Hier wird das Geheimnis des Miteinanderlebens im Tiefsten berührt. Zwischen diesem Wechselstrom werden täglich alle Regungen der Menschen hin und her getrieben und erscheinen in einem Augenblick als selbsteigenes Werk und im nächsten Augenblick schon als Liebestat. Das Fernste wird zum Nächsten und Unterschiede sind nicht mehr. Öfter noch als der Atem, mehrmals in einer Atemsekunde vermag der Mensch durch eine leichte Umstellung des Wechselstromes zu dem Grunde hinabzutauchen, wo es keine Unterschiede mehr gibt zwischen ich und du. Alles Vorhergesagte wird erst an dieser tiefsten Stelle unmittelbar greifbar. Liebe ist ja nur in einem einzigen verfliegenden Augenblick spürbar. In einem solchen Augenblick prallen die Lebensalter aufeinander. Das menschliche Jahr spitzt sich in seiner Liebesgerichtetheit vielleicht auf einen einzigen solchen Augenblick zu. Die geschlechtliche Liebe bäumt sich im Augenblick auf. An jedem Tage kann es unzählige Male zu solchem polaren Zusammenströmen und Auseinanderströmen kommen. Zwischen inbrünstiger Gespanntheit und leidenschaftlicher Opferung des Selbst ist das Wechselstromnetz der liebesnahen und liebesfernen Augenblicke über alle Tage, Monate, Jahre und Lebensalter des Menschen ausgespannt. Und immer ist der Augenblick der Umschaltung, der als das Opfer der stets von neuem erzeugten Wärme von dem einen verlangt, von dem andern geschenkt wird, der schöpferische Augenblick. Dies Innehalten ist zeitlich nicht mehr merkbar, so kurz ist es. Es ist die schöpferische Pause in ihrer flüchtigsten Form, der Blutwelle vergleichbar und wohl auch mit dem flutenden Blut ein und dasselbe.
Erziehung zum wissenden Leben
Das Wissen ist ein Abbau des Eigenlebens in die Welt hinein. Es gilt Brücken zu schlagen zwischen all den fremden Dingen ringsum und vor allem von sich selbst zu diesen umgebenden Dingen. Nur wo dieses Suchen der Zusammenhänge in dem Drang geschieht, sich selbst abzubauen, sich liebend hinzugeben, wird die Kenntnis der Dinge zur wahren Wissenschaft.
Alles andere, was unter dem Namen Wissenschaft heute erscheint, ist die Überlieferung technischer Fähigkeiten aus einem Wissen heraus, das der Mensch allmählich erlernt hat. Jede dieser Fähigkeiten erfordert ein bestimmtes Fachwissen, das man auch außerhalb jedes Zusammenhangs sich aneignen und üben kann, um dann damit zu arbeiten. All diese sogenannten Wissenschaften, am offensichtlichsten die medizinischen und juristischen Wissenschaften, aber auch alle angewandten Naturwissenschaften und die übrigen Wissenschaften, so wie sie heute meistens betrieben werden, sind eigentlich solche Fertigkeiten aus Wissenschaft. Wenn diese Tätigkeiten recht betrieben werden, sind es Auswirkungen des Menschen selbst, der sie betreibt, Früchte, die abfallen von seinem Leben. Durch Schaffung günstiger Bedingungen kann der einzelne Mensch sich so entwickeln, daß er zur Ausübung dieser Fertigkeiten geeigneter wird als andere. So wie auch der Künstler sich einer bestimmten Kunst zuwendet und in ihr sein Werk schafft. In gleichem Sinne könnte der Künstler von seiner Kunst als von seiner »Wissenschaft« sprechen, denn er schafft ja auch nicht allein aus sich heraus, sondern eignet sich zuvor und dann immer wieder die Fähigkeiten der gesamten Vergangenheit an. Bei den meisten der kleinen Künstler ist das vielleicht nicht so ohne weiteres sichtbar. Aber schaut man zu den großen, so wird es klar. Leonardo hat den tiefen Ernst wissenschaftlicher Methode in jedem seiner Werke enthalten. Auch George besitzt diese herbe Sachlichkeit des wissenden Menschen durch und durch. Und doch sind sie in jeder Linie ihres Lebens Künstler geblieben, d. h. Schaffende aus sich selbst.
Grundsätzlich ebenso müßte es auch in allen jenen wissenschaftlichen Fertigkeiten, in den Fachwissenschaften sein. Dann würden jene groben Verzerrungen fortfallen, die heute das Leben aller fachwissenschaftlich arbeitenden Menschen so unmöglich machen. Als Ärzte, als Richter, als chemische, physikalische, technische Berater der Menschen würden doch diese alle nur sich selbst ausdrücken wollen und können. Mit dem Mut zur freien Künstlerschaft! Nicht mehr gebunden an den Wahn, als könnten sie in den Besitz eines außer ihnen selbst befindlichen Haufens von Wissen gelangen, das allen anderen unzugänglich sei und sie zu Auserwählten erhebe, weil sie nun lebenslänglich daraus schöpfen könnten. Wissen sei Macht, sagt man und wiederholt man überall. So ist es auch; aber es sollte damit sein wie mit dem Namen Gottes, den man nicht unnütz brauchen darf. Unheil ist, wenn Wissen schon von vornherein und allein zum Zweck dieser Machtausübung angeeignet wird. Und so ist es ja fast ausschließlich heut geworden. Um Geld zu erwerben, also um dem Anderen überlegen zu sein in der Lebensstellung, ergreifen die Menschen heut eine Fachwissenschaft als Beruf. Überlegen sein, mehr als die andern sein, das ist der Wunsch und die Sehnsucht, die schon in die Kinder unserer hohen Schulen vom ersten Anfang an eingepflanzt wird. Es ist dieselbe Sehnsucht, die als dunkle Erinnerung an den vorgeburtlichen Zustand den Menschen zur Besitzergreifung des anderen Menschen drängt. Schon die kleinen Schuljungen treiben ihr Lernen ja wie sie ihre Markensammlung betreiben: mehr können, mehr wissen, mehr haben als die andern, das vor allem läßt sie lernen, darin werden sie groß gezogen, um es einst den Erwachsenen dann darin gleich tun zu können. Wissenschaft wird eine möglichst unfehlbare Vorbereitung zum Geldverdienen und zu Erlangung von Macht. Und die wenigen, für die Machtübung in dieser primitiven Form nicht mehr den allgewaltigen Reiz hat, machen ihre Wissenschaft zu ihrem Gott, den sie anbeten, dessen selbst geschaffener Macht sie sich beugen, weil sie das Verlangen haben, sich irgendwem zu beugen. Sie sprechen von der Disziplinierung des Geistes. Fragt man warum, so sagen sie: Eben um des Geistes willen, um der Wissenschaft willen. Sie konstruieren ein Gesetz, daß es notwendig sei, das Wissen, den Geist zu hüten, zu überliefern, zu mehren. Als wäre der Geist, die Wissenschaft ein Für-sich-selbst-bestehendes, dem man Opfer bringen müßte, um dann freilich doch nach langem Dienst ein Auserwählter und Liebling dieses Götzen zu werden und den wohlverdienten Lohn davonzutragen. Also doch zuletzt Entgelt und Lohn!
In Wahrheit kann man doch in lernbaren wissenschaftlichen Fertigkeiten immer nur sich selbst ausdrücken, genau nach Art des Künstlers. Wo überhaupt ein Wissender nach Ausdruck sucht, erweist er sich eben gerade durch diesen Ausdruckswillen als ein Werkschaffender, einer, dessen Kraft gestaltend überquillt und der eben nicht an dem schauenden Wissen genug hat.
Wahre Wissenschaft will aber nicht mehr Ausdruck, sondern Schweigen. Wahres Wissen ist streng genommen unüberlieferbar und stirbt mit dem Menschen, der weiß, unausgedrückt und unausdrückbar durch ein Werk oder eine Lehre, höchstens hier und da erkennbar in dem Gesamtleben dieses wissenden Menschen. Alles was überlieferbar ist, also in die Form des Gekonnten, des Fertigen, des Systems übergegangen, erweist sich damit nicht mehr als Wissen im Sinn eines unbezweifelbaren Gewißseins. Die spielende Lust des Gestaltungstriebes hat es vielmehr aus dem Dunkel der Gewißheit heraufgerissen.
Hiermit ist wieder der entscheidende Punkt erreicht. Wahres Wissen hat seinen Sinn in der schöpferischen Ruhelage, in die der Mensch hinabschwingt.
Unter vielen Namen wurde diese schöpferische Pause immer wieder und wieder erkannt. Mit dem Namen Wissen bekommt sie nunmehr ihren umfassendsten Sinn. Wissen ist allerdings Macht, aber Macht aus der Ruhe. Dieses letzte Wissen ist nicht notwendig an irgendwelche Einzelfähigkeiten gebunden, kann nicht gelernt werden, geübt werden, ist überhaupt willensmäßig nicht zu erreichen, und braucht sich schließlich auch nicht notwendig in Tat umzusetzen. Sondern dem Menschen, dessen Leben nach seinem eigenen Gesetz schwingend geworden ist, können alle Dinge zu gewußten werden, beliebig, sobald er in die Tiefe seines Bewußtseins hinabsteigt. Irrtum, Täuschung, Nichtwissen bedeutet dann nur: nicht tief genug hinabgelangen in die Ruhelage, bedeutet eigenwilliges und freilich oftmals sehr notwendiges Verharren in irgendwelchen oberen Zwischenschichten.