»Tödlich kann lehre sein dem der nicht fasset«. So steht es in einer Tafel vom »Stern des Bundes« geschrieben. Und nicht nur da. Von überall her bricht es in breitem Strom in das eng gewordene Bett europäischer Wissensbehandlung. Nicht mehr darf jeder in dem seicht und träge fließenden Fluß ungestraft und eigenmächtig seinen Vorteil fischen. Schon schwillt der Strom, wird wieder tief und reißend und grundlos. Wissen wird gefahrvoll, ja todbringend für jeden, der zu früh oder aus irgendwelchen eigensüchtigen Gründen sich hineinwagt.

Und wie es wieder Hüter vor dem Liebesgarten gibt, wird es auch Hüter an diesem Strom geben. Ritter in blanker Rüstung, einsame, unbestechliche, riesenhafte Gestalten, Männer, die schweigend alles tun und alles lassen können, die mit der wissenden Gewalt ihres Wesens ihre Lehrlinge nach langem eigenen Suchen das Wissen in sich selbst finden lassen, die gütig einen jeden nach seiner Stärke und seinem Bemühen, aber immer nur soweit sein Umkreis reicht, ins Wissen steigen lassen, die herb und streng jeden Unbereiten fortschicken.

Männer, die niemals greisenhaft und grämlich werden, die nach ihrem erfüllten Leben, wie hier und da die alten Überlieferungen berichten, den Blicken der Mitlebenden entrückt werden, indem sie wissend und ganz leuchtend geworden ihr eigenes Leben restlos verzehrt haben.

Diese sind die wahrhaft Wissenden, die Hüter des tiefen Stromes, die nicht mehr absichtlich und für alle sichtbar in Erscheinung treten und sich nicht mehr in Werken und Taten bis ans Ende ausdrücken. Es sind die Entschwindenden, die wissend sich auflösen und mitten im Leben schon mit dem Tode beginnen.

Schon sind sie vielleicht in ihren Gebärden wieder den gänzlich Unwissenden ähnlich geworden, einfach und unauffällig, aber doch von einem inneren Licht strahlend.

Es sind Menschen, an die man glaubt, glauben muß, weil sie in ihrem ganzen Wesen die schöpferische Ruhe begehrenswert schön verkörpern, ohne daß etwas Außerordentliches an ihnen und durch sie zu geschehen brauchte. Nur daß man weiß: sie sind, läßt still werden und ganz stark zu eigenem Leben und Leiden, zu eigenem Können und Wissen.

Nicht daß das Leben beschwerlich sei und verdienstlich, sondern vielmehr leicht und schön, voller Leid und Freude, aber immer von einer gleitenden Einfachheit, geht wie ein Duft von ihnen aus.

So daß alle, die in Berührung damit kommen, aufatmen und plötzlich in sich spüren: es ist ja nicht schlimm. Wir schwimmen ja ganz von selbst im Meer des Lebens. Überall ist alles. Nirgendwo ist nichts. Lassen wir uns fallen, lassen wir uns gleiten in dies Überall und Nirgend. Von außen so schwer es schien, ist ja gar kein Widerstand da. Innen war es, da hat es sich gestaut. Und nun? Eine einzige lösende Gebärde, vielleicht nur ein mit leichtem Nachdruck hochgehobener Arm genügt schon, wieder hineinzugleiten in die allgemeine Bewegung.

In ihnen wird offenbar, was jeder in jedem Augenblick dunkel in sich ahnt: die unaufhörliche Wiedergeburt mit jedem tiefen Atemzug, mit jedem neuen Morgen, mit jeder erwachenden Jahreszeit, mit jedem neuen Lebensalter, mit jedem reifenden Werk, mit jeder inbrünstigen Liebesregung, mit jeder schöpferischen Gewißheit.