Röse stand in militärischer Haltung und ließ die Mißhandlung ruhig über sich ergehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Das aber reizte Borgert noch mehr und so schlug er ihn noch einmal mit der Faust vor die Brust. Dann nahm er den angefangenen Brief vom Tisch, zerknitterte ihn und warf ihn in den Kohlenkasten.
»Geh hinaus zu Herrn Oberleutnant Leimann und sage, ich bäte ihn, in einer halben Stunde einmal bei mir vorzukommen.«
»Zu Befehl, Herr Oberleutnant.«
Borgert ging zurück nach seinem Schlafgemach, kleidete sich fertig an und betrat das Nebenzimmer.
Aber da stand ja schon der Kaffee! Ganz kalt schon! Also war Röse doch schon vorher im Zimmer gewesen? Nun, eine kleine Tracht Prügel schadete nichts, sie erhielt die Disziplin und den Respekt, wenn sie auch einmal zur unrechten Zeit kam. Denn sollte er Röse etwa jetzt um Verzeihung bitten? Das fehlte gerade noch.
Auf dem Schreibtisch lagen einige Briefe. Es waren drei Rechnungen und ein Brief seines Vaters.
Er öffnete ihn und las:
»Mein lieber Sohn!
Mit Bedauern habe ich aus deinem letzten Briefe ersehen, daß du wiederum größere Ausgaben hattest, die dich in Verlegenheit bringen, weil du nicht damit gerechnet hast. So gern ich dir das erbetene Geld schicken würde, ich kann es beim besten Willen nicht, denn du weißt, wie sehr ich selbst rechnen muß. Wenn dir mit 75 Mark etwas geholfen ist, so stehen sie dir zur Verfügung, wenngleich ich sie deiner Mutter zur Anschaffung eines Kleides versprochen hatte, welches sie schon lange nötig hat. Aber ich muß dir offen gestehen, daß es mir unverständlich ist, wie du mit den zweihundert Mark Zulage nicht auskommen kannst. Ich hatte in deinem Alter auch nicht mehr und habe jedes Jahr eine schöne Reise gemacht. Ich gebe dir den wohlgemeinten Rat, dich von deinen Kameraden etwas zurückzuziehen, damit deine Ausgaben geringer werden, beschäftige dich fleißig zu Hause und meide jede Gelegenheit, die dich zu Ausgaben verpflichtet, denen du nicht gewachsen bist. Wenn du offen erklärst, daß dir dieses und jenes zu kostspielig ist, so wird dich jedermann umso höher achten, wenn er sieht, daß du mit deinen Verhältnissen rechnest und nicht leichtsinnig in den Tag hinein lebst. Denn vornehm leben heißt in seinen Verhältnissen bleiben.
Schreibe mir bald, wie du die Angelegenheit geregelt hast und ob ich dir die angebotene Summe schicken soll. In der Hoffnung, daß dir keine Unannehmlichkeiten erwachsen, bin ich dein alter Vater.«
Als Borgert diese Zeilen gelesen, zerknitterte er das Papier und steckte es mit den ungeöffneten drei anderen Briefen in den Ofen. Dann ließ er sich mit einem Seufzer in einen Sessel nieder und blickte sinnend vor sich hin.
Da trat der Bursche ein und meldete Leimann.