Das krafterfüllte Volksheer
Ajo, ajo!
ernennt einen starken Präsidenten,
der furchtlos und treu
die alte Ordnung vernichtet.
Sein Name wird ewig genannt.
Ajo, ajo!
Es ist eine Melodie, die jedes ausländische Ohr erfreuen würde; es haftet ihr aber in Takt und Rhythmus etwas Unchinesisches an, doch ist es wohl gerade die Eigenart, die dem Ausländer gefällt. Wenn man den Text einigermassen beherrscht und die Melodie dazu singen hört, kann man sich sogar für das Lied begeistern; so lebendig und rhythmisch ist der Gesang, dass man den Marschschritt der Soldaten zu vernehmen glaubt und sich mitten in dem Kampf wähnt. Unsere Freundin, die ein dünngewebtes, gazeeartiges Kleid trug und aus deren Haar eine stark duftende Jasminblüte einen erfrischenden Duft verbreitete, blieb nach dem Gesang noch eine Weile plaudernd bei uns. Und dann klärte sich auch auf, weshalb sie zu kommen gezögert hatte. Einfach deshalb, weil zwischen ihrem Ruf als erstklassiger Sängerin und dem zweitklassigen Restaurant, das wir, der Not gehorchend, wählen mussten, eine schier unüberbrückbare Kluft bestehe. Wir mussten ihr Recht geben. Unser Verhältnis wurde aber dadurch nicht getrübt. Sie lud uns freundlich ein, sie in einer Stunde in ihrer Wohnung zu besuchen. Der kleine Zwischenfall gab zu denken, und er hat bewiesen, dass man chinesisches Wesen nicht immer aus chinesischen Verhältnissen heraus erklären muss, sondern dass auch in Einzelfällen westländisches Taktgefühl als Massstab geübt werden kann. Denn wer würde es wagen, eine grosse Künstlerin zum „Strammen Hund“ in Berlin zu bitten, die Unnahbare, die nur auf Dressel und höher abgestimmt ist?
Bis zum Besuch der Sängerin hatten wir noch eine gute Stunde, die mit dem Besuch des in dem westlichen Teil der Fuchou Road gelegenen Theater Tanguidi itai ausgefüllt wurde. Seine innere Einrichtung ist völlig europäisch. Ein reicher elektrischer Lichtglanz bestrahlt die vielhundertköpfige Zuschauermenge, die, gleichfarbig gekleidet, gar würdevoll und peinlich sauber ausschaut. Es wird ein leichter Schwank: „Der geheilte Spieler“ gegeben; der Dialog ist überaus gewandt und witzig, und er hält die Zuschauer fortwährend in Spannung. Der Held und seine Frau, die sich bald zärtlich anschäkern, bald erregte Auftritte haben, sprechen Schanghaier Dialekt, während der Schwiegervater und die Schwiegermutter in schönem Norddialekt dazwischen poltern. Der Schwiegervater ist eine köstliche Figur, die jetzt noch dem wirklichen Leben entnommen werden kann, in einigen Jahrzehnten vielleicht der Vergangenheit angehört und sich in Theaterstücken und Romanen nur noch künstlich als behäbiger Biedermeier erhält. Der Westländer, der dem Schwank zu folgen vermag, wird anregend unterhalten, und er verlässt das Theater fast mit demselben Genuss wie eine europäische Aufführung.
Nun noch rasch einen Blick in das japanische Panoptikum; an den Wänden stehen Kästen mit Drehkurbeln. Für einen Zent sieht darin der Chinese anschauliche, bewegliche Bilder, wie sie in der Wirklichkeit zu schauen auch dem reichsten Chinesen verschlossen bleiben. Jeder Kasten trägt eine chinesische Aufschrift, die kitzelnd andeutet, was darin zu sehen ist. Aufschriften wie: „Amerikanerinnen Zigaretten rauchend“, „Amerikanerinnen im Bade“, „Amerikanerinnen beim Schlafengehen“ bedürfen keines weitern Kommentars. Im Interesse des Ansehens der Westländer ist eine solche Schaustellung höchlich bedauernswert, und die Foochow Road würde wirklich keiner Eigentümlichkeit beraubt werden, wenn von massgebender Seite eine Schliessung dieses Lokals erfolgen würde.