Ein Teehaus in der Foochow-Road.
Die Foochow-Road.
Sobald sich die Dämmerung über Shanghai senkt, wird die Foochow Road von einem Zauberstab berührt. Der Zauberer ist ein böses weibliches Wesen; es heisst Vergnügungs- und Genussucht. Wenn die aus dem Herzen der chinesischen Lebewelt verbannt werden könnte, so gäbe es eben keine Foochow Road. Der Zauber teilt sich den Menschen mit, und diese zwingen die Elektrizität in bunte Glaslampen zum frohen Farbenspiel. Trotz des ununterbrochenen Lärmens und Schreiens, mit dem sich die Menschenmenge durch den Strassenschlund zwängt, liegt darin Feierliches und Würdevolles. Das wird vor Allem durch die einheitliche Kleidung, den behäbig schlendernden Gang und das anmutige Spiel des Fächers bedingt. Nach des Tages Last und Hitze streift der Schanghaier Lebemann seine Alltagskleidung ab und wirft sich in ein leichtes, crêmefarbiges Gewand und presst das mit Pomade gesteifte Haar nach rechts und links zu einem Scheitel; er trägt in der Regel hellfarbige westländische Schuhe und weisse Strümpfe, die mit äusserlich sichtbaren Gummibändern straff gehalten werden. Das ist die Schanghaier Herrenmode im Sommer. Wer aus dem Norden des Reiches kommt, kann ihr nur schwer widerstehen; denn der „Wind des Südens“, der auf den harten Nordmann bald von verderblichem Einfluss wird, dass er sich wie „frühe Sommergarben im Winde beugt“, macht sich nicht allein in dem Unterwerfen unter die Schanghaier Weltanschauung des äusserlichen Scheins und des ausschöpfenden Geniessens (was man am Besten mit „Schanghaiismus“ bezeichnen könnte) geltend, sondern auch auf dem Gebiet der Mode. Nur ganz charakterfeste Nordleute vermögen ihre völkische Eigenart inmitten des Schanghaier Völkergewimmels aufrecht zu erhalten. Zur Ehre der Schantung- und Kiangpei-Leute, die ob ihrer besondern Zuverlässigkeit auf vorgeschobenen Posten als Schutzleute für die Sicherheit der Niederlassung Sorge tragen, sei es gesagt, dass sie bisher dem „Schanghaiismus“ mannhaft Stand gehalten haben. Sie sind die Einzigen unter der chinesischen Schutzmannschaft, die ihren Zopf zur Schau tragen; dass die konservative Beharrung durchaus mit einer kernfesten, das Zersetzende der Republik erkennenden Auffassung der Dinge in Einklang steht, erfährt, wer sich mit ihnen in eine Unterhaltung einlässt. Gar zu bald schleift sich aber bei weniger standhaften Nordchinesen die breite, harte und doch so wohlklingende Sprache zu Gunsten des wischwaschigen Schanghaier Dialekts ab, und auch das dunkelblaue, grobleinene Gewand, das vielleicht die Mutter dem nach Süden ziehenden Sohn liebevoll mit eignen Händen gewebt hat, wird bald mit dem verweichlichenden Schanghaier Gewand vertauscht. Bei den Schanghaiern mehr wesensverwandten Mittel- und Südchinesen geht der Wechsel noch rascher vor sich. Daraus erklärt sich das einheitliche Strassenbild in der Foochow Road, obwohl unter der Menge, die täglich am Abend durch die Strasse wandert, Vertreter aller Provinzen des Reiches sind. Ein erlauschtes Wort und ein Blick ins Gesicht lässt aber stets mit ziemlicher Sicherheit erkennen, welcher Heimatprovinz der also vom „Schanghaiismus“ Besiegte angehört. Da drängt sich der vornehme Tschekianger, auf dessen edel geschnittenem Gesicht und in zwei weichen Augen ein Abglanz jener schwelgerischen Zeiten zu liegen scheint, als die alte Sungdynastie in Hangtschou herrschte; da fächelt sich selbstzufrieden der Musik und Sang liebende Hunaner; da schreitet der wetterfeste, von Nordsturm und Sonne gebräunte Schantunger; ihm folgt der melodisch gesprächige Ost-Tschihlier und der behagliche Pekinger. Und im Gegensatz zu diesen steht der Kantoner; er steht über allen diesen Gruppen. In seinem pergamentgelben Gesicht treten starke Backenknochen hervor, wodurch die Augen umso stärker zurückgedrückt erscheinen. In den Augen liegt der ganze Charakter; dort sprüht und flackert es von zielbewusstem Vorwärtsstreben, aber auch von Ermattung nach einem fruchtlosen Kampf; die Schnelle der Augenbewegungen wird von einer abgehackt, nervös klingenden Sprache unterstützt; eine Gestalt voll Leben und Unruhe. Wenn ein Mittelchinese diese Zeilen zu schreiben hätte, so würde er die Menge ganz anders charakterisiert haben, denn fast jeder Provinzler, Städter und Dörfler in China hat einen „Spitznamen“. Er würde zum Beispiel so gesagt haben: „Sehen Sie, dort geht eine Ningpoer „Wasserschüssel“, dort eine Tsimoer „Süsskartoffel“, dort steht eine Südschantunger „Wassermelone“, in der Sänfte sitzt ein Hangtschouer „Eisenkopf“, hier ist ein Anhuier „Maultier“, im Rickscha fährt ein Schansier „Rauhbein“, und dort drüben an der Ecke stehen eine Tientsiner „Schnauze“ und ein Pekinger „Aal“. Und wenn wieder ein Nordchinese seine Charakteristik abgeben sollte, dann würde er die „Schanghaiisten“ mit dem Sammelnamen „Nanmandse“ (Süd-Barbaren) abfertigen; als Antwort würde ihm aber von dem Schanghaier entgegenschallen: „Du kulturloser Nordmann.“ Doch genug von dem Partikularismus, der sich gerade jetzt, nach der „Zurückziehung der Mandschus von den Staatsgeschäften“, so verderblich für eine zielbewusste Politik gezeigt hat.
Gestossen und geschoben kommen wir allmählich in dem Gewühl vorwärts. Der Weg vom deutschen Postamt bis zur Stelle, wo der Szemalu von der Kiang-nan Road gekreuzt wird, kann man noch ziemlich ungestört gehen. Was jenen Teil der Strasse auszeichnet, sind die chinesischen Drogerien und die Ateliers der Zahnkünstler. Beide erfreuen sich, trotz der Abendstunden, eines lebhaften Zuspruchs; denn in ihnen liegt die Quelle des innern und äussern Wohlergehens für den Chinesen. Innerlich, weil in den Drogerien westländische und japanische Allerweltsheilmittel verkauft werden, die angeblich ebenso sicher bei nervösem Asthma wie bei schmerzenden Hühneraugen wirken, wodurch also die Erfüllung des Lebenswunsches eines jeden Chinesen nach „schou“ (langes Leben) gewährleistet wird; äusserlich, weil in den Zahnateliers gleissend goldene Zähne verfertigt werden, die, den zernagten angeschmolzen, eine prahlerische Zahnreihe schaffen, die das stets geübte Lächeln vergolden, wodurch vor Allem zum Ausdruck kommen soll, dass der Besitzer zur Schau getragener Goldzähne wirtschaftlich in der Lage ist, sich ein solches Vergnügen zu leisten. Das hat den Vorteil, dass der Kredit gestärkt wird, und mancher Gläubiger, auch die des weiblichen Geschlechts, die von den verführerischen Zahnreihen bezaubert wurden, raufen sich oft die Haare, weil sie so dumm waren und um eines vergoldeten Zahns willen so weitherzig Kredit gegeben hatten. In der Foochow Road dem Vergnügen nachzugehen, ist für den mit den Verhältnissen nicht vertrauten chinesischen Lebemann nicht immer leicht. Wer aus den tiefsten Quellen geniessen will, dem muss ein kreditfähiger Name, der durch die Einführung eines bekannten Freundes erworben werden kann, vorausgehen. Der Provinzler, der ohne die nötige Einführung durch die Foochow Road bummelt, schöpft nur von der Oberfläche. Man findet ihn deshalb fast nur in den Teehäusern mit und ohne Gesang, die auch für den Einheimischen billige Stätten der Unterhaltung und des Vergnügens sind. In dem Teehaus ohne Musik trinkt man Tee, knappert Melonenkerne und versucht, möglichst einen Platz auf den langen, nach der Strasse liegenden Veranden zu ergattern, wo man in das bunte Strassengewühl blicken kann. Die männliche jeunesse dorée schätzt diese Art Teehäuser nicht besonders, weil ihre Gegenwart nicht von sangesfrohen Damen verschönt wird. Dafür gibt es aber Stätten, wo ebenso wie aus der Teekanne das heisse Getränk, Mädchengesang ohne Unterlass aus den Kehlen quillt. Betritt ein Gast den zu dem ersten Stockwerk des Teehauses führenden Treppenaufgang, so stösst ein Bedienster einen kurzen Zuruf aus, der oben, aus mehreren Kehlen klingend, seinen Widerhall findet. Für die Aufwärter ist der Zuruf ein Zeichen, dass sich ein Gast naht. Ist man inzwischen die Treppe emporgeklommen, so wird man von der Aufwärterschar empfangen, die sich bemüht, jeder für seine Abteilung, den Gast unterzubringen; zugleich wird aber durch den Zuruf die Aufmerksamkeit der anwesenden Gäste nach dem Treppenfirst gelenkt, die in infolgedessen Gelegenheit haben, den Ankömmling zu mustern und, wenn es ein Freund ist, ihn zu begrüssen. Es ist eine geräumige Halle, die wir betreten. Die vier Wände sind völlig mit Wandrollen, die sinnige Inschriften tragen, geschmückt. Geschenke, die dem Unternehmer vor einigen Jahren oder Jahrzehnten aus Anlass der Geschäftseröffnung von Freunden überreicht wurden. An einer Reihe viereckiger, braun gebeizter Tische, deren Flächen mit Marmorplatten eingelegt sind, sitzen die Gäste; andere machen es sich auf den an bessere Opiumhöhlen erinnernden Bänken, auf denen sie mit angezogenen Beinen ruhen, bequem. An der hintern Wand befindet sich die Bühne mit rot und gold bemaltem, verschnörkelten Schnitzwerk. Auf der Bühne steht ein langer Tisch, um den fünf Sängerinnen sitzen. Sie lösen sich gegenseitig im Singen ab. Eine klassische Melodie steht auf dem Programm; ein Gesang aus dem Theaterstück „Yang-gia-dsiang“, das das Schicksal eines hohen verdienten Staatsbeamten aus der Sungzeit schildert, dem ein Aufstand Macht und Ansehen raubte und der, verlassen von Allen, den Hungertod stirbt. Die Seelenkämpfe des qualvoll Endenden behandelte ein Lied, an das sich der Klagegesang eines Trauernden schloss. Für Begleitmusik sorgte die Hauskapelle, die aus Trommel, Zimbel, Fiedel und Flöte bestand. Derweilen der gedämpfte Sterbegesang der Kehle einer Sängerin entquoll, lag ein kremefarbig gekleideter, langbeiniger Flegel auf der Bank, guckte mit dem Kopf nach der Decke, und spuckte die nicht essbaren Ueberreste von Melonenkernen in weitem Bogen durch die Luft. Die Sängerinnen wechselten häufig. Sie waren nicht prunkvoll gekleidet, sondern trugen schlichte Leinenkleider. Ihre tägliche Einnahme ist äusserst gering; für ein Lied erhalten sie etwa zwanzig Zent Singhonorar. Jeden Abend treten sie nach einander in vier bis fünf Teehäusern auf; das macht im Monat kaum dreissig Dollar. Es ist klar, dass die Mädchen auf Nebenverdienst angewiesen sind; noch klarer ist, dass dieser nicht in Stricken und Häkeln besteht.
Besser ist es um die Klasse der Sängerinnen bestellt, von denen wir eine Vertreterin auf Bestellung hören sollten. So glatt auch Alles am Nachmittag schon eingeleitet war: als die Ausführung kommen sollte, stiessen wir auf Schwierigkeiten. Wir besuchten eine Reihe der ersten Restaurants, um ein kleines Zimmer zu erhalten; aber sie waren besetzt. Es blieb nichts weiter übrig, als ein zweitklassiges Restaurant zu wählen. Arglos füllten wir einen Zettel aus, der den Namen des Restaurants trug, und baten unsere Sängerin, die zu den besten und bekanntesten Schanghais zählt, uns mit dem bestellten Gesang zu erfreuen. Dem Ruf wich aber unsere Freundin vorläufig aus und schickte zur nähern Auskundschaftung ihre Dienerin, die sich scheinbar etwas bestürzt in unserm spiessbürgerlich mittelstandsmässig eingerichteten Speisezimmer umsah, einige entschuldigende Worte sprach und verschwand. Unterdessen wurde ein kleiner Imbiss aufgetragen; es gab Huhn in Scheiben mit würziger Tunke, geschmorte Krabben und kleine, in brauner Tunke schwimmende Fische; 1898er Wein aus Schauhsing würzte den Imbiss. Es schmeckte, aber der verdauende Gesang fehlte immer noch. Eine zweite Dienerin kam, sprach und ging. Wir wurden ungeduldig. Gerade als ein zweiter Zettel abgeschickt werden sollte, erschien unsere Freundin, liess sich, wie üblich auf der Seite des Gastgebers nieder und sang. Aber leider nicht die von uns gewünschte Parodie, sondern das Original, das berühmte Lied von den „Fünf Nachtwachen“, das kurz nach der Revolution mit zu den volkstümlichsten Schlagern gehört. Es ist in der Begeisterung entstanden, die damals in gewissen Kreisen herrschte, als es hiess, ein „nördliches Expeditionskorps“ der Revolutionäre rüste sich zum Vormarsch gegen Peking, und es ist den Eroberern zum Geleit gedichtet und in Marschmusik gesetzt worden. Das Lied ist von dem in chinesischen Kreisen rühmlichst bekannten Liederdichter Lin Butsing verfasst worden und zuerst in der Liedersammlung „Hsiaoyehhun“ erschienen. Die nicht in Reim und Rhythmus gezwängte Uebersetzung des Liedes, wie es uns die Sängerin am jenem Abend vortrug, lautet:
Der erste Schlag ertönt.