»Jetzt haben wir die Geschichte! Dazu haben wir sie eingeladen, daß sie uns etwas vorlügt und an der Nase herumführt, und dann ihre tollen Geschichten weitertreibt! Habe ich nicht gleich gesagt, wir wollen es bleiben lassen? Aber du hast darauf bestanden, sie einzuladen. Hättest du auf mich gehört, bliebe es mir jetzt erspart, dieses Frauenzimmer vor die Tür zu setzen.«
»Um Gotteswillen, Max, das kannst du doch nicht, stecke den Brief ins Feuer!«
»Fällt mir gar nicht ein,« brauste Weil auf, »ich werfe sie zum Hause hinaus! Oder meinst du, ich hätte hier ein Absteigequartier für verdorbene Weiber? Sie kann sehen, wo sie unterkommt, ich danke gehorsamst für die Ehre, sie weiter als Gast zu behandeln. Und der Brief kommt nicht ins Feuer, sondern dahin, wohin er gehört, zum Ehrenrat!«
Weil ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, die Hände in den Taschen vergrabend. Sein finsterer Blick verriet Empörung und Entschlossenheit.
»Wenn ich Dir raten soll,« begann die Gattin zaghaft, »dann stecke den Brief in den Ofen und schweige die Geschichte tot. In zwei Tagen geht sie ja doch fort und dann ist so wie so alles zu Ende. Nur laß die Finger aus der Geschichte, denn du bekommst nur die tollsten Unannehmlichkeiten! Und dann denke doch an den armen Major!«
»Ich tue, was ich gesagt habe, dabei bleibt es, derartige Sachen verstehst du nicht zu beurteilen! Ich lasse mir nicht gefallen, daß diese Person ihre Wirtschaft mit dem Lumpen, diesem Kolberg, aus meinem Hause heraus fortsetzt. Soviel Anstandsgefühl muß sie sich noch gerettet haben, diese Geschichten jetzt bleiben zu lassen, solange sie bei anständigen Leuten zu Gaste ist. Eine Gemeinheit ist das, eine Schweinerei sondergleichen!«
Frau Weil gab es auf, noch weiter auf ihren Gatten einzureden, denn sie kannte seinen Zorn und seine Unerbittlichkeit, wenn er sich etwas vorgenommen hatte. Sie zog die Stirn in Falten und blickte sinnend in das rote Licht des Kamins, dessen flackerndes Feuer zitternde Schatten auf den Teppich warf.
»Es ist angerichtet!« meldete das Dienstmädchen.
»Sagen Sie, Minna, wo haben Sie den Brief gefunden?« redete der Oberleutnant sie an.
»Er lag auf dem Korridor unter dem Kleiderständer, er muß wohl jemand aus der Tasche gefallen sein.«