„Jaja,“ sagte Tante Lotte nachdenklich, „der Aufsatz, eine Geißel der Menschheit.“ — „Na, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration läuft auch der schwerste Aufsatz“, sagte Onkel Franz. „Setz’ dich nur mal dran, Hans.“
Hans setzte sich von Freitag nachmittag 4 Uhr bis 8 Uhr daran: „Der Krieg, eine Geißel der Menschheit — Der Krieg, eine Geißel der Menschheit — Der Krieg, eine Geißel der Menschheit — Der Krieg, eine Geißel der — Mutter, weißt du keinen schönen Satz?“ — „Einen schönen Satz über den gräßlichen Krieg, Hans?“ — „Er meint einen stilistisch schönen Satz“, sagte Tante Lotte. Und dann klopften Mutter und Tante an Onkels Zimmer: „Onkel, der Bub braucht einen schönen Satz.“ — „Ach was, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration —“ — „Schuß? Er braucht halt ein wenig Vorschuß, der arme Bub’ — wenn ich denke: von heut auf morgen eine ganze Geißel —“
Das war um 6¼. Um ½7 wälzte Onkel Franz das zwölfte Buch. „Einen schönen Satz?“ murmelte er. „Schreib mal diesen Satz auf Seite 63, Junge.“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen eines Krieges leuchten wie ungeheure Fanale des Leidens durch die Geschichte.“ — „Kannst ihn mal der Tante zeigen, Junge.“
Hans zeigte ihn der Tante. Sie kam sofort herüber: „Ein schöner Satz, Onkel Franz, ein wirklich wunderschöner Satz.“ — „Na, nicht so schlimm, mit ’m bißchen Grips und ’n Schuß Inspiration — und nun machst du einfach in dem Stile weiter, Junge.“
Hans machte bis um 7 weiter, ohne mit dem zweiten Satz fertig zu werden. „Onkel Franz, bitte noch einen schönen Satz.“ — „Jetzt kann dir mal die Tante helfen, Junge.“ — „Tante, bitte, noch einen schönen Satz.“ Tante Lotte blätterte schon seit einer Viertelstunde in ihren alten Albums. „Schreib mal das da“, sagte sie errötend. Und folgsam schrieb Hans in sein Konzeptheft: „Der rosenfingrige Eros kämpft siegreich gegen dräuende Wolken, morgenrotes Blut fließt in Strömen: Krieg überall.“ — „Kannst ihn mal der Mutter zeigen, Junge“, sagte Tante Lotte.
Hans zeigte ihn der Mutter. Gleich kam sie aus der Küche. „Ein wundervoller Satz, Tante Lotte“, sagte sie. — „Jetzt einen Satz von dir, Mutter“, bat Hans. — „Aber Hans, ich mach’ das Abendessen fertig, ich kann keine schönen Sätze kochen.“ — „Aber Mutter, irgendeinen Satz wirst du doch —“ Da schlug die Mutter im Kochbuch nach: „Den vielleicht, Hans?“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die durch den Krieg hervorgerufene Knappheit zwingt auch die kriegsfeindliche Hausfrau zur Beschneidung der lukullischen Bedürfnisse ihrer Familie.“ Tante Lotte meinte zwar, der Satz sei ein wenig nüchtern. „Bis auf ‚lukullisch‘“, sagte Onkel Franz.
Dann kam Vater an die Reihe, der vom Geschäft heimkam. Er machte eine Miene, als diktiere er dem Buchhalter: „Im Besitze Ihres sehr geehrten...“ Aber dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und sagte auf und ab gehend:
„Schreib mal, Junge: ‚Die möglichen Kriegsfolgen lassen es rätlich erscheinen, die Konjunktur in Rechnung zu stellen und vorher zu eskomptieren.‘“
Darauf fiel dem Onkel Franz wieder ein Satz ein. Dann wieder Tante Lotte und der Mutter, so daß Hans noch mehrere Male reihum schöne Sätze ins Konzeptbuch schreiben konnte. Und eine Stunde nach dem Abendessen war es Onkel Franz gelungen, aus einem großen Kriegsbuch vom letzten Siebziger Krieg noch einen kunstvoll aufgebauten Schluß herauszuklauben. Worauf sich Hans schlafen legte. Nicht ohne daß er es noch durch die Tür sagen hörte: „Der arme Bub’: von einem Tage auf den andern solchen schweren Aufsatz...“ Damit schlief er befriedigt ein.