„Sie haben also Vertrauen zu Yüan Schih kai, Herr Tschen?“
„Ja, das habe ich,“ erwiderte er lebhaft, „nicht nur ich, sondern Jeder unseres Volkes, der sich nach Ruhe und Ordnung sehnt. Wir vertrauen ihm besondern deshalb, weil Yüan Schih kai Chinese ist. Er kennt sein Volk, wie kein Anderer im Reich; er geht auf die Wünsche des Volkes ein, und (dabei flüsterte Herr Tschen) er kennt die Sehnsucht des Volkes.“
In der Nähe klang der Marschschritt einer Patrouille. Herr Tschen blickte etwas ängstlich auf die markigen nordchinesischen Gestalten, und dann neigte er sich über den Ladentisch und flüsterte: „Wenn man auf dem Weg redet, soll man daran denken, dass es im Gras Leute geben kann.“ Ich verstand. Tschen zog mich in das Nebenzimmer, wo seine Angestellten gerade das Mittagsmahl beendet hatten, um ihre Plätze im Laden wieder einzunehmen. Bei einer Tasse Tee sass ich Herrn Tschen nun gegenüber.
„Er kennt die Sehnsucht des Volkes?“ knüpfte ich das unterbrochene Gespräch wieder an.
„Ja,“ nickte Tschen „er weiss, dass die Masse des Volkes einen starken Herrscher will, einen Herrscher, der die edlen Güter der Nation zu wahren weiss. Wenn noch Huang Hsing ans Ruder käme, so wäre unser Volk in kurzer Zeit vernichtet.“ Hier machte Tschen eine Pause und tat einige Züge aus der Wasserpfeife.
„Huang Hsing,“ wiederholte er, indem er das Wort grimmig durch die Zähne zischte. „Noch nie hat unser Volk einen Mann so gehasst wie diesen Verräter. Er ist eine doppelzüngige Schlange. Ich erinnere mich, dass er vor etwa einem Jahr eine bescheiden unterwürfige Eingabe beim Präsidenten Yüan Schih kai gemacht hat. Er klagte darin dem „Ta tsung tung“ in heuchlerischen Worten über die traurige innere Lage; die leichtfertige Jugend erränge die Oberhand und treibe mit den edelsten Gütern des Volkes eitles Spiel. Um das Reich vor innerm Zusammenbruch zu bewahren, empfahl Huang Hsing die nachdrückliche Pflege der alten Tugenden unserer Weisen: Kindesliebe, Bruderpflicht, Treue, Anstand, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Bescheidenheit. Er erwartete von Anderen, dass sie diese Tugenden pflegen sollten; er selbst lebte auf seine eigne Weise, und er wurde ein warnendes Beispiel für unsere Jugend, dieselbe Jugend, der er Aufsässigkeit und Mangel an Tugend vorwarf. So wie Huang Hsing waren seine Anhänger, die mit ihm die Herrschaft erstrebten. Jetzt ist er im Sonnenland. Das Volk atmet auf. Es kommt sich vor, als ob der Himmel ein Opfer mit Wohlgefallen angenommen habe.“ Tschen schwieg. Ich benutzte die Pause, um mich zu verabschieden, da ich meinen Zweck erreicht und einen Blick in die Volksstimmung getan hatte. „Und wie denken Sie über die Revolution im Allgemeinen?“ fragte ich beim Gehen. Tschen wai ku sann einige Sekunden nach und sagte dann: „Konfuzius sagt: Das Meer trägt ein Boot; das Meer kann im Sturm das Boot umstürzen. Ein Herrscher, der von dem ruhigen Willen des Volkes getragen wird, bleibt oben; ein Herrscher, der das Volk zum Sturm reizt, geht verloren.“
„Und wie deuten Sie diesen Ausspruch auf die heutige Lage?“
Tschen lächelte. „Auf dem weiten Meer fährt Yüan Schih kai allein im Boot. Fern, fern am Ufer stehen Huang Hsing und seine Schwurbrüder und versuchen, mit ihren zarten Händen das grosse Meer in Wallung zu bringen. Kein Wellenschlag berührt das Boot. Yüan Schih kai lacht über die unnütze Kraftanstrengung seiner Feinde am Gestade.“