Herr Wen wurde neben seiner Eigenschaft als Teilhaber zum Chefredakteur bestellt. Den Ausschlag gaben bei dieser Berufung die Verdienste, die er sich um das Gelingen der Revolution erworben hatte; er wies nämlich nach, dass er bei der Belagerung von Nanking höchst eigenhändig einen Schuss aus einem alten Geschütz abgefeuert hatte, ohne dass das Rohr barst, wodurch er das gefährdete Leben der umstehenden Bedienungsmannschaft gerettet hatte. Dafür erhielt er die Rettungsmedaille. Zum Verkehr mit den führenden Regierungskreisen in Schanghai und Umgebung war das zweifellos ein wichtiger Belang. Wen wurde auch mit der Oberaufsicht der geschäftlichen Leitung betraut. Seine Umsicht konnte er schon am folgenden Tag beweisen, als es galt, bei einer Druckerei die Druckkosten der neuen Zeitung, die vorläufig in zweitausend Exemplaren erscheinen sollte, festzusetzen. Er entledigte sich seiner Aufgabe mit einer grossen Kennerschaft chinesischer gewerblicher Betriebe. Zunächst bestellte er nur tausend Exemplare. Die Druckkosten für die ungedruckten restlichen tausend teilte er brüderlich mit dem Geschäftsführer der Druckerei, der sich dafür verpflichten musste, die tägliche Rechnung auf zweitausend Stück auszustellen. Wen betrachtete diese fortlaufende Nebeneinnahme als eine angemessene Ergänzung seines monatlichen Gehalts in Höhe von hundert Dollar.

Endlich war der Vorabend des Tages gekommen, an dem „Das Torpedoboot“ zum ersten Male erscheinen sollte. Herr Wen schrieb den Leitartikel, der in Form und Inhalt alles Bisherige in den Schatten stellte. Es wäre schade, wenn seine Ausführungen der Nachwelt nicht erhalten blieben. Hier sind sie:

„Die niedere Redaktion gibt heute zum ersten Mal „Das Torpedoboot“ heraus. Weil unsere Zeitung klein von Gestalt ist, haben wir ihr diesen Namen gegeben. Es gibt in Schanghai auch grosse Zeitungen. Sie gleichen schweren, unbeholfenen Panzerschiffen, die aber den Angriffen unseres Boots auf die Dauer nicht standhalten können. Mit stets wachender Mannschaft umkreisen wir die grossen Schiffe und beunruhigen sie bei Tag und Nacht, bis ein wohlgezielter Schuss eines nach dem andern in die Tiefe gurgeln lässt. Wir nehmen den Kampf mit jedem Gegner auf, der die Rechte unseres heiss geliebten Brudervolks bedroht. Und wenn die neue Regierung die Volksrechte mit Füssen tritt, so werden wir auch gegen sie kämpfen und siegen. Je mehr uns die Allgemeinheit durch das eifrige Lesen unsers Blattes unterstützt, desto erfolgreicher vermögen wir ihre Rechte zu schützen. Wir sind erst dann kampfunfähig, wenn der letzte Schuss aus dem Rohr ist. Damit kein Munitionsmangel eintritt, bitten wir ehrerbietig um dauernde Unterstützung.“

Der Hauptgründer, Herr Tsang, war entzückt von der ersten Ausgabe. Er verweilte Stunden lang in der Redaktion und schaute fast ehrfürchtig den Chefredakteur an, der eifrig die zweite Nummer vorbereitete. Draussen vor der Redaktion hielt den ganzen Nachmittag ein Automobil, das ab und zu zur Reklame ratterte, um die wohlfundierte neue Zeitungsgründung nach aussen hin würdig zu vertreten.

So verging eine Woche. Der Eifer des Herrn Tsang liess nach. Er suchte Zerstreuung bei Fräulein „Kostbarer Edelstein“, die ihm oft bis zum frühen Morgen seine Lieblingslieder singen musste. Der Teilhaber Kung, der Mann mit den tibetischen Goldaktien, kannte den verschwiegenen Aufenthalt seines Geschäftsfreundes und besuchte ihn. Er komme im Auftrag des Chefredakteurs, der Munitionsmangel festgestellt habe und um tausend Dollar bitte. In zwei Minuten war die Bankanweisung ausgeschrieben; Kung kam öfter, etwa alle zwei Tage, und erhielt in den Weinlaunen Tsangs anstandslos das Geld.

Als Kung eines Tags den Chefredakteur Wen sah, klagte ihm dieser wirklich über Munitionsmangel. Kung als Goldgrubenbesitzer in Tibet legte rasch tausend Dollar auf den Tisch des Hauses. Das beruhigte Wen. Inzwischen liefen täglich Briefe bei der Redaktion ein, die auf die allgemeine Begeisterung hinwiesen, mit der „Das Torpedoboot“ in den mittelchinesischen Provinzen gelesen wurde. Mit diesen Briefen, die er selbst bestellt hatte, ging der Chefredakteur zu dem Hauptgründer und Lebemann Tsang und regte die Erhöhung der Auflage von zwei- auf dreitausend an. Der Vorschlag wurde genehmigt, aber wie bisher kamen nur tausend aus dem Druck; die Druckkosten für die übrigen zweitausend waren der gemeinsame Gewinn des Geschäftsführers der Druckerei und des Chefredakteurs.

Chefredakteur Wen fühlte, dass er reich wurde. Und das Alles auf Kosten des kaltblütig vor Nanking abgefeuerten Kanonenschusses. Es fehlten nur noch zehntausend Dollar, dann war er angehender Grosskapitalist. Er schrieb fein säuberlich folgenden Brief an eine hochstehende Persönlichkeit:

„Euer Hochwohlgeboren! In diesen schwierigen Uebergangszeiten ist eine charaktervolle Zeitung für die Volksaufklärung unbedingt erforderlich. Ohne Zweifel werden Sie eigene Interessen haben, die Sie in diesen Zeiten vertreten sehen wünschen. Der grösste Teil der hiesigen Presse ist Ihnen feindlich gesinnt und arbeitet auf Ihren Sturz hin. Wenn Sie Ihren einträglichen Posten weiter zu halten wünschen (ich selbst weiss, wie berechtigt die Angriffe der Ihnen feindlich gesinnten Presse sind) bin ich gern bereit, höhern Orts für Sie einzutreten. Ihre Einwilligung hierzu werde ich darin bestätigt finden, dass Sie mir bis morgen früh zehntausend Dollar überweisen.“

Man muss es der neuen Zeit lassen, dass sie in gewissen Kreisen ein merkwürdig feines Verständnis für den Wert einer „guten Presse“ entwickelt hat. Am folgenden Tag war der Chefredakteur Wen im Besitz der gewünschten Summe. So, jetzt noch einen Griff in die Geschäftskasse, und fort war er.