Der musikalische Obsthändler.

Seit der Obsthändler Wong Ka long seinen Hökerstand in der Französischen Niederlassung aufgeschlagen hat, macht er glänzende Geschäfte. Ausser seiner reichhaltigen Auswahl von südländischen Früchten, hat er einen rotbetrichterten Grammophon und ein Mundwerk, das dem Rhythmus der Sprechmaschine nicht nachsteht. Der natürliche und der mechanische Apparat werden Wong sicher noch zum reichen Mann machen. Gestern staute sich eine Menge vor seinem Laden, als sein Grammophon ein berühmtes Lied von Lin Pu tsing spielte. Er liess aber den Sänger nicht zu Ende singen, sondern hielt den Apparat an und pries die vorzügliche Güte seiner Aepfel, das schmackhafte Fleisch der Bananen und die köstliche Frische der Lai tschis. „Ihr dünkt euch wie die Schlemmerkönige Yau und Schun, wenn ihr von meinen Früchten esst!“ rief der Händler in die Menge. Das Lockwort brachte ihm einige Käufer. „Ich werde ein Lied spielen lassen, das Ihr noch nie gehört habt, wenn ich innerhalb der nächsten fünf Minuten für zwanzig Zents Früchte verkaufe“, rief Wong weiter und harrte der Kunden. In zwei Minuten hatte er für zehn Zent Früchte verkauft. „Das Lied das gespielt wird, ist eine wunderbare Melodie. Es klingt schöner als der Sang des Goldvogels in den Azurbergen und feierlicher als Tempelmusik. Wenn ihr es hört, werdet ihr alles Leid vergessen; wohin ihr geht, wird euch der köstliche Gesang folgen.“ Wong verkaufte sechs Bananen. „Ihr müsst wissen, das Lied kommt vom Ausland“, fuhr er fort. „Könige, Fürsten, Präsidenten und die „hundert Familien“ (Volk) sind von ihm in Bann geschlagen, weil keine andre Melodie erfunden wurde, die ihr gleich stünde.“ Wong verkaufte drei Aepfel. „Das Lied wird von den fremden Barbaren gesungen, die daraus die Kraft für all ihre erstaunlichen Künste schöpfen.“ Wong verkaufte ein halbes Dutzend Lai tschis. Und dann rief er mit erhobener Stimme. „Das Lied birgt das Geheimnis der Kraft der Europäer.“ Wong kannte die Seele seines Volkes und er verkaufte soviel, dass er mehr Geld einnahm, als er erwartet hatte. Ehrfürchtig schaute die Menge auf das Grammophon. Wong nahm die Platte mit Lin Pu tsings Lied weg, holte eine andere aus einer Schachtel hervor, blies vorsichtig den Strassenstaub ab und setzte sie ein. Knirschend grub der Stahlstift seine Rillen. Und dann ertönte, kaum vernehmbar die ächzende Weise: „Puppchen, du bist mein Augenstern!“ Wong Ka long rieb sich vergnügt die Hände.

In der Foochow Road.

Abend in der Foochow Road, der Strasse der chinesischen Lebewelt. Ueberall elektrischer Lichterglanz und eine sommerlich gekleidete Menge. Zwei ausländische Gestalten sind im Gewühl; offenbar ein Ehepaar. Der Kleidung nach Deutsche und auf der Durchreise. Die schauhungrigen Augen der jungen Frau werden gar nicht satt. „O sieh mal, Männe hier!“, staunt fast jedes Wort, das dem zarten Mund entquillt. Das Paar bahnt sich den Weg durch das Gewühl. Plötzlich bleibt die Frau stehen und klammert sich fester an den Arm des Gatten. „Männe, hör mal!“ spricht die Frau und bleibt lauschend stehen; nein, sie spricht nicht, sie flüstert mit ehrfürchtigem Erschauern. Die Beiden lauschen gespannt. Oben, in einem Teehaus wird in wirrem Durcheinander auf Trommeln, Zimbeln und Metallbecken geschlagen; echt chinesische Musik; „O, Männe, Männe“ jubelt die Frau „wie zivilisiert die Chinesen geworden sind. Die spielen schon — Strauss!“ Mit verklärtem Blick zieht die Frau den Gatten weiter durch das Gewühl. Am nächsten Tag prangt ein besonderes Kapitel im Tagebuch: „Salomes Siegeszug in China.“

Grosstadtschicksale.