Da unten aber staute sich der ganze Menschenstrom zu undurchdringlicher Mauer. Der Dicke sah sich nach Zeidler um, neben dem er sich doch bis jetzt so treu gehalten hatte.
Der aber war fort. Von dem Langbein war überhaupt nichts mehr zu sehen, und hinweg über die Gneisenau Straße konnte man auch nicht. Unwirsch stand der Junge endlich still. Er sah gerade noch die letzten Fahnenspitzen hinter dem lebendigen Wall all der Menschen da verschwinden.
Er versuchte schließlich, wieder bis zur Bordschwelle vorzudringen. Erst wollte es ihm gar nicht gelingen, dann aber konnte er sogar auf die andere Seite der Straße gelangen, wo eben noch Kavallerie den Kasernen zuzog. Glück mußte der Mensch eben haben: die fremden Militärs in glänzenden Uniformen, Dragoner, noch einmal Ulanen, von denen aber – der Dicke achtete jetzt scharf darauf – kein einziger mehr »mit dem Einsatz rausgekommen war,« sogar die Artillerie, alles zog an seinem freude- und farbentrunkenen Auge vorüber, unter dem Staunen und dem Jubel der Zuschauer, bis sich endlich die bunte Flut verlor und die letzten Klänge der Musik in der Ferne verhallten.
Da erst dachte der Dicke wieder an die Mitschüler, die mit ihm am frühen Vormittag die Penne verlassen hatten. Wie spät mochte es jetzt wohl –? Ach, da drüben war ja eine Uhr! Was? Schon ein halb eins? Das konnte doch wohl kaum möglich sein! Aber schadete alles nichts! Schön war es doch gewesen!
Er fühlte jetzt auch den Hunger. Sein Frühstück? Ach, das hatte er noch in der Mappe! Bei Zeidler! Aber – nein – die konnte vorläufig da bleiben! Er war zu müde jetzt! Hundemüde sogar! Vom Stehen, vom Sehen, von der Fülle der Eindrücke. Nein, solch Paradetag! Ja, der Kaiser, der wußte, wie es einem Jungen zumute war! »Hurra! Ach so, ja!« – – –
Die Menschenmassen hatten sich gelöst; alles flutete dem Halleschen Tore zu. Sogar die Elektrischen durften schon wieder durch. Dicht standen die Leute da an der Haltestelle. Na, wo denn nun lang?
Endlich kam der Dicke zu Hause an.
»Junge,« fragte die Mama da, »Junge, wo hast du dich denn rumgewälzt? Und das Gesicht!« – Sie schlug dabei die Hände vor Staunen über dem Kopf zusammen.
»Ich? Rumgewälzt? Gar nicht, Mama! Wir waren bloß alle zur Parade! Aber, Mama! Es war wirklich großartig! Na, die Woche fing gut an! So könnte es meinetwegen weitergehen!« – – –