Hier gibt es nur eins: entschlossener Widerstand, Bruch mit der bisherigen Art der Erziehung. Nicht aus Mißachtung der Wissenschaft, sondern gerade aus dem tiefen Glauben an den Erlösungswert des wahren Wissens. Der Führer zum Leben muß die Erlebnisse des jungen Menschen, welche die erste Entspannung durch Wissen herbeiführen werden, von Anfang an genau beobachten. Er muß sie in sich selbst mit erleben und in Reihe bringen. Es handelt sich hier um das In-reihe-bringen der nachdenklichen, der tiefen Stunden im Leben des Kindes. Alle Kinder haben von klein auf solche Stunden, öfter oder seltener, je nach der Anlage. Die Kinder mit großer Lebenskraft haben solche Stunden selten, aber meist sehr intensiv, die mit geringerer Kraft öfter, aber mit weniger Nachdruck. Es sind dies die Stunden, wo das Wissen vom Tode sich zum ersten Mal ankündigt. Der Erzieher kann es fast mit den Augen sehen, wie das Kind in solcher Stunde durch die Nebelschutzhülle des Selbst aus sich herausgreift: tastend, fragend: Was ist das? Warum das?

Hier ist der Ort, wo die Frage, die erste echte notwendige Frage entsteht. Diese echte Frage kommt aus dem Grunde des Selbst und darf nicht verwechselt werden mit den spielerischen Frageformeln der gewöhnlichen kindlichen Rede. Unter tausend Fragen kommt vielleicht eine einzige aus dem Grunde, alle anderen hängen wie schillernde Blasen an der Oberfläche. Alle diese oberflächlichen Fragen verlangen auch nur spielende Beantwortung. Viel zu ernst nehmen viele Eltern und Erzieher solche Fragen des Kindes. Das Kind fragt ja meist nur, um sich bemerklich zu machen, will damit sagen: ich bin auch noch da. Und dies kann ihm der Erzieher natürlich auch auf andere Weise bestätigen als durch eine wohldurchdachte Antwort. Menschen, die pedantisch an einem viel zu engen Wahrheitsbegriff festhalten, fühlen ihr Gewissen sich regen, wenn sie auf eine Frage nicht gleich wahrheitsgemäß antworten. Es sind dieselben, die Märchen unwahr schelten, die Lüge und Geheimnis verwechseln, die lachenden Ernst nicht kennen. Die meisten Fragen wollen nur gehört, nicht beantwortet werden.

Ganz selten einmal kommt aber doch unter den hundert anderen die eine echte Frage auf und die gilt es dann festzuhalten. Wo jede Frage des Kindes gleichmäßig sorgfältige Behandlung findet, ist es unmöglich, Unterschiede in der Bewertung der Fragen zu machen. Man erklärt und antwortet dann einfach immerfort und betont die Antwort auf die wesentliche Frage gar nicht stärker als die Antwort auf die anderen Fragen.

Wahllosigkeit in der Beantwortung frühester Kinderfragen ist in der Tat sehr viel schuld an der allgemeinen Gleichmacherei heutiger Zeit. Unterscheidungsvermögen, Bewertung, Urteil kann den Kindern nur anerzogen werden, wenn sie schon sehr früh aufmerksam werden auf die Schichten verschiedener Tiefe in ihnen selbst, aus denen ihre Fragen kommen. Und das kann eben wieder nur geschehen durch eine verschieden betonte Beachtung ihrer Fragen. Die Bewertung der Fragen muß also sehr verschieden sein. Die obersten Schichten der Fragen kommen unmittelbar selbsttätig hervor unter dem mehr oder weniger leichten Druck der alltäglichen Freuden und Leiden des Lebens. Diese Fragen bezeugen zugleich die durchschnittlich sehr hohe Anteilnahme jedes Kindes an der Außenwelt. Fragt es, so will es damit sagen, dies Ding macht mir Spaß, oder das tut mir weh.

Die oberste Schicht der Fragen stammt noch aus der Zeit, wo das Kind vollständig in den dunklen Besitzwünschen seiner vorgeburtlichen Zeit befangen war. Den allerersten, besitznehmenden, hinzeigenden Gebärden des Kindes entsprechen seine ersten Worte: da … da. Es will damit zeigen, was es haben will. Zunächst gibt es da keine Frage, alles ist fraglos gewiß. Auch die Fragenschicht bei dem etwas älteren Kinde hat noch nahezu den gleichen, hinweisenden Gewißheitswert. Aber es mischt sich doch bereits das erste, leise Erstaunen mit hinein und verwandelt so das einfach hinweisende Da in das Was ist da. Das heißt, der andere soll doch auch hinsehen, was da so Seltsames ist. Das Staunen entsteht also aus einer, wenn auch noch so leisen Stauung des bis dahin allumfassend gewesenen Besitzwunsches und findet damit zugleich die erste Form der Mit-Teilung in dem fragenden Tonfall. Diese erste Stauung, Formprägung, Mitteilung ist für die Geschichte der Menschen von so gewaltiger Bedeutung wie in der Erdgeschichte die erste leichte Krustenbildung über der feurigen Kugel. Diese erste Kräuselung bedeutet Anfang und Bedingung für jedes selbständige Einzelleben. Die staunende Regung in der Frage des Kindes muß also vor allen Dingen durch die Antwort befriedigt werden. Nicht Erklärung, sondern Mit-Staunen, Mit-Freude, Mit-Leiden sind die beste Antwort. Nur Eltern und Erzieher, für die die Dinge selbst noch höchst staunenswert sind, können allerdings von innen her die Fähigkeit aufbringen, sich mitzufreuen restlos und vorbehaltlos, weil auch für sie das Leben in seinem Kern unerklärlich geblieben ist. Wo ein Mensch sein Leben schon so zersetzt hat, daß er sich nicht mehr staunend in überströmender Freude einer einzelnen Erscheinung oder auch einem großen zusammenhängenden Geschehen hinzugeben vermag, ist er als Erzieher nicht mehr geeignet. Dies ist vielmehr der Prüfstein aller erzieherischen Fähigkeiten. Nur dieses Vermögen zur unbedingten Freude an den Dingen ermöglicht es, die Fragen des Kindes nach ihrer Schwere zu sondern, die leichten spielend leicht dem Kind wieder zurückzuwerfen und nur die wenigen schweren zu behalten.

Wie sind solche schwerwiegenden Fragen nun eigentlich beschaffen, bei welchen Gelegenheiten kommen sie heraus? Solche Fragen tauchen auf, immer da, wo das Kind in seine Ruhelage hinabschwingt, wo es nach erregtem Spiel tiefatmend sich niedersetzt, am Abend eines sonnedurchglühten Tages, in den Reifezeiten des Jahres und vor allem zu Zeiten, in denen das Kind seinem Beschützer in kindlicher Inbrunst zugetan ist. In diesen Zeiten muß der Führer ganz offen sein. In solcher Ruhezeit sieht das Kind dann vielleicht zum ersten Mal ein Tier, eine Katze oder einen Sperling wirklich als ein Wesen außer ihm, fern von ihm, nicht mehr als das selbstverständliche Besitztum kindlichen Machtwillens. Es ahnt zum ersten Mal: fern von mir ganz unbeteiligt und unbekümmert um mich geht dies alles da draußen seinen Weg durchs Leben. Und es flüchtet sich die dunkle, die echte Frage aus dem Innern des Kindes hilfeflehend an seinen Beschützer: Was geschieht da so fern von mir? Hier geschieht in dem Kind selbst etwas unsagbar Schmerzhaftes, etwas wie eine zweite Geburt. Der Abgrund des Getrenntseins reißt sich auf. Dem Erzieher bleibt nur übrig, dem Kinde auf solche ernsthaft fragende Regung hin zu bestätigen: Ja, dieses Tier, dieser Vogel ist ganz und gar außerhalb deines Bereiches. Und wenn du dich auch noch so sehr anspannst, du hast keine Macht darüber. Ja, auch wenn du diesen Wesen etwas antun willst, wenn du sie quälst oder tötest, tust du ihnen nur Unrecht an. Und du vermagst doch niemals, sie zu besitzen. Höchstens sterben sie dir, und ihr Leben zerrinnt dir dann unter den Fingern. Kindliche Grausamkeit hat hier, wo die echte, die dunkle Frage auftaucht, ihren Ursprung und kann darum niemals durch Verbot und Ermahnung bekämpft werden, sondern nur aus dem Wissen heraus, wie schwer es ist, diesen Abgrund des Getrenntseins zwischen sich selbst und den Dingen zu begreifen und anzuerkennen. Grausamkeit ist ja nur das Nichtbegreifen, das Sichwehren gegen diese Wahrheit. Es ist die Rache des Unwissenden, der sich an dem schuldlosen Gegenstand vergreift, zu der Zeit, wo er merkt, daß er doch nicht allmächtig ist.

Aus der Tiefe seines Wissens heraus muß der Erzieher in solchem Augenblick und später bei ähnlichen Gelegenheiten immer wieder dem Kinde das fremde Leben ringsum begreiflich machen.

Von Ehrfurcht war schon die Rede als von dem trennenden Wall zwischen den Menschen, der die Liebe zueinander hemmt und doch zugleich anwachsen läßt. Ehrfurcht in noch umfassenderem Sinn ist das verbindende Medium zwischen den Menschen und allen Dingen. Wenn die Erfahrung, daß die Dinge fern und fremd sind, dem Kinde nicht mehr verschleiert ist, wird sich an einem schöpferischen Tage der Besitztrieb stauen. Und wenn der Damm, der da entsteht, liebewärts aufgestaut war, so wird nun damit in dem nachdenkenden Kinde das wirkliche, das ehrfürchtige Wissen von den Dingen anwachsen.

Es gibt daraufhin vorbereitende Arbeit. Der Erzieher wird das Gedächtnis des Kindes üben, indem er ihm die Dinge, nach denen es erstaunt fragt, benennt. Benennung ist nicht Erklärung, soll zunächst einmal nur die Fülle, die fremd vor dem Kinde da liegt, zerteilen, gliedern, unterscheiden lassen. Nicht näher soll ihm das alles durch die Benennung gebracht werden. Es soll die Dinge an ihrem Namen nur behalten und aufreihen lernen, wie es ihm beliebt. Durch die Namengebung wird eigentlich den Wesen und Dingen ringsum Ehrfurcht bezeugt. Menschen im Zustand von Begierde kommen noch nicht zu eingehender Namengebung. Namen gibt man erst den Dingen, an denen man Freude hat und vor denen man sich fürchtet. So kann im Kindesalter Ehrfurcht hauptsächlich durch Namengebung vermittelt werden. Darum ist es so besonders wichtig, daß dem Kinde auch wirklich nur die Dinge, nach denen es fragt und die ihm verwunderlich erscheinen, benannt werden. Wo ein Kind mechanisch lernt, ohne vorher von seinen staunenden Sinnen zu der Frage geführt zu sein, wird die Ehrfurcht vor dem Ding dadurch von vornherein untergraben. Es lernt viel zu viele Dinge benennen und erklären, ehe es sie überhaupt gesehen hat. Es wird »blasiert«.