Wenn er es nun auch so machte?

Je mehr in Borgert der Gedanke an eine heimliche Flucht Gestalt gewann, um so vortrefflicher schien ihm dieser Ausweg.

Unter neuen Menschen, in einem anderen Lande konnte er ein neues Leben beginnen, und wie lange würde es dauern, bis man ihn vergessen hatte! In einem Jahre nannte man seinen Namen vielleicht nur noch als den eines Mannes, der auch einmal existiert habe, im Übrigen würde sich niemand mehr um ihn kümmern.

Er war so sehr in seine Gedanken versunken, daß er es nicht mehr bemerkte, als die Tür aufging und Frau Leimann eintrat.

Sie sah blaß und ernst aus, das sonst so jugendlich schöne Gesicht schien gealtert, und die Augen zeigten einen bangen Ausdruck.

Borgert erhob sich nicht, sondern nickte nur, ohne ein Wort zu sagen, kaum merklich mit dem Kopfe. Dabei streifte sein Blick die Gestalt der Frau.

Sie schien ihm heute nicht begehrenswert, ganz anders sah sie aus wie sonst. Ihre Bewegungen schienen ihm schlaff und formlos, die Reize fand er nicht, an denen er sich so oft gesättigt. Das Haar war wirr und flüchtig geordnet, hinter den weichen Falten des lässig übergestreiften Morgenrockes verrieten sich nicht die vollen Formen, die Rundung der Glieder, die gesunde Fülle eines jugendlichen Weibes. Alt und verlebt kam ihm die ganze Erscheinung vor.

War es früher nur ein rein sinnliches Empfinden gewesen, das ihm die Frau so schön, so begehrenswert erscheinen ließ? Und war es heute die geistige und nervöse Abspannung, die jene Regung tötete, sodaß er die Reize des Weibes nicht zu erkennen vermochte?

Er wußte es nicht, zwei Eindrücke standen einander gegenüber: Die Frau, wie sie jetzt vor ihm stand, und das herrliche Weib, das er vor wenigen Tagen mit gelöstem Haar, mit nackten Armen und Schultern geschaut und geküßt.

Sie hatte sich neben ihn auf den Divan gesetzt und seine Hand ergriffen. Ihre Augen schauten bang in das Gesicht des Mannes, der so teilnahmslos, so gleichgiltig vor ihr lag.