Ein junger Chinese, der westländische Kleidung trug, geriet mit seinem Vater in Streit, in dessen Verlauf der Sohn ausfällig wurde und dem Vater mit einem Stock ins Gesicht schlug. Als der Vater seinen Sohn dafür züchtigen wollte, zog letzterer einen Revolver aus der Tasche. Zum Glück schritt rechtzeitig die Polizei ein, die grösseres Unglück verhütete. Den Anlass zum Streit soll die Aufforderung des Vaters gegeben haben, der Sohn solle sich seiner westländischen Kleidung entledigen und in der herkömmlichen Tracht den Ahnen die vorgeschriebenen Opfer darbringen.
Das Ereignis ist ein Kulturdokument, das zwischen den paar Zeilen, in denen es dargestellt wurde, unbegrenzte Weiten und Tiefen hat. Es ist das Dokument einer chinesischen Weltstadt, die ein unfiltriertes, gärendes Gemisch von chinesischer und westländischer Kultur ist, ein Gemisch, das die edlen und wertvollen Teile der beiden Kulturen zu untätiger Verbannung ausscheidet, während sich die leichtbeweglichen, materialistischen Teile zu einem berauschenden Trank vermischen, der nach Ansicht Vieler das künftige Lebenselixier Chinas werden soll. Lange habe ich die fünfzeilige Notiz in meiner Westentasche herumgetragen, sie an stillen Abenden hervorgeholt, durch die Finger gleiten lassen und über sie nachgedacht. Ich hab mich im Geist in die Gedankenwelt der beiden Streitenden versenkt, ihre Gründe und Gegengründe gehört, und zuletzt standen sie in meiner Phantasie greifbar vor mir. Und als ich an einem Sommerabend, während vom Fluss weiche, erfrischende Luft wehte, überlegend am Schreibtisch sass, da sagte ich plötzlich laut vor mich hin: „Komm, alter Vater, erzähle mir von Deinem Schmerz und Deinem Zorn.“
Und der Alte erzählte:
Vor fünfzehn Jahren lebte ich in dem Fischerdorf Kiang wan, jenem Ort zwischen Schanghai und Wusung, wo vor einem Jahr der Ausländer in dem grossen Schmetterling durch die Luft flog. Damals bewohnte ich eine kleine Hütte, unterrichtete die Dorfjugend und nährte mich mit Frau und Sohn redlich. Ja, der Himmel hatte mir einen „Edelstein“ geschenkt, der mein Stolz und meine Freude war. Einen Sohn, den ich mir im Geiste der konfuzischen Lebensregeln erziehen wollte, der meiner Seele opferte, wenn dereinst die schattigen Lebensbäume über meinem Grabe rauschten. Ich war nur ein armer Gelehrter, trug aber in meinem Herzen Hochachtung vor dem grossen Unsichtbaren, der die Gestirne in ihren Bahnen lenkt, der aus schlechten Menschen gute und aus guten schlechte zu schaffen vermag.
Trotzdem ich mich eines ordentlichen Lebenswandels befleissigte, strafte mich der Himmel an meinem Sohn. Ich glaube nicht, dass es meine Schuld war, sondern nehme an, dass irgend einer meiner Ahnen Böses trieb, und dass die Strafe des Himmels erst nach vielen Jahrzehnten wirksam ward und gerade meinen Sohn traf.
Bis zu seinem zwölften Jahre war A-tou fleissig und treu. Eines Tages überredete mich ein Verwandter, doch mein einsames Lehrerleben aufzugeben und mich mit dem kleinen ersparten Kapital (es waren etwa sechshundert Stränge Lochkäsch) in Schanghai, der Stadt der Fremden, niederzulassen. Schweren Herzens verkaufte ich meine Hütte und zog nach Schanghai.
Wie mir ums Herz wurde, als ich mit Frau und Kind durch die Strassen der grossen Stadt zog, an den riesigen Steinmauern entlang schritt, die jeden Augenblick einzustürzen drohten, als ich nur ein Stückchen Himmel und keine Sonne sah, will ich nicht schildern. Mir war zu Mute, als ob ich durch die unterlassene Darbringung von Opfern meine Ahnen aufs Schwerste beleidigt hätte und jede Minute von ihrer Strafe ereilt werden könnte. Die Freude meines jungen A-tou war aber ohne Grenzen. Ueberall blieb er stehen. Alles fesselte ihn, über alles wollte er Auskunft haben.
Ich fühlte, wie schon beim ersten Betreten die Weltstadt meinen Jungen in ihre Fangarme nahm, und machte mir gleich selbst Vorwürfe, dass ich ihn nicht streng genug im Geiste unserer Väter erzogen hatte; denn das wäre ein Mittel gewesen, ihn gegen alle Einflüsse, die mit unserer Weltanschauung nicht im Einklang stehen, widerstandsfähig zu machen. Wer aber der Strafe des Himmels verfallen ist, treibt unwiderstehlich dem Zusammenbruch zu; dagegen hält auch die gründlichste Erziehung nicht Stand. So ging es meinem Sohne A-tou. Die bösen Einflüsse gewannen in seinem Herzen die Oberhand und sie erfassten auch mich in manchen Stunden des Tages.
Noch heute verfluche ich die Stunde, wo mich ein reicher Freund besuchte und mich bat, meinen Sohn bei ihm in die Lehre zu schicken. Ich gab den damals Fünfzehnjährigen aus der väterlichen Gewalt. Das Unglück schritt schnell. Ab und zu kam er, modisch gekleidet, zu mir, redete hochtönende Worte und gebärdete sich wie ein hochmütiger Ladenbesitzer. Er hatte mitunter Ansichten, die mir als Vater die blasse Scham in die Wangen trieben; er redete vom Sturz von Kaiser und Altar, von einem Staat, wo kein kaiserlicher Beamter, sondern nur das Volk regierte, und dergleichen Dinge mehr. Seine Ansichten waren so fest unerschütterlich, dass ich keine Worte finden konnte, seinen verirrten Geist wieder auf den richtigen Weg zu führen. Ich erinnere mich nur, dass ich ihm in meiner grenzenlosen Wut die Tür gewiesen habe. Mit einem höhnischen verächtlichen Blick, der mir heute noch aus allen Ecken entgegengrinst, wenn ich nur an A-tou denke, verliess er mich.