„So, inwiefern denn!?“ sage ich beinahe beleidigt.
„Ja, seinen Bleistift habe er zertreten, sagt er — dann habe er ihm einmal beinah eine ’neingehauen — und auf dem Schulweg passe er ihm auf, der — der gemeine Kerl!?“ fügte er vergnügt mit der Stimme seines Söhnchens bei. Und dann ernster: „Wenn Sie überhaupt jetzt in unsere Familie hineinsehen könnten, so hörten Sie nur: Der Miller hat — der Miller ist — der Miller wird — mit einem Wort, wir sind vermillert auf und ab.“
Wir lachten beide. Und beide stellten wir an diesem Abend lachend fest, daß die Krankheit unserer Söhnchen durchaus nicht auf die Schule beschränkt sei. Daß auch das Leben von uns Alten dicht durchsetzt von Spohrern und von Millern sei.
„Jaja, Herr Spohrer,“ bekannte ich auf dem Heimweg, „solang die Welt steht, wird sie auch verspohrert —“
„— Und vermillert sein,“ fiel er rasch ein, „es gehören immer zwei zu einer — einer stillen Liebe.“
Glück
Als ich ein Bub war, ein verstaubter Stadtbub, kriegte Vater einen Brief. Er schaute lange auf die Unterschrift: „Der ist von einem alten Schulkameraden,“ sagte er, „der Glück gehabt hat — Herr im Himmel, was hat der Glück gehabt — jetzt ist er Staatsrat und hat einen Parkbesitz da draußen vor der Stadt.“ Dann erst las er den Brief. Es war eine Einladung auf den nächsten Sonntag.
Aber da gerade hatte Vater Dienst. Und Mutter hatte kein Ausgehkleid, das halbwegs staatsratswürdig war. „Und ich?“ sagte ich glitzernd. Da sahen sie an mir herab: Ja, mein Anzug wäre noch fast neu, und was das Benehmen anbeträfe — „eben brav sein und bescheiden, wie du’s in der Schule sein mußt — nicht etwa kriechend — wir sind auch was, wenn wir auch kein Staatsrat sind — du hast da einmal einen Klassenkameraden mitgebracht — Mathias, glaub’ ich — der trägt den Kopf aufrecht, weiß was er will und läßt sich gar nicht extra imponieren — an dem nimm dir ein Beispiel.“
Das war nicht alles. Der Lehren waren noch ein Dutzend mehr. Aber nur diese behielt ich. Denn wie ich in den Park des Staatsrats eintrat, war auch der Mathias eingeladen. Er stelzte auf mich zu und sagte knapp: „Bin hier fast jeden Sonntag — der Staatsrat ist mein Onkel — komm.“