt. Scheue, herb abweisende Bewegungen kommen zu dieser Zeit in die Gebärdensprache des Mädchens. Noch hilfloser als der Knabe ist das Mädchen in seiner Unnahbarkeit und meist noch weniger in ihrem Zustand geachtet. Die Mutter hat in den meisten Fällen ihr eigenes schweres Leben die Not ihrer Jugend vergessen lassen, so daß sie verständnislos bleibt. Statt Raum um das Kind zu breiten, jagt sie es gerade zu den anderen Menschen hin. Man führt das junge Mädchen in die Geselligkeit ein. Auch hier sonnen sich die Erwachsenen, die Mütter an den Erfolgen ihrer Kinder, sind stolz auf die Liebe, die durch die mädchenhaft verhaltene Schönheit erregt wird und wärmen an dieser Glut Erinnerungsträume aus ihrer eigenen Jugend auf. Und dabei wird an den Mädchen gezerrt und geschüttelt, geschmeichelt und verbogen, was nie wieder gut zu machen ist. Wenige wehren sich dagegen und flüchten sich hinter den Schutzwall der in ihnen liegenden männlichen Teilkräfte. Sie werden dann meist spröde und unbeugsam. Die meisten geben es aber von da an auf, einsam zu sein. Sie werden gefallsüchtig, lüstern und sehen ihren Lebenszweck darin, andere Menschen anzulocken, je älter sie werden desto absichtlicher und immer mehr mit der Entfaltung aller Willenskräfte. Hier geschieht also dasselbe wie beim Knaben, die Verwirrung des eigenen geschlechtlichen Rhythmus durch viel zu frühe Willensentfaltung, und gerade dies ist das entscheidend Verderbliche. Darin liegt ja auch der Grund, weswegen sie auch später über die von der Natur gesetzten Inbrunstzeiten der monatlichen Reinigung hinwegjagen. Sie müßten einsam sein können und ganz in sich selbst beruhen in dieser Zeit, und gerade das haben sie nicht gelernt oder längst verlernt. Bei allen Naturvölkern ist es Gesetz, daß die Frau zur Zeit ihrer monatlichen Blutung von keinem Manne berührt werden darf, ja nicht einmal in die Nähe eines Mannes kommen darf. Sie ist unrein, sie geht in die Einsamkeit – wie auch die Knaben zur Zeit ihrer Reife in die Wälder geschickt werden. Dagegen ist in der europäischen Welt der Zustand schließlich so geworden, daß die Frauen durch allerlei Künste und Mittel voreinander und vor allem vor den Männern dieses »Unwohlsein«, wie sie es nennen, zu verbergen wissen. So ist der Eigenrhythmus der weiblichen Geschlechtlichkeit gerade an der Stelle fast vollkommen zerstört, wo das Naturgesetz am offensichtlichsten zutage treten sollte.