Die überwiegende Mehrzahl von Männern sucht nach einer ganz kurzen und meist jäh gebrochenen Knabenzeit sogleich seine leidenschaftliche Erfüllung in dem anderen Geschlecht. Die Schranke der Ehrfurcht vor der Fremdheit der Frau hält also nicht mehr stand. Sie ist beim ersten Ansturm gleich zerbrochen. Hemmungslos prasselt das nächste in das fernste, verzischt und verbrennt. Der Frau wird Gewalt angetan. Sie wird aus der inbrunstgerichteten Zeit willkürlich herausgerissen, hinaufgerissen auf leidenschaftliche Höhe, meist ehe es von Natur so weit gekommen ist. Seit Jahrtausenden ist das so. Hier gilt es, mit aller Kraft den Wall der geschlechtlichen Hemmungen aufzurichten, das Wissen von der Ferne weiblicher Geschlechtlichkeit, von der Unnahbarkeit der Frau groß zu machen.
Nicht alle Männer brechen so frühzeitig und unhaltbar aus ihrer Knabenzeit heraus. Gerade im Gegensatz dazu kann es geschehen, daß sie schwer oder gar nicht daraus herauskommen. Sie vergessen es gewissermaßen, aus der inbrunsttiefen Zeit ihrer schöpferischen Pause aufzutauchen. Sie erstarren in ihrer knabenhaften Vollendung. Sie fürchten sich davor, wieder in Stücke zu gehen und den verlorenen Teil suchen zu gehen. So werden sie ängstlich in ihrer selbstgenügsamen Vollendung. Mit ihrer wollenden Regung halten sie an ihrer Reinheit fest. Immer bleiben sie Gefäß für ihre steigende und fallende Kraft, aber langsam wird es ihnen überhaupt unmöglich, über ihren eigenen Rand überzufließen. Zwischen dem zu frühen Ausbrechen aus dem Knabentum und dem zu langen Verharren darin geht der Weg, den der Erzieher nur führen kann, wenn er Knaben und Mädchen zugleich erzieht. Er braucht dann nur die verschiedene Geschlechtlichkeit verschieden zu betonen, einfach durch die verschiedene Art und Weise, wie er sich zu jedem Einzelnen stellt. Und das wird beispielhaften Einfluß haben. Die Knaben wird er in ihrer Männlichkeit lächelnd, schweigend, unmittelbar aus seiner eigenen Männlichkeit heraus anerkennen. Dem Frauentum der Mädchen wird er in jeder Gebärde selbst ehrfürchtig und scheu gegenüberstehen. Seiner selbst ganz sicher und doch zugleich ganz und gar liebeweit offene Frage, was da so fern von ihm und doch ihm zugewandt geschieht. So werden die Knaben es dann auch machen. Sie werden die Scheu vor dem Weiblichen von vornherein lernen. Ritterlichkeit nannte es eine vergangene Zeit. Diese scheue Zugewandtheit zu dem anderen Geschlecht wird jedes voreilige Zueinanderprasseln hemmen. Nicht nur die wilde verfrühte Leidenschaftlichkeit, auch die heute aufgekommene ersatzhafte Neigung zu allen möglichen Formen burschikoser Kameradschaftlichkeit wird dadurch ausgeschlossen werden. Die Ferne des anderen Geschlechtes wird weder rücksichtslos ausgelöscht, noch auch phrasenhaft vertuscht werden, sondern wird ruhig und klar in ihrer ganzen Weite anerkannt werden. Damit wird der Bogen des Trotzdem immer mehr an Spannkraft gewinnen. Die Ferne des anderen Geschlechtes wird nun immer heißer begehrt werden. Aus der knabenhaften Selbstgenügsamkeit und Ausgeglichenheit heraus wird sich die bewußt einseitige Männlichkeit ausprägen und immer steigern. Und aus der mädchenhaften Sprödigkeit und Herbheit wird Frauentum ausreifen. Diese gegeneinander sich immer deutlicher ausprägende geschlechtliche Reife wird das Gefäß ausgeglichener Selbstgenügsamkeit von Knaben- und Mädchentum an einem Tage in gemeinsam aufspringender Leidenschaft sprengen. Aufhebung aller eigensüchtigen, eigengewichtigen Schwere, Tod des Selbst wird sein.
Hier liegt die Gefahr, weil sich die zwei Menschen dem Gesetz der wieder abschwingenden Kräfte meist nicht völlig fügen. Besonders der Mann wird meist die Leidenschaft übersteigern. Mit Willen festgehaltene geschlechtliche Leidenschaft scheidet aber sofort stärkstes Gift aus, das die bindende Liebe augenblicks zerfressen kann. Hier muß die Frau wissen, daß sie führend ist, führend sein muß. Die Frau allein vermag aus der Tiefe ihrer geschlechtlichen Eigenart den Abschwung der Bewegung einzuleiten. Der geschlechtlichen Art des Mannes entspricht es ja von Natur eigentlich nicht zu hemmen, da gerade die leidenschaftlichen Höhepunkte bei ihm Periode bilden müssen. Solange die Frau an dieser führenden Stelle versagt, verführt sie also zu immer neuen, immer sich steigernden Zügellosigkeiten oder aber sie zwingt dem Mann gegen seine eigene geschlechtliche Natur hier doch die Zügel in die Hand, daß er sich besinnt in Augenblicken, wo es gerade seiner Natur gemäß wäre, besinnungslos zu sein. Nur die Frau, die gelernt hat, in ihre schöpferische Ruhelage hinabzugelangen, vermag hier Führerin zu sein.
Die tägliche Erneuerung der Liebe
Alle die großen Schwingungen, der ganze Bogen des Liebeslebens, das Schwingen der Lebensalter, schließlich die sexuelle Periode der Liebe reichen noch nicht heran an das, was Liebe eigentlich ist, an das tägliche Auf und Ab von Leidenschaft und Inbrunst. Nur jene ganz kleinteiligen Schwingungen lassen mit Sicherheit spüren: hier in diesem Augenblick ist – war – inbrünstige oder leidenschaftliche Regung. In einem gefüllten Leben wechselt Einsamkeit mit Liebesregung in einem ständig zuckenden Wechselstrom des täglichen Lebens. Wo einer im täglichen Leben spürt, daß alle seine einsamen Stunden leer und trostlos geworden sind, gibt es für ihn nur eins: sich ungehemmt der inbrünstigen Liebesregung zu überlassen. Er ist dann geladen mit seiner Einsamkeit und stark Liebe zu geben. Nichts ist sinnloser, als in solchem Augenblicke sich selbst zu zwingen, an seinem Werk, an seiner Ruhe festhalten zu wollen. Nur in der Hingabe besteht dann das Heil. Aber umgekehrt gibt es nach jedem höchsten Augenblick gesteigerter Liebesregung nur eins: sich fallen lassen in die Einsamkeit seines Selbst. Einsamkeit ist die schöpferische Pause für die Liebe, und Liebe ist die schöpferische Pause für die Einsamkeit. Es sind die Pole, zwischen denen alle täglichen Regungen hin und her fluten. Wo dieser Wechselstrom nicht strömt, wird das tägliche Leben sinnlos und quälend. Unmittelbar nahe an der Wirklichkeit pulst für jeden Menschen dieser Wechselstrom.
Zunächst ist jeder hier mehr oder weniger unterworfen dem Gesetz des Sonnentages. Es gibt Zeiten des Tages, die liebegerichtet sind und Zeiten, die das Selbst zur Einsamkeit drängen. Von den schaffenden, den aufbauenden Zeiten des Tages wurde schon gesprochen. Jetzt muß noch einmal davon gesprochen werden. Denn es sind zugleich die Zeiten schöpferischer Pause, in denen die Liebe stark wird, ohne noch sichtbar zu werden. In den Stunden einsamer Morgenarbeit (Arbeit ist immer einsam, auch wenn sie mit anderen zusammengetan wird) ballt sich hauptsächlich die Liebeskraft für den ganzen Tag zusammen. Am frühen Morgen ist es das Bestreben des Menschen, mit sich allein zu sein, wenn auch nur eine kurze Zeit. Menschen, die lange schlafen, werden dieses Alleinsein weniger nötig brauchen, weil sie der Morgenschlaf genügend isoliert und in die Tiefe ihres Selbst geführt hat. Später am Vormittag kann sich jeder sehr viel leichter und sicherer zu dem anderen Menschen finden. Er sieht ihn, hört ihn, spürt ihn um sich. Er tut mit ihm gemeinschaftlich, was gerade not ist. Und er kommt ihm nahe. Am Nachmittag wechselt der Strom öfter, der Nachmittag hat nach einer kurzen Zeit der Ruhe im allgemeinen liebegerichtetes Vorzeichen, und erst am späten Nachmittag, wenn die schöpferische Kraft wieder langsam und zäh die Oberhand gewinnt, wird das Verlangen zur Absonderung wieder stark werden. Doch hat der Wechselstrom am Nachmittag nicht mehr die Stoßkraft wie am Morgen. Die Sonne verliert an Kraft und in demselben Maße gewinnt der Mensch gewissermaßen Übergewicht über die tragenden Kräfte des Sonnentages und so vermag er hier schon sehr viel leichter den Wechselstrom nach seinem Willen zu lenken. So ist es begreiflich, daß im gesamten Volksleben nachmittags Arbeit und Geselligkeit viel mehr durcheinander geht als am Vormittag. Am Abend und in der Nacht wird dieses Übergewicht des Menschentages über den Sonnentag noch größer. Die Abende werden liebesbetont sein können oder auch werktätig je nach der Eigengesetzlichkeit des einzelnen Menschenlebens. Erst in der zweiten Hälfte der Nacht kommt »Es« wieder über den Menschen und läßt einsame Arbeit erschlaffen oder die Liebesregung einschlafen. Tiefschlaf kommt und bereitet die neue Morgeneinsamkeit vor.
Mit diesem Gesetz von Liebesnähe und Liebesferne innerhalb des Sonnentages ist nur das allgemeine Schema zu geben. Der Führende wird ganz sacht und sicher dafür sorgen müssen, daß die Morgeneinsamkeit und die nachmittägliche Ruhe und die Zeit des Tiefschlafes, diese drei großen Perioden der täglichen Liebesferne im allgemeinen innegehalten werden. Das Bild der ganzen Tageseinteilung wird so im Großen stets nach diesem umfassenden Gesetz geprägt sein müssen. Für jeden einzelnen Menschen bleibt trotzdem das Wechselstromnetz von Liebesnähe und -ferne unberechenbar und andersartig an jedem neuen Tage. Denn jeder wandelt eben das Gesetz in seiner Weise ab. Es wird Tage geben, in denen die Liebe ganz und gar überflutend den Tag in seiner Richtung ganz allein bestimmt und es gibt Tage, die allein zur schöpferischen Arbeit oder zur Versenkung in sich selbst bestimmt sind. Doch kann der Rhythmus des Wechselstromes auch sehr viel zuckender gehen und vielmals am Tage von einem Pol zum anderen überspringen. Das läßt sich weder vorher sagen noch willkürlich beeinflussen. Wie die Pulsschläge des Herzens jagen oder langsam werden, unberechenbar, unbeeinflußbar durch Willen, so ist es auch mit dem Wechselstrom von Liebesnähe und -ferne in dieser seiner kleinteiligsten Rhythmik. Wer hier seiner selbst sicher geworden ist, braucht keine Furcht mehr zu haben, daß die Liebesferne einsamer Stunden die Liebe selbst schädigen könnte. Nein, im Gegenteil, gerade diese Zeiten sind ja Zeiten der Werbung. Wer in der Frühe die Vögel hat singen hören, weiß es: Jeder Vogel ist ganz in sich selbst, in seiner schwingenden Stimme, und doch dient dieses alles gerade zur Lockung des anderen, es bedeutet nichts als Liebeswerbung. So ist es. Wo der andere Mensch am fernsten ist und ganz in sich selbst zurückgezogen, wirbt er, lockt er ungewollt und unbewußt am meisten, weil eben ganz aus sich selbst.
Der Führende muß hier also vor allen Dingen die Furcht voreinander entkräften, so daß jeder seiner Anvertrauten sich dem Wechselstrom gern und willig überläßt. Falsche Liebe wird nicht mehr sein, kann nicht mehr sein, wenn der junge Mensch täglich immer wieder ohne Scheu für längere oder kürzere Zeit zu sich selbst kommt, wie sein Lebensgesetz es verlangt. Die meisten Kinder geraten in ihrem täglichen Rhythmus schon früh durcheinander. Entweder werden sie lieblos behandelt und die Zeit, in der sie sich mit sich selbst beschäftigen müssen, wird über Gebühr lang. So ist es vor allen Dingen in den unbemittelten Schichten häufig genug. Sie leiden dann an Liebesleere. Ihr ganzes Leben bleibt unerfüllt von Liebe. Und später versuchen sie dann, die Liebe herbeizuzwingen oder sperren sich trotzig gegen jede Liebesregung ab. Die Anderen aber, die Kinder reicher und unbeschäftigter Eltern werden von den Erwachsenen gezwungen, auch in ihren einsamen Stunden immer wieder Liebe an ihre Umgebung abzugeben. Man beschäftigt sich dauernd mit ihnen. So werden sie zuletzt hungrig nach sich selbst und schlaff und arm an Liebeswillen. Der Führer zum Leben muß nun die Stunden des Tages wägen und niemals zulassen, daß das lebendige Wechselströmen von einem Pol zum anderen aufhört. Auch muß er darauf achten, daß die Umschaltung von Liebesnähe und -ferne beliebig schnell geschehen kann. Dieses erfordert viel Übung. Was ehedem als Erziehung zur Demut und Selbsthingabe, gesellschaftlich gesprochen, als Erziehung zur Höflichkeit gelehrt wurde, hat den Übungswert, solche schnelle Umschaltung gründlich zu lernen. Ein höflicher Mensch hat es infolge seiner Übung erreicht, sich schnell aus der Selbstruhe oder aus irgendeiner Arbeit loszumachen, um für den Anderen da zu sein. Nur ist die Höflichkeit zu einer ein- für allemal gültigen Formel erstarrt. Und damit wird ja gerade die lebendige Hingabe aus immer wieder neuem Antriebe erstickt. Die Lust am Gekonntem, am Erlernten ist da zu groß geworden. Hier bleibt die tägliche Aufgabe des Führenden, den täglichen Verkehrston der miteinander lebenden und arbeitenden Genossen stets von neuem auf eine ins Lebendige aufgelöste Höflichkeit abzustimmen. Nur wenn er selbst vermag, leicht hinüberzuschwingen aus dem liebesfernen in den liebesnahen Zustand, wird sein Beispiel stark genug wirken. Er versagt in dem Augenblick, wo er zu schwerfällig in seinem Selbst bleibt und zu langsam in seiner Bereitschaft.