»Das finde ich allerdings nicht schön, man braucht sich ja nur einmal unsere Damenkaffees zu betrachten.«

»Die Wahl der Frau in der freien Liebe ist an keine Gesellschaftsklasse gebunden, weil dann die Frau dem Manne eben nicht dazu dient, sich äußere Vorteile in Stellung oder pekuniärer Beziehung zu schaffen oder um mit ihr Staat zu machen, sondern nur für die Liebe, also für das engere Leben in Haus und Familie.«

»Aber die Ehe ist doch eigentlich nur die Form für ein Naturgesetz, daß nämlich das Menschengeschlecht erhalten wird.«

»Stimmt, aber dieses Naturgesetz wird weit besser durch die freie Liebe als durch die Ehe gefördert. Nehmen Sie eine Ehe, in welcher die wirkliche Liebe der Gatten zu einander geschwunden ist, oder sie sich vielleicht sogar überdrüssig sind. Scheiden lassen wollen sie sich nicht, aber Kinder werden doch in die Welt gesetzt, eins nach dem anderen. Diese aber sind keine Kinder der Liebe, und ihre Erziehung, Charakter- und Gemütsbildung muß doch darunter leiden, wenn sie keine inneren Beziehungen, keine Herzens- und Seelenverwandschaft der Eltern empfinden, denn dahinter kommt ein Kind sehr bald. Aber auch die Kinderzahl würde sich in der freien Liebe verringern, denn ein Mann, der seine Frau wirklich lieb hat, macht keine Maschine aus ihr, und glauben Sie nicht, daß zum Glück einer Ehe schon zwei Kinder genügen? Jedes weitere bringt nur Last und Sorge. Wenn aber, besonders in niederen Volksklassen, die Kinderzahl abnimmt, ist auch gleichzeitig eines jener Grundübel beseitigt, die den Sozialismus fördern.«

»Nun nehmen Sie aber eine Ehe, die fünf Kindern das Leben gibt und setzen Sie statt der Ehe die freie Liebe: Der Mann wählt jedes Jahr eine andere Frau, das lassen Sie zwanzig Jahre so fortgehen und es gibt unter normalen Umständen zwanzig Kinder statt fünf. Was soll aus ihnen werden? Der Mann kann doch nicht jedesmal in sein neues Liebesverhältnis die jährlich wachsende Kinderzahl mitbringen und sie alle großziehen!«

»Betreffs der Kinder der freien Liebe könnte es ja ein Gesetz geben, welches dem Vater dieselben Verpflichtungen auferlegt, wie sie für außereheliche Kinder bestehen. Dann würde er sich schon einzurichten wissen, wenn er zu regelmäßigen, seinem Einkommen entsprechenden Geldopfern gezwungen wäre.«

»Und wenn der zweiten Frau nicht paßt, daß er das Kind des ersten Verhältnisses mitbringt?«

»Dann könnte man Erziehungshäuser in großem Styl errichten. Schon unter den jetzigen Verhältnissen wäre es oft gut, wenn ein Kind nicht bei den Eltern aufwüchse, die nicht harmonieren, und so dem jugendlichen Gemüt Eindrücke zu teil werden, die ihm nicht von Nutzen sind.

Indeß nennt man ja Kinder das Unterpfand der Liebe, sie würden das einmal eingegangene Verhältnis erhalten helfen.«