Nun laufen dem armen Jungen aber wirklich die hellen Tränen über die Backen. »Nein, Herr Doktor,« sagt er mit zitternder Stimme, »ich kann doch nicht mitkommen. Ich wußte nicht, daß – daß – dieses Geld – das Geld –« Jetzt schluchzt der Ernst Ehrenfried so herzzerbrechend, daß ihn der Doktor Fuchs schnell in das Sprechzimmer zieht, das in der Flucht der Klassen in der Mitte des Flures liegt.

»Na, also, Ernst, nun beruhige dich erst mal! Die ganze Sache ist doch nicht zum Weinen!«

»Doch! Ich habe das Geld schon verbraucht. Ich wußte nicht, daß – daß – Sie es gebracht hatten!«

»Du hast das Geld schon verbraucht?« – Es klingt beinahe aus dem Tonfall heraus, als ob Doktor Fuchs etwas enttäuscht wäre.

Das scheint der Ernst Ehrenfried auch zu fühlen. Er glaubt, jetzt muß er den Doktor Fuchs schleunigst aufklären, damit dieser nicht noch schlechter von ihm denkt. So trocknet er hastig seine Tränen: »Darf ich einmal alles schnell erzählen, Herr Doktor?«

»Nun, Ernst, ich bin überzeugt, daß du die paar Pfennige zu einem guten Zweck ausgegeben hast!«

»Herr Doktor, meine Verwandten sind sehr arm; das kleine Marthchen brauchte schon lange ein Kleid. Da habe ich für das Geld den Stoff zu diesem Kleide gekauft. Meine Tante wollte mir ja das Geld für Sie wiedergeben; aber das wollte ich nicht. Ich werde heute zu meinem Vormund gehen und Ihnen morgen das Geld bringen.« –

Der Ernst ist ganz erschöpft. Er hat diese Worte hervorgestoßen, atemlos, vor Aufregung zitternd. Aber Doktor Fuchs sieht jetzt in den Seelenadel seines Primus hinein, der auf ein Vergnügen verzichtet, um den armen Verwandten ihre Liebe zu vergelten. Er ist selber gerührt und muß einen kleinen Augenblick warten, um diese Rührung nicht aufkommen zu lassen. Dann aber legt er die Hand dem armen Jungen auf die Schulter und sagt: »Mein lieber Ernst! Du hast so gehandelt, wie man es nicht anders von dir erwarten kann. Gott erhalte dir diesen reinen und dankbaren Sinn! Dein Onkel und deine Tante sind einfache und schlichte, aber edeldenkende Menschen. Sie haben deine Dankbarkeit verdient!«

Das hat nun der Ernst nicht erwartet. Er weiß nicht, was er sagen soll. Er fühlt nur, wie ihm eine Blutwelle über die andere über das Gesicht jagt. Und doch ist ihm jetzt so wohl, daß er dieses schwere, schwere Geständnis vom Herzen hat. Da setzt auch Doktor Fuchs den Hebel ein, und er trifft den richtigen Ton: »Nun, Ernst, mußt du mir aber auch eine Freude machen und doch mitkommen. Und da wir beide ja nun ganz offen miteinander stehen, so machen wir beide auch keine Umstände mehr miteinander.«

Damit zieht Doktor Fuchs das Portemonnaie.