»Dann kämen wir also wieder auf die Ehe zurück!«

»Gewiß, aber auf eine Ehe, die wir jeden Tag selbständig lösen dürfen.

Wir Menschen tun gut, uns in allem an die Natur zu halten, an ihr künsteln und bessern zu wollen, hat meist den entgegengesetzten Erfolg. Ein Tier tritt auch nicht vor den Altar oder den Standesbeamten, wenn es sich mit einem anderen paaren will. Sind sie von einander gesättigt, läuft das eine wieder nach Süden, das andere nach Norden.«

»Wir sind aber doch mehr wie Tiere!« lachte Frau Leimann.

»Dafür haben wir auch die Liebe, ein Tier kennt nur Triebe!«

Frau Leimann schwieg. Ein so ernstes Gespräch hatte sie lange nicht geführt und es machte ihr fast Mühe, dem Gedankengang zu folgen. Schien ihr auch mancher Punkt noch anfechtbar, im Grunde war es doch richtig mit dieser freien Liebe, und sie bedauerte beinahe, daß man in der Kultur noch nicht so weit gekommen sei. Das wäre eher nach ihrem Geschmack gewesen, als die Ehe mit so einem langweiligen, häßlichen Mann, wie ihr Gatte war, mit so unendlich vielen schlechten Eigenschaften. Sie besaß auch genügend Feingefühl, um mit dem schlauen Verstand einer Frau zu empfinden, wo hinaus Borgert mit Entwickelung dieser seiner Ansichten wollte. Sie warf daher ihr erhitztes Köpfchen auf, blinzelte verschmitzt den Apostel der freien Liebe von der Seite an und fragte mit erheuchelter Unbefangenheit:

»Nun, sagen Sie, wenn eine Frau schon verheiratet ist, also bereits durch eine Gesetzesehe gebunden, und kommt nun nachträglich zur Einsicht, daß die freie Liebe besser ist? Was dann?«

»Dann mag sie ihrer Einsicht folgen, nur darf sie es nicht so offenkundig vor aller Augen tun, da sie es eben nach den vorläufig noch bestehenden Grundsätzen über eheliche Treue nicht darf. Sie muß es machen wie die Pariserin.«

»Dann wird es aber Zeit, daß ich mich nach einem solchen heimlichen Romeo umsehe, denn mein Gesetzlicher wird mir allmählich unheimlich!« rief Frau Leimann belustigt.