Nun müssen wir wieder in das Strassengewühl. Es stürmt so viel Neues, Revolutionäres auf die Augen ein, dass man kaum weiss, was man zu zuerst als besonders bezeichnend herausgreifen soll. Vor uns geht ein Chinese in eigenartiger Tracht. Wenn Sie illustrierte chinesische Romane aus dem fünfzehnten Jahrhundert durchblättern, finden Sie das Vorbild. Das Volk bezeichnet sie als Mingtracht. Es ist ein langes, quer über die Brust zusammengeschlagenes Gewand, dessen Kragen mit Samt eingefasst ist. Wahrscheinlich haben wir es in diesem Falle mit der neuen Nationaltracht zu tun, für die die chinesische Presse in letzter Zeit Stimmung gemacht hat. Als ob die bisherige Kleidung nicht praktisch wäre! Ja, praktisch ist sie, aber Manchem zu politisch. Denn man muss wissen, dass der letzte Modewechsel nach dem Sturz der Mingdynastie stattgefunden hat. Die neuen mandschurischen Herren sorgten für eine neue Mode, um das Andenken an die Ming zu verwischen. Und das Gleiche streben heute die Kleiderreformer an, die von der jetzigen Volkstracht Alles verbannen wollen, was an die Mandschus erinnert. Dann wollen sie aber auch dem Tragen westländischer Kleider entgegenwirken, in denen sich junge Stutzer so gern gefallen. Wenn man als durchschnittlich behäbig gekleideter Mitteleuropäer heute einem jener modisch gekleideten Stutzer begegnet, so kommt man sich recht klein vor. Und erst die Augen, die so herablassend auf den europäischen Kuli blicken! Ja, die Zeiten beginnen sich zu ändern. Das sieht man auch an dem Paar, das vor uns geht. Die Beiden sind entweder verlobt oder jung verheiratet. Sie gehen Arm in Arm. O, heiliger Konfuzius! Nein, wirklich nicht deshalb, weil sie Arm in Arm gehen, ich glaubte zwar, das sei etwas ganz Neues.... Aber sehen Sie, die junge Chinesin trägt ja ein — „Korsett“ ergänzen Sie seelenruhig, als ob es das gleichgültigste Ding der Welt sei. Keine Täuschung; die Chinesin trägt ein Korsett. Man sieht ganz deutlich, wie stark die Hüften geschnürt sind, wie mit Gewalt nach berühmten westländischen Vorbildern eine neue Linie geschaffen werden soll. Wohin man blickt, Revolution. Noch eine Schöpfung der neuen Zeit drängt sich in der Nanking Road zur Schau. So farbenschreiend auffallend ist ihr Aeusseres, dass die Augen mit Gewalt angezogen werden. Es sind die neuen Barbierläden. Um die von Grund auf verfolgte Wandlung, die das Barbiergewerbe durchgemacht hat, darzustellen, muss ich Ihnen zum Massstab erst einen der alten Barbierläden vorzeichnen. Er war so sehr unter der Flucht von anderen Lädchen versteckt, dass nur der Kundige das anpreisende Firmenschild „Tscheng-jung“ (Ordnung des Gesichts) unter den vielen anderen herausfand. Der Glasverschlag, der die Barbierstube von dem Lärm der Strasse trennte, war schmutzig und mit Staub überzogen und wenn man durch die Tür blickte, so sah man einige mit heissem Wasser gefüllte Schüsseln auf Holzgestellen, worüber der sich in die Obhut des Barbiers Begebende seinen borstigen Vorderschädel beugte und ihn mit heissem Wasser einreiben liess. Der Barbiergehilfe setzte dann das viereckige, an einem schwarzen Holzstengelchen befestigte Messer auf die Kopfhaut und entfernte den Borstenwald. Dann wurde die verschlungene Strähne des Zopfes geöffnet, das Haar mit einem starken Kamm durchgekämmt und neu geflochten. Einschliesslich Rückenmassage zahlte der Kunde sechs Kupferlinge. Diese Barbierläden wurden fast ausschliesslich von den männlichen Angehörigen der unteren und mittleren Volksklassen besucht; der Vornehme hielt sich seinen eigenen Barbier oder liess ihn täglich ins Haus kommen. Dieser Zustand hat sich durch das Entstehen der modernen Barbierläden geändert. Der Uebergang vollzog sich aber nicht von heute auf morgen. In den ersten Wochen nach dem Ausbrechen des Aufstands lief noch Alles zu den alten Läden, deren Inhaber sich flugs Haarschneidemaschinen anschafften, um für das Wachsen des plötzlich vom Zopf entblössten Haares einen festen Grund zu legen. Derweilen wurden auf die alte Art die sprossenden Gesichtshaare entfernt. Allmählich gingen die Barbiere zur Benutzung von europäischem Barbierwerkzeug über. Den Wünschen des „feinen Publikums“ gerecht werdend, wurde die innere Ausstattung des Barbierladens nicht vernachlässigt. Heute gibt es Läden in der Nanking Road, die in Bezug auf Ausstattung, von dem bequemen, einstellbaren Lehnsessel bis zu dem mit einem blendend weissen Ueberwurf bekleideten Gehülfen, den Vergleich mit manchem westländischen Barbiergeschäft aushalten. Das schreiende Aeussere der früher die Zurückhaltung bewahrenden Barbierläden liegt in dem den japanischen Einfluss verratenden Anbringen von farbig bemalten Stangen und in den hochtönenden Anpreisungen der neuen Haarschneide- und Rasiermethoden; ja ein Barbier in der Nanking Road ging so weit, ein Schild mit westländischen Köpfen malen zu lassen, worauf er in Schriftzeichen andeutet, dass in seinem Geschäft die deutsche, englische, amerikanische und französische Haar- und Barttracht gepflegt würde. In den modernen Barbierläden findet die neue Zeit ihre stärkste Ausprägung.

Von der friedlichen Revolution sind auch die chinesischen Kaufhäuser nicht verschont geblieben, die sich wie hungrige Maultiere an die Krippe zu beiden Seiten der allmählich breiter werdenden Nanking Road drängen. Der Typ des alten, gemütlichen Ladens wird von der neuen Zeit allmählich verdrängt. Ja, gemütlich war es darin, für die Kunden sowohl wie für die Angestellten. Die Ladenfront war nach der Strasse hin offen; und während der Verkäufer, die Wünsche des Kunden erfüllend, die Waren zusammensuchte, konnte der Kunde an einem Tisch Platz nehmen, seinen Tee schlürfen und plaudern, wozu immer einer der Angestellten ein angenehmer Gesellschafter war. Es spielte sich Alles in einem ruhigen, von gegenseitiger Ehrerbietung getragenen Rahmen ab. Heute gibt es zwar noch Läden in der Nanking Road, die ein Ueberbleibsel der gemütlichen, vorrevolutionären Zeit sind; aber in den meisten Geschäften hat eine amerikanische Hast ihren Einzug gehalten; übereifrige Höflichkeit und verächtliche Abfertigung werden aus einem Mund den Kunden gegenüber gepflogen. In den Läden alten Typs ist jeder Kunde den Verkäufern gegenüber nach Rang und Stand gleich. Betritt aber heute ein ärmlich gekleidetes Bauernweib eines der grossen Kaufhäuser und folgt ihm eine im Automobil angekommene, in Seide strotzende und mit Armspangen und Similibrillanten geschmückte Schöne, so wird Letztere mit unterwürfigen Bücklingen behandelt, während das Bauernweib so ganz von oben herab nach seinen Wünschen gefragt wird. Aeusserlich heben sich die Kaufhäuser neuen Stils von den alten sehr ab. Die Schaufenster, in denen, soweit es solche überhaupt gab, früher die Waren wahl- und ziellos durcheinanderlagen, sind für die Augen geschmackvoll hergerichtet; man merkt, wie genau die Aussteller vor den westlichen Läden Studien gemacht haben. Viele Artikel, die vor wenigen Monaten einzelne Ladenhüter waren, sind nun in den Vordergrund der Nachfrage gerückt, so Strohhüte, Taschentücher, sogar solche mit Sun Ya tsen in Schwarzdruck, westländische Anzüge, Schuhe und dergleichen. Und am Abend schwimmen die Fenster in elektrischem Licht, sodass das bekannte Schild: „Tschen bu erl gia“ (Hier gibt es wirklich keine zwei Preise) merklich überstrahlt wird. Was sich dem Westländer so unangenehm aufdrängt ist die Prunksucht der Ladeninhaber. Man merkt, wie mit Gewalt alle Mittel des äussern Scheins angewandt werden, um die Käufer anzulocken. Von den mit englischen Aufschriften versehenen Firmenschilder anfangend bis zu dem in verschwenderischer Pracht geübten elektrischen Farbenspiel sind das Alles Zeichen für die Vorliebe äusserer Gefallsucht, wenn nicht Zeichen eines erbitterten Wettbewerbs, der in der lärmdurchtobten Nanking Road ausgefochten wird und den der Aussenstehende nur ahnen kann. Für die Spezialgeschäfte scheint eine bedenkliche Krisis gekommen zu sein. In den chinesischen Städten steht zwar heute das Spezialgeschäft, das in der Regel die Verkaufstelle der in dem damit verbundenen Betrieb hergestellen Ware ist, noch in hoher Blüte. Von der Nanking Road wird es aber verdrängt, wenn es sich nicht den neuen Verhältnissen anpasst. Denn schon sind Kaufhäuser entstanden, die alle Bedarfsartikel des täglichen Leben führen. Interessant ist die Beobachtung, wie sich die alten Spezialgeschäfte für Fussbekleidung umformen. Sie sind zunächst der gegenwärtigen Entwicklung gefolgt und haben ihren Betrieb auf den Verkauf von westländischem Schuhwerk erweitert. Das scheint aber nicht den erwünschten Gewinn zu bringen; denn alle Schuhgeschäfte führen neuerdings auch Kopfbedeckungen. Also auch der chinesische Kaufmann in der Nanking Road macht seine Revolution durch. Sie hat schon manches Ehrwürdige eingerissen und Zweifelhaftes an seine Stelle gestellt; und Letzteres neigt bedenklich vom Soliden zum Unsoliden.

Mit solchen Betrachtungen bahnen wir uns den Weg durch das Gewühl. Sehen ab und zu mit eitlen, parfümduftenden Chinesen besetzte Autos vorbeijagen, die man für ein paar Dollar mieten kann; sehen überelegante, zierliche Ponygespanne, deren Insassen prunkende Gewänder tragen, und lassen uns schliesslich, auf der Suche nach einem ruhenden Punkt, in einem chinesischen Café nieder, wo wir in Eiskaffee mit Schlagsahne schlemmen. Die Sahne, die eben noch süsser als Honig schmeckt, wurde plötzlich bitter; denn herein trat das verliebte Braut- oder Ehepaar von vorhin, dessen weiblicher Teil die Linienrevolution durchmacht. Der galante junge Mann bestellte zweimal Fleischbrühe mit Hörnchen....

Im Tor der Hoffnung.

Schanghai ist eine verderbte Stadt, das Sodom und Gomorrha in China. Der Westländer bezeichnet es als das „Paris des Osten“. Ein chinesisches Blatt hat diese Tatsache vor Jahresfrist einmal ausdrücklich festgestellt. „Bei Denen, die nach Schanghai gekommen sind“, schrieb das Blatt, „gilt Schanghai für einen hochkultivierten Platz. Indessen gilt auch hier das alte Wort: Aussen rein, innen Schmutz. Und was in Schanghai geschieht, das ist auf das ganze Reich von Einfluss. Der Luxus nimmt bei Männern und Frauen überhand. Es gibt in der Kleidung noch kaum einen Unterschied zwischen ehrlichen und unehrlichen Frauen, und zu Letzteren gehören neunzig vom Hundert aller hier lebenden chinesischen Frauen. Was anfänglich nur die auffällige Tracht der öffentlichen Dirnen war, ist jetzt fast von allen Anderen angenommen worden. Die alten Sitten sind weggefegt. Die Väter kümmern sich kaum mehr um die Erziehung ihrer Kinder, und die Lehrer nicht mehr um die Sitten. Das übt mit der Zeit einen üblen Einfluss auf das ganze Reich aus.“ Diese Moralpredigt der schulmeisternden „Dschendschoujihpao“ ist wirkungslos verpufft; sie hat sich auch nicht als eindruckvoll genug erwiesen, die als Nachklang der Revolution immer üppiger werdenden Ausschweifungen der chinesischen Lebewelt einzudämmen. Die Revolution hat Arme zu Reichen und Reiche zu Armen gemacht, und wer heute in den Vergnügungsvierteln herrscht, ist der über Nacht reich gewordene Pöbel. Nicht mit Unrecht höhnen die chinesischen Blätter in ihren Witzspalten, dass der Handel mit „Ameisen“ (jungen Mädchen) und die einträgliche Ausübung von Gesang und tändelndem Saitenspiel das beste wirtschaftliche Ergebnis der Revolution seien. Die angenehmsten Freudespender sind dem chinesischen Lebemann die kleinen Mädchen; sie gehören sozusagen zum Menü eines jeden auf Reichhaltigkeit Anspruch machenden Essens; sie singen, und Manche sind nach dem Mahl bereit, mit ihren zarten Fingern die braune Opiummasse zu Kügelchen zu kneten, während der mit Haifischflossen und Schwalbennestern angemästete Lebemann sich behaglich auf die rot bepolsterte Bank ausstreckt und im Vorgefühl auf den kommenden Opiumgenuss erheitert scherzt.

Schanghai, Teil der Nanking Road.