Das Hinabschwingen in die Tiefen des eigenen Blutes, das Eingehen in die Atempausen, das Versinken in Tiefschlaf, das Schweigen und innere Verstummen, aus dem ein Werk aufwächst, die Tiefe der Inbrunst, aus der die Liebe sich fortgesetzt erneuert … es ist immer dieselbe Tiefe der schöpferischen Pause. Diese schöpferische Pause schien bisher unter allen diesen Benennungen gerade im Dunkel des Unbewußten zu sein. Was ist dunkler als Blut, als inbrünstige Liebe! Es schien dies alles als Gnade, als Gottesgabe, als das, was alle Religionen letzten Endes verehren; die dunkle schaffende Kraft hinter aller lichtbewegten Gestaltung. Spüren, ahnen, glauben waren die Worte, die diesen Abgrund des Unbewußten umkreisten.

Doch all dies Unbewußte kann Gewißheit werden. Unsere Worte: Wissen, Bewußtsein, reichen lange nicht mehr weit genug, diesen Zustand des Gewißwerdens zu bezeichnen. Sie sind schwach und geringfügig geworden infolge des verengten und gestrafften Lebens der nördlichen Menschen. Die Menschen haben den Mut zur Gewißheit des Wissens verloren, weil sie allzu lange gezählt und gemessen, zerbohrt und zerteilt und zergliedert, geprüft und gezweifelt haben, wo doch eigentlich alles zu Tage tritt, unzerlegbar und ganz mit der strahlenden Gewißheit des Einmalig-Lebendigen. Das Wissen bekam so etwas Lauerndes. Den Dingen ihre Geheimnisse ablauschen, eindringen in ihre Zusammenhänge, das war das Streben der Menschen, die sich die Wissenden nannten und als Hüter des wissenschaftlichen Gutes galten. Sie wollten überwältigen, sie wollten herrschen über das, was sie mit ihrem Wissen durchschauten. Dies Herrschgelüste war ja der Grund, weswegen das Wissen Marktware wurde, ein Gegenstand, der für Geld zu kaufen ist und Geld einbringt.

Die entscheidende Wendung, auf die ja jetzt alle Einzelnen wie alle Völker so inbrünstig warten, kann erst geschehen, wenn Wissen wieder den umfänglichen Sinn von Weisheit in sich schließen wird. Wissen, Bewußtwerden, Weisheit, ist der Weg, der zu dem wissenden Abbau des eigenen Lebens und also zum bewußten Tode führt.

Hier ist die Aufgabe des Erziehers, das ganze junge Leben durch die Übermittlung des Wissens dem Tod entgegen zu entspannen. Es gilt die jungen Menschen die Fähigkeit zu lehren, daß sie nicht nur aus einem dunklen Drang in ihre schöpferische Ruhelage hinabzuschwingen vermögen, sondern hell und klar wissen, was sie damit tun und zu welchem Ende es führt. Leben lernen war der eine Blick, unter den alle bisherigen Gedankenführungen fielen. Sterben lernen ist der zweite Blick, unter den diese Gedankenführungen fallen. Der Bildung zum Leben steht die Erziehung zum Tode gegenüber. Und dies zweite macht die schwierigere Hälfte der Führungskunst aus.

Zunächst einmal dies zweite gehört untrennbar zum ersten. Wie der Schatten zum Licht, wie das Tal zum Gebirge. Die Erziehung zum Tode darf also niemals aufgespart werden. Sie muß immer zugleich da sein mit der Bildung zum Leben. Alles was bisher gesagt wurde, wäre für sich allein Lüge ohne die nunmehr folgende Ergänzung. Aber auch umgekehrt: der schließende Teil dieser Gedankenfolge hat für sich selbst keinen Sinn, sondern nur im Zusammenhang mit dem Vorhergegangenen. Es ist nicht so, als könnte der junge Mensch zunächst einmal leben lernen gewissermaßen im Treibhaus seiner jugendlichen Kraft und Schönheit. Dieser Fehlgedanke liegt sehr nahe. Die Jugend, die jetzt jung ist, hängt sehr fest im Leben. Mehr noch als sonst eine Jugend. Die großen Sterbezeiten führen da, wo sie zu Ende zu gehen scheinen, diese Erscheinung notwendig mit sich. Wie viele sind sinnlos leicht gestorben, ohne zu wissen, was das Leben wert ist. Nun ist es, als ob das Leben selbst sich empört hätte, als es sein Gut überall leichtsinnig und unerkannt verschüttet sah. Zeit der Stauung kommt. Aufbäumung des Lebens gegen den Tod. Stolze, schöne, eigenwillige Menschen überall, die aber nicht mehr die Beugekraft der Hingabe besitzen, Vereinsamte, die nicht mehr lieben können. Das sind die Übriggebliebenen, Brüder von denen, die so jung und zu leicht und viel zu unwissend gestorben sind.

Das hingebende Wissen, d. h. der wissende Abbau zum Tode ist das, was ihnen allen not tut. Nur das Wissen, das Verbindungen schlägt, das Zusammenhänge schafft, also das Ich des Menschen in die Dinge hinein erweitert und auflöst, hat den großen entspannenden Wert. Was als Wissen in den Schulen übermittelt wird, bewirkt das Gegenteil. Es macht gerade zu Besitzenden, die rund und geschwollen von den Wissensstoffen werden, daß sie ihr eigenes kleines Leben ängstlich festhalten und niemals das große Leben durch sich hindurchfluten lassen. Unter sich zusammenhanglos werden die einzelnen Wissenschaften gelehrt und auch mit den Lernenden nicht in Zusammenhang gebracht. Man rechnet hier ziemlich leichtsinnig auf die Selbsttätigkeit der jungen Menschen, während man sie ja sonst auf allen Gebieten, wo sie wirklich selbsttätig sein können, gängelt. Man beschränkt sich darauf, in den jungen Köpfen Wissen von ganz verschiedener Art und Gestalt zu häufen: Geschichte, Physik, Botanik, fremde Sprachen. Fragt man ein Schulkind, was es eigentlich gelernt hat, so ist die Antwort: in Physik haben wir jetzt gerade das Gay-Lussacsche Gesetz gehabt, in Geschichte haben wir das Zeitalter des Perikles gehabt, in Latein haben wir den accusativ cum infinitiv durchgenommen. Wenn das Kind fleißig ist, kann es das alles auch hersagen.

Hier ist dann eigentlich überhaupt kaum mehr zu den Zusammenhängen durchzudringen. Das Kind würde höchst erstaunt sein, wenn man es durch Fragen dahin lenken würde, die Verbindung zwischen einem physikalischen und einem grammatischen Gesetz etwa von selbst aufzusuchen. Physik ist ihm eben Physik, und Latein ist ihm Latein. Für jedes Fach muß er besonders lernen, mehr oder weniger, je nach seiner Begabung. Aber es ist unmöglich zu verlangen, daß es von selbst dazu kommt, die Wissenszweige als miteinander verbundene menschliche Kulturgüter zu begreifen und also den Punkt zu finden, wo das alles in ihm selbst verwurzelt ist. Und doch kommt es nur darauf an.

Diese ganze in den Schulen sich so ernsthaft gebärdende Methode, Wissenschaft zu häufen und zuvor erst noch in kleinste Teile zu zerpflücken, züchtet recht eigentlich ein Verharren in kindischem Wesen, einen Zustand, für den das Fachwort Infantilismus sehr zutreffend ist. Die für den Kindergarten und die Spielschule der jüngeren Kinder sehr richtige Methode, spielend Stoff zu häufen, wird ausgerechnet an den Stoffen geübt, die einzig und allein eine spielende Behandlung sehr schwer vertragen, ja ausschließen, an den Wissensstoffen. Alle künstlerische und handwerkliche Tätigkeit kann ohne Schaden für die Sache spielend von dem kleinsten Kind versucht und spielend geübt werden, weil das Wesen dieser Dinge Spiel ist. Aber ein philosophisch oder gelehrt spielendes Kind wirkt widersinnig, ja grauenhaft und frivol. Deshalb sind lernende Schulkinder, die eigentlich spielen müßten und nun spielend das Wissen zerhacken, ein so erschütternder Anblick. Denn das wahre Wissen ist todernst und der Gegenpol zu jedem Spiel, nämlich ausdruckslos tief. Wissen ist kein Kinderspiel. Die zu früh aufgelegte Wissenslast läßt die Menschen nicht wachsen, läßt sie vielmehr zwergenhaft verkümmern. Die abgemüdeten und augenschwachen Gesichter und die gebeugten Rücken und dünnen Hälse heutiger Schulkinder sind Beweis genug.

Jugend ist stark. Sie würde vielleicht sogar diesen Widersinn überstehen, wenn nun wenigstens zur Zeit der Geschlechtsreife eine Umstellung erfolgen würde. Aber hier geschieht das entscheidend Verderbliche. Das Wissen wird auch von da an weiter spielerisch kindisch in den einzelnen Fächern zerpflückt. Man läßt die jungen Menschen die Wissensstoffe weiterhin zusammenhanglos in sich aufhäufen. Und so wird erreicht, daß die jungen Menschen in ihrer stärksten schöpferischen Zeit kindisch und interesselos herplappern, was ihnen eigentlich die erlösende Brücke in die umgebende Welt sein müßte. Das stärkste Mittel, aus der Enge des eigenen Selbst sich zu entspannen, das wissende Begreifen, wird zu nutzlosem Spiel verschwendet.