Wenn die Mäuse satt sind, schmeckt das Mehl bitter. So erging es auch A-sä in seinem Ehestand. Die kleinen Nadelstiche der Ehe brachten ihn zur Verzweiflung. Wo er beständiges Glück erhofft hatte (wie es in dem Buche stand), fand er den nüchternsten Alltag. Und er kam zu der Feststellung, dass seine glücklichsten Stunden vor der Zivilisationsheirat gelegen hatten; damals, als er sich so zärtlich an seine Liebe schmiegen, ihr Beseligendes beteuern und zuflüstern konnte, während er ihr die Händchen und die Wangen streichelte. Ja, in diese Zeit sehnte er sich zurück. Und als diese Sehnsucht immer stärker wurde, schenkte er seiner Frau seinen Ehering, den sie mit dem ihren auf dem Pfandhaus versetzen sollte, und bedeutete ihr, dass nun die Zeit für sie wieder gekommen sei, in der Spinnerei zu arbeiten. Ein wenig schluchzend verliess die Frau das Haus: sie tröstete sich aber, als ihr A-sä beim Abschied sagte, dass Alles so kommen müsse, weil es so in dem französischen Buche stünde.
A-sä atmete auf. Nun war er wieder frei. Und es gelang ihm bald wieder, nach vorangegangenen beglückenden Wochen und Stunden, ein Mädchen für eine Heirat nach neuer Art zu begeistern. Und wieder folgten die kurze Zeremonie vor dem Standesbeamten, Wein und Gebäck in Tschang Su ho und Festvorstellung im Hsin wu tai. Und wieder kamen die kleinen Nadelstiche der Ehe. Schliesslich stand auch die zweite Frau auf der Strasse. A-sä schwor sich nun, mit dem Heiraten zu warten, bis er etwas älter wäre. Dann stürzte er sich in die Arbeit, in der er völlig aufging. Schon hatte er seine leichtsinnigen Heiraten vergessen, als er eines Tages eine sanfte Mahnung erhielt, vor dem Gericht zu erscheinen. Er ging und fand dort seine zwei gewesenen Frauen, die ihn gemeinsam auf Entschädigung verklagt hatten. A-sä musste sich dem harten Urteilsspruch fügen. Mit einem Gehalt von fünfzehn Dollar ernährt er jetzt ausser sich zwei geschiedene Frauen und sorgt für das Wohlergehen von zwei Kindern. Das war das Nachspiel zu A-säs „Zivilisationsheiraten“.
Wenn A-sä jetzt spät in die Nacht hinein arbeitet, denkt er oft an die Hütte inmitten der sprossenden Reisfelder jenseits des Sutschouer Krieks, und er wartet Tag für Tag, dass der Vater seinen reuigen Sohn zurückruft und ihn mit der Tochter des wohlhabenden Reisbauern Tsung nach altem Brauch vermählt. Ja, er will sogar ein tüchtiger Reisbauer werden und knietief mit den Wasserbüffeln durch den Schlamm waten. Trotz Allem, was er auf der westländischen Schule und in dem grossen ausländischen Geschäft gelernt hat!
Eine verunglückte Zeitungsgründung.
Nichts ist beständiger, als der Wechsel.“ Wenn dieses Wort irgendwo Anwendung finden kann, so passt es auf das chinesische Zeitungswesen in Schanghai. Die feste Wurzel des chinesischen Pressewesens liegt in der Schantung Road, wo fünf Zeitungen, die die alte Pekinger Regierung zwar häufig bissig verhöhnt haben, aber sie nie zu stürzen drohten, seit vielen Jahren ihre redaktionellen Zelte aufgeschlagen haben. Aber diese Zeitungen allein machen nicht die öffentliche Meinung aus. Ausser ihnen gibt es noch fünfzehn andere, und der Grund, auf dem diese stehen, gleicht einem unsichern, wandernden Moorboden. Jeder einsichtige, geschäftsmässig rechnende Chinese sagt sich, dass für zwanzig politische Tagesblätter in Schanghai kein Raum sein kann, und umso weniger, als sie ja paarweise oder zur Vieren in genau das gleiche Horn stossen. Echt chinesische Eigenbrödelei, ein falsches Komma hinter irgendeinem parteipolitischen Satz, eine stärkere Betonung eines bestimmten Parteiprogramms und die Vernachlässigung minder wichtiger Dinge, persönliche Feindschaften der hinter der Presse stehenden Männer und viele andern Gründe mehr haben bisher verhindert, dass eine Verschmelzung herbeigeführt werden konnte. Der Wettbewerb im Kampf um den Leser wird mit äusserster Spannung geführt. Jede Zeitung sucht auf irgendeinem Gebiet ihre besondere Stärke. Die eine legt sie in einen flottgeschriebenen Leitartikel, die andere in masslose Beschimpfung und Ausplauderung süsser Geheimnisse politischer Gegner; andere suchen die Gunst ihrer Leser zu gewinnen, indem sie für die Einführung der freien Liebe eintreten, andere bringen geschätzte Anekdoten unter Vermischtes oder Tagesereignisse in Karikaturen, und wieder andere wollen durch eine vornehm würdevolle, an väterliche Ermahnungen erinnernde Haltung bei Beurteilung politischer Fragen Eindruck machen. Wie gesagt, sind nur fünf dieser Zeitungen wirklich lebensfähig; die anderen werden durch starke Zuschüsse einzelner Privatkreise unterhalten, die aber aufhören zu fliessen, sobald die Geldgeber glauben, dass ihr Name genügend vervolkstümlicht sei.
Um dem bekannten dringenden Bedürfnis abzuhelfen, wurde vor einigen Monaten die einundzwanzigste Zeitung gegründet. Natürlich auf Grund einer neuen „Stärke“. Diese lag in der „Benamsung“ des neuen Presserzeugnisses. Ehe das Blatt war, war der Titel.
Der Gründer war ein Lebemann, Namens Tsang, den das von seinem Grossvater Anderen abgenommene Geld juckte, und der keinen andern Ausweg wusste, als die ihm noch übriggebliebenen vierzigtausend Dollar, die nebenbei auch zum Erkaufen der unwandelbaren Treue berückender Sängerinnen dienten, in einem Zeitungsunternehmen anzulegen. Um nicht allein sein ganzes Geld zu wagen, sah er sich nach einem Teilhaber um. Den fand er durch die Einführung eines Freundes in Gestalt des Herrn Kung. Dieser verfügte „zufällig“ über kein flüssiges Kapital, konnte aber seine Kreditfähigkeit durch Aktien eines in der tibetischen Provinz Kham gelegenen Goldbergwerks beweisen, über die aber an jenem Tage gerade keine Kursnotierung vorlag. Als Dritter im Bund gesellte sich zu Tsang und Kung ein Herr Wen, der sich mit „geistigem Kapital“ an dem Unternehmen beteiligte. Es war der Mann mit der „Idee“, derselbe, der den zugkräftigen Namen „Tung pao“ vorschlug; die Stärke lag aber eigentlich in dem gleichzeitig vorgeschlagenen, bei chinesischen Zeitungen üblichen englischen Untertitel: „The Torpedo boat“.