Aber im Traum ging’s ihm nicht gut. Er war im Himmel, mitten in einer Volksversammlung. Petrus saß am Pult und sagte: „So, und jetzt erzähl’ mal einer nach dem andern, was er im Krieg erlebt hat.“ Einer trat vor: „Mir ist mein Sohn gefallen...“ Es war ein erschütternder Bericht in einfachen Worten. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Ich bin gefallen in der Sommeschlacht ...“ Stoßweise, wie das Volk spricht, erzählte er die Schrecken seiner Schlacht. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Was ich mir ein Leben lang ersparte, hat der Krieg verbrannt...“ Mit einer fernen Stimme erzählte er den Russeneinfall seines Dorfes. Noch viele rief der Petrus auf. Sie standen auf und sprachen schlicht und setzten sich. Und jedesmal ging dem Hans ein Rieseln übers Rückgrat. Das ging vom dritten Wirbel in der Wirbelsäule aus. Dort sitzt die Wahrhaftigkeit.

„Hans, was hast du im Kriege erlebt?“ — „Einen — einen Aufsatz“, stotterte Hans. — „Lies mal!“ Und Hans schlug sein Konzeptheft auf und las: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale...“ Und er trommelte alle schönen Sätze herunter. Und hinter dem schönen Schlußsatz dachte er stolz: „Was sagen Sie nun, Herr Petrus?“

„Paß mal auf, Hans“, sagte Petrus und schob einen Vorhang auf die Seite. Der Krieg ward sichtbar. Er war aus Marmor. Schrecklich war er anzuschauen in seiner unbändigen Wild- und Nacktheit. „Gib mal dein Konzeptheft, Hans.“ Einzeln riß Petrus die Blätter heraus und steckte sie mit Nadeln an die Statue. Dort verwandelten sie sich in ein Kleid. Und es war aus lauter bunten, zerrissenen Lumpen zusammengesetzt. Unsäglich erbärmlich hing das alles unter dem entsetzlich erhabenen Gesicht des Krieges herab. Und Hans wurde rot im Traum und schämte sich und wachte auf. Schon war es hell.

Er schaute auf die Uhr. 4 Uhr morgens. Schnell in die Kleider. Noch schneller an den Arbeitstisch. Her mit dem Heft. Heraus mit den Aufsatzseiten. Eine neue Seite angefangen. Ha, wie die Feder flog. Nicht einen Augenblick brauchte sie sich zu besinnen. Sie schrieb die Volksversammlung von heute nacht, ohne Aufputz, schlicht, in kurzen Sätzen, stoßweise, wie das Volk spricht...

Als Hans an diesem Morgen in die Schule ging, kam der Balthasar gerannt: „Du, Hans, ich habe keinen Aufsatz, laß mich deinen abschreiben!“

„Aber Balthasar, das geht doch nicht.“

„Du bist ein netter Kamerad, na, warte, ich werd’ mir’s merken.“

Hans wurde heiß. Schon öffnete er den Ranzen, schon griff er nach dem Heft, auf einmal schoß es ihm warm vom dritten Rückgratswirbel, dem Sitze der Wahrhaftigkeit, über das Gesicht.

„Nein, Balthasar“, sagte er fest. Aber da hatte der Balthasar roh hineingegriffen und war davongerannt. Eine Handvoll Blätter schwang er lachend in der Luft. Laut las er unterm Laufen: „Der Krieg, eine Geißel der Menschheit. Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale —“

„Aber Balthasar, das sind ja — das ist ja —!“