Neben den Ausfällen gegen Tang Shau i und den „Blumen- und Wein-Tutu“ (damit ist der Tutu von Schanghai Tschen Ki mei gemeint, der den ihm angebotenen Posten eines Handelsministers im ersten republikanischen Kabinett nicht antrat) enthalten die drei letzten Strophen scharfe Angriffe gegen die kantonesische Partei Tungmenghui, ferner wird über die belgische Anleihe, über die keine Abrechnung vorliege, gespottet, und der neue Ministerpräsident Lu Tscheng-hsiang wird gerühmt, dass er sich auf die auswärtige Politik wohl verstehe. Also: „Ein garstig Lied. Pfui! Ein politisch Lied.“ Wenn sich eine namhafte Sängerin wie unsere Freundin nicht in ihrem Erwerb schädigen will, so darf sie ein solches Lied, das ein Kampfmittel der gemässigten Republikaner gegen die kantonesische Partei darstellt, nicht in ihr Repertoir aufnehmen; denn Shanghai ist noch eine starke Hochburg der Kantonesen. Aber trotzdem wird der Sang von Mädchen schon verschwiegen gepflegt. Man kann sich leicht ausmalen, wie es manchem eingefleischten gegnerischen Parteigänger gleich Balsam über die Seele tropft, wenn aus einem kleinen, ein wenig karmesinrot betupften Mündchen die Moritaten Tang Shau yis und seiner Parteigenossen ertönen. Unsere Freundin bleibt aber neutral; sie kennt den Text und schweigt. Man sieht, dass die neue Politik, die in Peking gemacht wird, ihren Einfluss sogar auf die Welt der Sängerinnen ausübt.
Bei der anregenden Unterhaltung ist es inzwischen Mitternacht geworden; es ist Zeit zum Aufbruch. Durch zahllose Winkelwege führt der Weg auf die Foochow Road. Dort herrscht noch immer brausendes Leben. Die Theatereingänge speien ununterbrochen hellfarbige Menschenketten aus, unzählige Wagen und Rickschas drängen sich dazwischen, stauen sich und fahren mit Gästen davon. Allmählich kommt Ordnung in den Menschenschwarm, der sich in die Seitengasssen und in den zahlreichen Restaurants verteilt, wo vor dem Schlafengehen noch rasch ein kleiner Imbiss genommen, politisiert und geschwelgt wird. Aus kleinen winkligen Gässchen tönt hie und da noch ein später Gesang mit Fiedelbegleitung; er wird aus holdem Mund den Lebemännern gesungen, die ohne ihn keine erquickliche Nachtruhe finden können.
Die Revolution in der Nanking Road.
Eine blutrünstige Ueberschrift, nicht wahr, meine Gnädige? Wenn man in China nur das Wort Revolution hört, verknüpft man (die Erfahrung lehrt es) gleich etwas Schreckliches damit. Henkersschwert, lose sitzende Köpfe, Bomben und abgerissene Gliedmassen. Man denkt dabei auch an Fürsten, die ihre verbrieften Herrscherrechte scheinbar aus den Händen gegeben haben, weil das Volk, zornig mit dem Fuss stampfend, darauf bestand; man denkt an Männer, die sich bei dem Streben nach Neuerungen von wahrem Patriotismus leiten lassen, aber auch an Schreier, Schwätzer und unreife Politiker. Nichts von alle Dem will ich Ihnen erzählen. Denn Sie wissen, dass eine Revolution nicht immer politisch grausam zu sein braucht, sie kann auch wirtschaftlich friedlich sein. Und darüber möchte ich mit Ihnen plaudern, wenn Sie im Geiste Ihren Arm in den meinen legen wollen, damit ich Sie ohne Fährnisse vom Bund bis zum Rennplatz führen kann.
Wenn Sie an jenem grossen westländischen Kaufhaus an der Ecke der Szechuan Road stehen bleiben, so sind Ihnen schon gelegentlich im Schaufenster in protzig chinesischer Schrift geschriebene Ankündigungen aufgefallen. Sie haben sicher schon darüber ihren Kopf geschüttelt, haben Ihre Augen bestürzt über die krausen Schriftzeichen wandern lassen und vergeblich nach dem Preis gesucht, ohne aber auf den Gedanken zu kommen, etwas zu kaufen; die Güte des Ausgestellten und die chinesische Anpreisung sagten Ihnen, dass die Waren nicht für Westländer bestimmt sind. Hier haben Sie es schon: Revolution. Vor ein paar Monaten hätte kaum ein westländisches Geschäft daran gedacht, auf diese Weise chinesische Kundschaft heranzuziehen. Wie sollte es auch, wo das chinesische Gewerbe und die Industrie leistungsfähig genug waren, die Bedürfnisse der chinesischen Massen zu befriedigen. Wie viel Chinesen dachten vor ein paar Monaten an Schuhe, Hemden, Strümpfe und dergleichen Erzeugnisse westländischer Art? Heute ist es anders geworden. Bleiben Sie bitte noch ein Weilchen vor dem Schaufenster stehen und schauen Sie ab und zu nach dem Eingang. Jetzt hält ein Ponygespann an. Ihm entsteigen drei vornehme Chinesinnen. Sie betreten das Kaufhaus. Eine Schiebetür hinter dem Schaufenster öffnet sich, Sie sehen die drei Damen nach Gegenständen deuten. Die zierliche flinke Verkäuferin vermag kaum noch Alles auf ihren Armen zu halten; das kleine Köpfchen verschwindet fast hinter dem Stapel Baumwollwaren. Gerade als der Pony unruhig zu stampfen anfängt, kommen die drei Vornehmen, mit Paketen beladen, aus der Eingangstür, und die Fahrt geht weiter. Sie aber sehen mich entrüstet an. Ihre Augen scheinen zu sprechen: „Wie kann man nur...“ Ich weiss genau, was Sie sagen wollen: Wie so vornehme Frauen so billige Ware kaufen können. Die verwöhnte Westländerin verlangt natürlich die feinsten Stoffe, weisses Linnen oder knisternde Seide. Alles Andere hält sie für „shocking“. Was Sie so entrüstet, ist jetzt aber bei der vornehmen Frauenwelt Chinas Mode. Und die Mode ist eine eigensinnige Dame.
Jetzt kreuzen wir die Strasse und betreten die deutsche Buchhandlung. Während wir die neu eingetroffenen Bücher ansehen, kommen einige Chinesen und zuletzt eine Chinesin in den Laden. Ich weiss bestimmt, wenn Sie Verkäuferin wären, dass Sie in Ihrem Schanghaier Kosmopolitismus gefragt hätten: „Woat ting wantschie?“ Aber lauschen Sie nur. „N’ Tag, möchte mir ’mal Ihre Bücher ansehen.“ Ein junger Chinese spricht es in fliessendem Deutsch und begibt sich auf die Wanderung durch die Menge der ausgelegten Bücher. Ein anderer tritt ein und spricht, den Oberkörper steif biegend, kurz und abgehackt militärisch deutsch: „Famoses Buch, die Kriegsgeschichte von General Müller. Ist mir leider während der Revolution abhanden gekommen. Möchte nachbestellen. Sein Sohn stand übrigens mit mir in Halberstadt in Garnison.“ Und er kauft sich die neuen deutschen Dienstvorschriften, einen Kriegsroman und einen Neuruppiner Bilderbogen von der preussischen Garde für seinen Jungen. Und von den anderen Chinesen nimmt der Eine ein technisches Fachwörterbuch, der Andere die Verfassung des Deutschen Reiches, und wieder ein Andrer interessiert sich für Berg- und Hüttenwesen. So geht es Tag für Tag. Sprechen solche Augenblicksbilder in dem deutschen Buchladen nicht ganze Bände? Sieht man nicht daraus, wie sich merklich das Interesse für deutsches Wesen unter den Chinesen zu regen beginnt. Ist es nicht ein Stückchen geistige Revolution? Doch beinahe hätten wir die junge Chinesin vergessen. Sie steht ein wenig schüchtern abseits und endlich verlangt sie — Hand aufs Herz — das bekannte Buch vom „imponierenden Auftreten“ und ein Werk über moderne Frauenfragen.