Das ist fast niemals wieder gut zu machen. Wenn es nämlich später einmal das Ding in Wirklichkeit sieht, dessen Namen ihm schon bekannt ist, ist seine staunende Regung abgestumpft. »Ach, das weiß ich schon, das kenne ich schon« sagt es, kommt also gar nicht zur Frage von innen heraus. Der vorher gewußte Name hindert zu der Wirklichkeit und zu der Freude daran zu kommen. Und dies leiert sich dann so weiter. Die heutige wissenschaftliche Bildung tut ja – wenige Ausnahmen abgerechnet – die gleiche beschreibende, also gewissermaßen vorbereitende Arbeit, ohne doch jemals zu dem eigentlichen Zweck der Wissenschaft durchzustoßen. Es wird fieberhaft an dem »Rüstzeug« für das Wissen gearbeitet. Aber das Rüstzeug wendet man nur immer wieder an, um neues Rüstzeug damit herzustellen. Der Hochmut der »wissenschaftlich Gebildeten« ist der zurückgebliebene Stolz, die »Blasiertheit« der Kinder, die viel »wissen«, das heißt viel Namen gelernt haben und dabei das Fragen gründlich verlernt haben. Und das alles geschieht, weil an der entscheidenden Stelle die Erziehung versagte.
Zur Zeit der Geschlechtsreife wächst der Wissenstrieb mit einem gewaltigen Schuß aus der Tiefe des Menschen. Das einzige Begehren der jungen Menschen ist zu dieser Zeit: das Dunkel über ihre Geschlechtlichkeit aufzuhellen, zu wissen, was mit ihnen vorgeht. Darüber wurde schon gesprochen. Es muß noch einmal aufgegriffen werden, soweit es sich hier um den Trieb zu wissen handelt.
Der junge Mensch fühlt an seiner Geschlechtlichkeit sein Bewußtsein überhaupt erst erwachen. Alles in ihm wandelt sich. Er muß darüber staunen. Es wächst an, erfüllt ihn ganz und gar und wird nun in ihm zu der brennenden Frage: Was ist das? Und daraufhin erhält er dann entweder eine Antwort, die der heute geltenden Wirklichkeit vielleicht gemäß sein mag, aber nicht der Wahrheit auf den Grund geht. Er wird in »beschreibendem« Sinne geschlechtlich aufgeklärt. Er erfährt, wie das alles ist, keineswegs aber warum das so ist. Die Folge davon ist, daß er dann bald aufhört, zu fragen, weil ihm eben alles fraglos wird. Oder er erhält keine Antwort darauf, sondern muß seine gewöhnliche Lernarbeit weitertun. Also ein viel zu schnelles und lediglich beschreibendes Wissen oder gar kein Wissen überlichtet oder verdunkelt sofort das eben erwachende Bewußtsein. Was wird daraus? Eitle, blasierte, rücksichtslose Menschen, denen gar nichts mehr geschehen kann, für die das Leben eine ganz selbstverständliche Rechenaufgabe wird, auf der einen Seite. Finstere oder geduckte Menschen, die allen anderen und sich selbst mißtrauen, auf der anderen Seite.
Hier hat der Führer zum Leben seine letzte Aufgabe, aus der geschlechtlichen Frage über alle Vorbereitungen und Beschreibungen hinweg zu der Tiefe des wahren Wissens zu führen. Dabei muß ihm unablässig gegenwärtig bleiben, daß alle Fragen in dieser Zeit aus dem Dämmern der geschlechtlichen Kräfte entstehen. Davon war schon eingehend die Rede. Er muß ihnen Räume öffnen, die sie selbst dann mit ihrer eigenen Fragekraft überspannen können. Das Kind hat vorher gelernt, die Dinge ringsum zu benennen und aufzureihen und in diesem untergeordneten Sinn zu wissen. Jetzt aber prallt die Frage: was ist das, wirkungslos ab an der Härte der geschlechtlichen Problematik. Beschreibende Aufklärung kann hier nicht mehr genügen, weil ja zum ersten Mal der Gegenstand der Frage sich nicht mehr außerhalb befindet, sondern in dem fragenden Selbst, in seiner eigenen Tiefe steckt. Helfen kann ihm jetzt nur Begründung, Entwicklung, Einsicht in die Zusammenhänge. Mit jenem tiefen Bezug auf den Fragenden selbst heißt die Frage jetzt einzig und allein: warum.
Zwei große Zusammenhangsreihen werden sich von nun an dem in einem neuen Sinn Fragenden auftun. Die erste Fragereihe geht auf örtliche, auf gleichzeitige Zusammenhänge, verbindet alles Gestaltete im Raum unter einander und mit dem Schauenden selbst. Antwort auf die Frage wird hier immer mehr oder weniger gleichnishaft bleiben. Erkenntnis der Ähnlichkeit der Dinge in Gestalt und Lage, Erkenntnis der Verwandtschaft in Stoff und Trieb und Richtung wird das bunte Durcheinander ordnen und auferbauen, bis es licht und klar und einfach erscheint. Hier kann die Naturwissenschaft, wenn sie sich über die nur benennende, beschreibende Vorform erhoben hat, als Formenlehre in einem umfassenden Sinn Aufschluß geben.
Die Verwandtschaft der Formen in der Erscheinung der Dinge wird aber dem Fragenden nicht genügen. Fragt er weiter, so stößt er auf die zweite Reihe, auf die zeitlichen Zusammenhänge der Dinge. Das Schaubare, Gestaltete ist ja nicht nur räumlich verbunden, ist nicht nur einander ähnlich und verwandt in seiner Erscheinung. Es gibt auch unsichtbare Zusammenhänge in die Tiefe der Zeit hinein. Zusammenhänge, in denen gewissermaßen ein Verbindungsstück zu fehlen scheint. Entwicklung, Geburt und Wiedergeburt, die Ursächlichkeit der Dinge wird hier Problem. Die Antwort gibt sich hier nicht in gleichnishafter Form sondern in Form des Schlusses. In den Geisteswissenschaften, den Kulturwissenschaften, in der Geschichte können hauptsächlich solche zeitlichen Zusammenhänge vermittelt, solche ursächlichen Probleme gestellt werden.
Die räumlichen Erscheinungsformen der Dinge können nur durch das Mittel des Vergleichens verbunden werden. Die zeitlichen Entwicklungsformen der Dinge können nur durch das Mittel der Schlußfolgerung verbunden werden. Überlieferung von Wissenschaft hat nur so weit Sinn, wie die Dinge entweder in vergleichendem oder folgerndem Sinn untereinander verbunden werden. Alles andere bleibt kindische Stoffhäufung, Vorbereitung auf Wissenschaft, nicht aber Wissenschaft selbst.
Aber beide Möglichkeiten, Verbindungen zu schaffen in die Weite des Raumes und in die Tiefe der Zeit, werden lebendig nur bei der vollkommenen Hingabe und Ehrfurcht des Wissenden. Denn die bloße Fähigkeit, jene Verbindungen zu schaffen, genügt an sich noch nicht. Inbrünstige Hingabe muß die Spannkraft von dem Wissenden selbst zu den Dingen erst gewaltig anwachsen lassen.
Wenn aber ein junger Mensch zur Zeit seiner Reife diese Spannkraft der Hingabe, die er ja dann im höchsten Maße besitzt, ganz und gar in eine Wissenschaft einströmen läßt, sich selbst zum ersten Mal abbaut, sich auflöst, sich ganz und gar vergißt und vergießt in das Schauen jener großen zeitlichen oder räumlichen Zusammenhänge, so hat dies erste wissende Schauen hohen Erlösungswert. Es ist das Eingehen in die schöpferische Ruhelage des klaren Bewußtseins.
An dieser Stelle ist wie stets der Herd der Gefahr.